„Der Weg zu den Quellen führt gegen den Strom“ – Ein Besuch bei leiv – Leipziger Kinderbuchverlag

Zu Besuch beim LEIV VErlag in Leipzig ©glasperlenspiel13

Viele werden nostalgisch, wenn die Erinnerungen an die eigene Kindheit aufkommen und sie sich an die Spiele und Bücher vergangener Tage erinnern. In meinen Fall ist es zuweilen schwierig die Bücher aus der ehemaligen DDR zu beziehen, wenn es da nicht einen wunderbaren Verlag gäbe, der viele Lizenzen besitzt und mit viel Hingabe und Leidenschaft neue Ausgaben verlegt. Ich spreche vom Leipziger Kinderbuchverlag leiv!


Kindheit und Heimat zugleich

Im Osten von Leipzig, am Torgauer Platz finde ich den Verlagssitz. Mich erwartet ein wunderschöner Nachmittag mit einer Familie, die sich ganz den Büchern verpflichtet hat. Steffen Lehmann, seine Tochter Katja Lehmann und die dritte, nachkommende Generation empfangen mich – ebenfalls mit drei Generationen angereist – herzlich. Bei einem gemütlichen Käffchen beginnt die Reise in die Vergangenheit. Lehmann war zu DDR-Zeiten Abteilungsleiter der LKG Importbuch (Leipziger Kommissions- und Großbuchhandelsgesellschaft) und somit Kenner seines Faches. Die Wendezeiten Ende der 80er Jahre waren vor allem unsicher und orientierungslos. Keiner wusste so recht, wie die Reise innerhalb der Verlagsbranche weiter gehen würde. Die ersten Schritte hin zu einem eigenständigen Verlag waren noch von Namenstreitereien und juristischen Hindernissen geprägt. Es dauerte bis zur Konsolidierung und Gründung im Jahre 1991. Seitdem wechselten die Gesellschafter aber seit 2006 ist Lehmann alleiniger Verleger und sein Motto wird an diesem Nachmittag schnell klar: Immer gegen die Tendenz.

Während ich fast drei Stunden mit den beiden Lehmanns über Bücher, ihre Leidenschaft und die Verlagsbranche spreche, probiert die nächste Generation im Erdgeschoss die Belastbarkeit des Druckers aus und Oma blättert in den Büchern ihrer Jugend.

„Wir dilletieren hier vor uns hin.“

Der erste großer Erfolg des Verlags war die Neuauflage der Wolkow-Reihe, die früher unter dem Ladentisch als sogenannte Bückware verkauft wurde. Verfasser Alexander Wolkow schrieb 1939 den 1. Band „Der Zauberer der Smaragdenstadt“ und bediente sich dabei noch am amerikanischen Original „Der Zauberer von Oz“. Warum es damals keine Probleme in Bezug auf das Urheberrecht gab, lässt sich ganz einfach erklären: Die Sowjetunion hatte das Genfer Welturheberrechtsabkommen nicht unterschrieben und war somit nicht angreifbar. In den folgenden Bänden, die Wolkow erst in den 60er Jahren schrieb, ließ er aber seiner Phantasie freien Lauf und schuf eine wunderbare Welt, die ich wohl nie wieder vergessen werde.

Ein Schwerpunkt des Verlages ist die Literatur aus Osteuropa und wie die Titel zum leiv Verlag kommen, geschieht auf sehr unterschiedliche Weise. Lehmann hat durch seine frühere Tätigkeit sehr gute Kontakte nach Russland und spricht auch heute noch fließend Russisch. Die Beziehungen zu osteuropäischen Partnerverlagen werden ebenso regelmäßig genutzt. Zu nennen wären da der Albatros Verlag und EUROMEDIA, beide in Prag ansässig. Des Weiteren der Mora Verlag aus Budapest und Raduga und Rosmania aus Moskau. Bei alten Büchern versucht der Verlag die Rechte zu kaufen oder mit den Autoren, wenn sie noch leben, zu verhandeln. Ansonsten werden die Erben angesprochen, denn der Verlag ist immer auf der Suche nach historischen Schätzen.

Seit seiner Gründung im Jahr 1991 verfolgt leiv Leipziger Kinderbuchverlag ein verlegerisches Konzept, das vornehmlich den Kinderbuchklassikern Osteuropas gilt und auch das „Best of” DDR-Kinderliteratur einzuschließen versucht. Dies ist keine Begrenzung unseres Horizontes, denn auch junge Autoren und Illustratoren aus Westen, Süden und Norden finden unsere Aufmerksamkeit.

