Lateinamerikanische Literatur Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme

Anna Seghers-Preis 2019

Die mexikanische Schriftstellerin Fernanda Melchor erlebte dieses Jahr selbst einen Sturm, einen Erfolgssturm. „Saison der Wirbelstürme“ ist das erste auf Deutsch erschiene Buch und auf Anhieb konnte sie in 2019 gleich zwei renommierte deutsche Preise für sich entscheiden: Im Sommer erhielt sie in Berlin zusammen mit ihrer Übersetzerin Angelica Ammar den Internationalen Literaturpreis und Anfang Dezember zusammen mit Autor Joshua Groß den Anna Seghers-Preis in Mainz. Aber was ist ihr Geheimnis? Was überzeugte die Jurys? Und wo ist die Verbindung zu Anna Seghers zu suchen? In Mainz bekam ich im Gespräch mit Fernanda Melchor einige Antworten. Aber der Reihe nach!

Anna Seghers Preis 2019 – Fernanda Melchor
©Charlotte Fischer

Fernanda Melchor studierte Journalismus an der Universidad Veracruzana (Mexiko), schreibt Romane und Reportagen und ihr zweites Buch „Temporada de huracanes“ (Saison der Wirbelstürme) erschien bereits 2016 und wurde 2019 auch für den deutschsprachigen Raum zugänglich gemacht, dem Wagenbach Verlag sei Dank.

Am 6. Dezember nahm ich an der Preisverleihung des Anna Seghers-Preises in der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz teil. Der Preis wird jährlich von der Anna Seghers-Stiftung an noch wenig bekannte Nachwuchsautoren aus deutschsprachigen und lateinamerikanischen Ländern vergeben. Die PreisträgerInnen sollen wie Anna Seghers den Wunsch haben, „mit den Mitteln der Kunst zur Entstehung einer gerechteren, menschlichen Gesellschaft beizutragen, in der gegenseitige Toleranz und Hilfsbereitschaft der Menschen aller Kulturen im Mittelpunkt stehen.“

Den besonderen Bezug zu Anna Seghers zeigte Melchor in ihrer Dankesrede selbst auf. Sie berichtete, dass sie mütterlicherseits von jüdischen Emigranten abstamme, die in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts aus Deutschland geflohen seien und sich in Mexiko niederließen. Ihre Urgroßtante, die Ärztin Lucie Adelsberger, wurde im Mai 1943 nach Auschwitz und später nach Ravensbrück deportiert, wo sie als Häftlingsärztin eingesetzt und Zeugin der Gräueltaten wurde, die dort an den Juden, Sinti und Roma verübt wurden. Über ihre Erfahrungen in den Konzentrationslagern schrieb Lucie Adelsberger ein Buch, das 1956 in Deutschland unter dem Titel »Auschwitz: Ein Tatsachenbericht« veröffentlicht wurde.

Ihr Urgroßvater Manfred kam kurz nach dem Erlass der Nürnberger Gesetze ebenfalls nach Mexiko. Er hatte im Ersten Weltkrieg gekämpft, war als Kaufmann tätig und ein leidenschaftlicher Koch. Seine Kriegserfahrungen, sein Leben in Deutschland oder die Gründe, die ihn zur Emigration veranlasst hatten, erwähnte er gegenüber seinen Töchtern nie. Manfredo, wie er sich in Mexiko nennen ließ, gelang es im Unterschied zu seiner Schwester nicht, sein Leid schriftlich festzuhalten, und er war nicht nur kategorisch dagegen, dass Melchors Großmutter und ihre Schwestern Deutsch lernten, sondern verheimlichte sogar die jüdischen Wurzeln der Familie wie ein schändliches Geheimnis.

  • Jean Radvanyi überreicht Fernanda Melchor den Anna Segers-Preis | ©Charlotte Fischer
  • Dr. Alexandra Ortiz Wallner, Jurorin des Anna Seghers-Preises | ©Charlotte FischerDr. Alexandra Ortiz Wallner, Jurorin des Anna Seghers-Preises | ©Charlotte Fischer
  • Fernanda Melchor mit Übersetzerin Angelica Ammar | ©Charlotte Fischer
  • Übersetzerin Angelica Ammar | ©Charlotte Fischer
  • Preisträger Joshua Groß mit Jean Radvanyi | ©Charlotte Fischer
  • v.l.n.r.: Jurorin Insa Wilke, Übersetzerin Angelica Ammar, Jean Radvanyi, Preisträger Joshua Groß, Preisträgerin Fernanda Melchor, Jurorin Dr. Alexandra Ortiz Wallner, Anna Seghers-Stiftung Vorstand Moritz Malsch | ©Charlotte Fischer

©Charlotte Fischer

Die Nachricht über den Anna Seghers-Preis hat mich sehr bewegt, unter anderem auch, weil ich diese Ehre mit anderen von mir bewunderten mexikanischen Schriftstellern und Schriftstellerinnen teile, wie Yuri Herrera, Guadalupe Nettel, Carmen Boullosa, Cristina Rivera Garza und Hermann Bellinghausen, und ich auf diese Weise ein Glied dieser literarischen Brücke werde, die Mexiko mit Deutschland verbindet.

Dr. Alexandra Ortiz Wallner, Jurorin des diesjährigen Anna Seghers-Preises und am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin tätig, hatte Melchor als eine der beiden Preisträger ausgewählt. Neben der familiären Parallelen, die Melchor darlegte, verwies Wallner auch auf die literarischen Gemeinsamkeiten: „Trotz der Gewalt und Zukunftslosigkeit, die Melchors fiktionale Schauplätze sprachlich ausdrucksvoll prägen, wird die poetische Imagination zur großen Überlebenden ihrer Literatur. ‚Denn wir schreiben nicht um zu beschreiben, sondern um beschreibend zu verändern‘, schrieb Anna Seghers 1932 in ‚Kleiner Bericht aus meiner Werkstatt‘, genau in diesem Geiste Anna Seghers bewegen sich Fernanda Melchors Texte.“ Der Preis wurde von Jean Radvanyi, Enkelsohn Anna Seghers, überreicht. Ihr Sohn Pierre Radvanyi konnte an der Verleihung leider nicht teilnehmen. Die Streikenden in Frankreich hatten ihm einen Strich durch dir Rechnung gemacht. Am gleichen Abend erhielt auch der Autor Joshua Groß den Preis.

Anna Seghers Romane sollten
auf Spanisch neu verlegt werden

Im Anschluss an die Verleihung wollte ich von Fernanda Melchor wissen, welche Strahlkraft Anna Seghers im heutigen Mexiko noch hat. Melchor erklärte, dass diese mit der Zeit verblasst sei. Aus zwei Gründen: Zum einem läge es daran, dass Seghers Mexiko verlassen habe. Zum anderen gäbe es leider keine Neuauflage ihres Werkes in Mexiko oder Spanien. Die letzten Ausgaben auf Spanisch wären in den 80er Jahren erschienen – also vor mehr als 40 Jahren (!) Melchor musste Bücher von Anna Seghers, wie bspw. „Das siebte Kreuz“ oder „Transit“ auf Englisch lesen. Dies sei nach wie vor ein wirkliches Problem und sie würde sich freuen, wenn die Resonanz auf diesen Preis helfen könne einen Verlag zu finden, der sich dieser Aufgabe annimmt. So könne man Anna Seghers auch in Hinblick auf aktuelle Entwicklungen lesen, denn ihr Werk hätte nicht nur einen poetischen und ästhetischen Wert, sondern auch eine politische Botschaft. Es sei wichtig, wie seit langem nicht mehr, diese zu hören.

Auf meine Frage, warum dieser Preis so besonders für sie sei, hatte sie gleich mehrere Antworten parat. „Zum einem werde ich mit einer außerordentlichen Autorin, von großer Qualität und Humanität in Verbindung gebracht. Das macht mich natürlich sehr stolz. Der Preis verbindet mich aber zugleich auch mit dem deutschen Publikum. Der Traum jeder Schriftstellerin ist ja, dass das eigene schriftstellerische Werk in viele Sprachen übersetzt wird, damit es von LeserInnen auf der ganzen Welt gelesen werden kann.“ Aber dies sei natürlich auch sehr schwierig, erklärte sie weiter. Im Grund erschien ihr Roman in Deutschland allein, ohne jeglichen Kontext. Sie selbst könne es ja nicht einmal auf Deutsch lesen. Von daher sei dieser Preis ein wichtiger Bezug, denn Anna Seghers werde so zur Patin für den Roman. Das stimme sie sehr optimistisch. Die Parallelen zu ihrer eigenen Familienhistorie verbinde sie ebenfalls sehr stark mit der deutschen Autorin.

©glasperlenspiel13

Mir schien, dass Melchor mit dem Roman mittlerweile mehr Erfolg in Deutschland als in Mexiko hat. Das könne man so nicht sagen, entgegnete sie. Aber es sei schon sehr komisch. Obwohl sie kein Deutsch spreche, könne sie mit der Hilfe von Übersetzungsprogrammen erkennen, ob die Rezension positiv sei oder nicht. Sie spüre aber noch etwas: Das deutsche Publikum habe ein großes Interesse an ihrer Sprache und verstehe diese auch. In Frankreich hätte sie die Erfahung gemacht, dass das Publikum ihr Buch als trash bzw. zu sehr als punk empfand. In Mexiko hingegen habe sie sehr viele junge Leser, vor allem junge Frauen, die jünger als sie selbst seien. Und das freue sie um so mehr, denn als sie aufwuchs, in den 90er und 2000er, gab es sehr wenige Schriftstellerinnen mit denen sie sich identifizieren konnte.

Schonungsloser Blick auf das
alltägliche Elend in Mexiko

Melchors Roman gleicht dem Erdrutsch, den das Dorf im Roman erfährt. Auch ich war teilweise hin- und hergerissen von der Sprache. Musste sogar zuweilen das Buch erst einmal weglegen, mich sammeln, durchatmen, um dann wieder von Neuem beginnen. Es ist die Sprache der Straße, der Hoffnungslosigkeit, der Verzweifelten. Sie zusammen ergeben einen stimmgewaltigen Chor.

Als roter Faden, der alle Perspektiven und Geschichten zusammenhält, dient der Mord eines Transvestiten. Melchor zeigt einen schonungslosen Blick auf das alltägliche Elend in Mexiko. Und immer wieder sind es vor allem die Schwachen der Gesellschaft: Kinder, junge Frauen, Ausgegrenzte, die noch mehr Leid erfahren müssen. Die Polizei ist korrupt und nicht handlungsfähig im Sinne der Gerechtigkeit. Das Unglück der Frauen sind Kinder und Männer, das der Männer die Frauen. Ein Teufelskreis, der sich weiter dreht, ein Ende scheint nicht in Sicht. Diesen Beitrag möchte ich dennoch hoffnungsvoll enden lassen und übergebe nochmals Fernanda Melchor das Wort:

Die Geschichten, von denen meine Romane handeln, sind auch von Schrecken und Gewalt durchsetzt, und die Figuren in meinen Büchern sehnen sich ebenso verzweifelt wie erfolglos danach, einer Wirklichkeit voller Unterdrückung zu entkommen – trotzdem versuche ich immer, eine kleine Flamme der Hoffnung in die Herzen der Menschen zu setzen, eine kleine Flamme, die hoffentlich wächst – dank der Empathie, die beim Lesen literarischer Texte entsteht, dank dieses brüderlichen Geistes zwischen den Menschen, den die Literatur weckt und den zu verbreiten und zu verstärken in unseren Gemeinschaften heute wichtiger ist denn je, als eine Form des Trostes und der Hilfe für all diejenigen, die auf der Suche nach einem besseren Leben aus ihrer Heimat flüchten müssen.


Fernanda Melchor: Saison der Wirbelstürme
Original: Temporada de huracanes
Übertragen aus dem Spanischen von Angelica Ammar
Wagenbach Verlag, Berlin 2019

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