Wie lang man diese Nische noch bedienen könne, weiß Verleger Lehmann auch nicht. Denn auch die Leidenschaft muss Umsatz bringen. Pluspunkt für den gebürtigen Dresdner war, dass er den richtigen Riecher im richtigen Moment hatte. Als andere Verlage wie bspw. Beltz oder der Eulenspiegel Kinderbuchverlag auf den Zug aufsprangen, war der Leipziger Verlag mit seiner programmatischen Ausrichtung längst etabliert. So hat sich u.a. die Erfolgsgeschichte des kleinen Maulwurfs verselbstständigt und ist ein Longseller des Verlages geworden. Aber dann gesteht mir Lehmann mit einem verschmitzten Lachen, dass die Verlagscrew eigentlich überhaupt nicht wisse, wie ein Verlag funktioniere. Es gäbe im Verlag keine gelernte Verlagsfachfrau – nur zwei Buchhändler und viele Freischaffende, die in den Bereichen Lektorat, Layout und Herstellung unterstützen. Im Vertrieb seien alle mehr oder weniger tätig. Seit sieben Jahren ist auch Tochter Katja Lehmann an Bord und ist als gelernte Buchhändlerin Allrounderin im Verlag. Sie hat vor allem Social Media (Facebook und Instagram) fest im Blick. Die Zukunft gehört IllustratorInnen und SchriftstellerInnen wie Daniel Bauer, denn der Verlag versteht sich auch als ein Forum für junge Nachwuchstalente, die bei leiv ihren ersten „Auftritt” bekommen. Erwähnenswert wären diesbezüglich auch Paul Christian Schwellenbach und Illsutrator Fabian Erlinghäuser mit ihrem Buch „Die Geschichte vom Sandkasten, der so gerne ein Strand sein wollte“ und „Komm, wir segeln über Land“ von Udo Hinnerkopf und Julia Gerigk

„Solange ich lustig bin, mach ich das noch.“

Der Verlag erhalte natürlich regelmäßig Angebote von großen Verlagen hinsichtlich einer Übernahme. Aber die Lust und die Leidenschaft ist auch an diesem Nachmittag bei beiden Lehmanns zu spüren, so dass gar nicht an einen Verkauf zu denken ist. Mit ihren Büchern sind sie in der ganzen Welt unterwegs. Die Messen in Frankfurt, Leipzig, Bologna und Peking sind fest eingeplant im jährlichen Kalender. Absoluter Hype in China sind momentan die Bücher mit den Illustrationen des Berliner Künstlers Klaus Ensikat. Nach über 25 Jahren ist der leiv Verlag in der Buchbranche angekommen und der größter Traum und Wunsch ist und bleibt, dass der Verlag nicht untergeht.

Und was könnt ihr nun beim leiv Verlag finden? Unter vielen anderen Bücher eben diese Klassiker: Die Geschichten vom kleinen Maulwurf (Illustrator Miler Zdeněk, Prag), den Zauberer der Smaragdenstadt (Alexander Wolkow und Leonid Wladimirski, Moskau), den Pechvogel Alfons Zitterbacke (Gerhard Holtz-Baumert, Berlin), den hintersinnigen Spaßvogel Ottokar (Ottokar Domma und Klaus Vonderwerth, Berlin), die Abenteuer des kleinen Ferdinand (Ondřej Sekora, Prag), die Drei lustigen Gesellen (Eno Raud und Edgar Valter, Tallinn) oder die Lustigen Geschichten (Wladimir Sutejew, Moskau) prägen das Verlagsprogramm bis heute. Von Alfons Zitterbacke erschien erst dieses Jahr eine Neuverfilmung. Eine freche und witzige Komödie über Freundschaft, den Weltraum, Väter und Söhne und die besten Anleitungen zum Raketenbauen.

Der Nachmittag fühlt sich an wie ein Familienbesuch. Das Kramen in der Vergangenheit und gemeinsame Erinnern. Herzlichkeit und Gastfreundschaft. Verbundenheit und Nähe. Ein gemütliches Kaffeekränzchen zu dem schönsten Thema der Welt: Bücher und Literatur. leiv – ein Verlag, den ich zu jeder Messe besuche. Dessen Programm ich mir immer anschaue und immer wieder neue alte Titel entdecke. Liebe Lehmanns stellt schon mal den Kaffee warm, wir kommen wieder!

Überraschungen & Empfehlungen

Bevor ich diesen Herzensbeitrag beende, möchte ich meine Leserinnen an all meinen persönlichen Schätzen teilhaben lassen. Von daher gibt es jetzt zum Nikolaus DIE Bücherempfehlungen für das kommende Weihnachtsfest. Ich habe mich durch das ganze Verlagsprogramm gearbeitet und meine Lieblinge zusammengetragen.

Und zu guter Letzt noch eine Überraschung, die Katja und ich zusammen ausgeheckt haben: ein Gewinnspiel für alle Kinderbuchfans. Schreibt bis Ende Dezember in die Kommentare Eure Lieblinge aus dem leiv Verlag und gewinnt im Rahmen des kommenden 100. Geburtstags (2020) von Gianno Rodari seinen Kinderbuchklassiker „Zwiebelchen„. Auf der Verlagsseite findet ihr alle Bücher.
Wir sind gespannt!

10 Kommentare

  1. Ganz herzlichen Dank für diesen wundervollen Beitrag! Auf der Buchmesse sticht der Verlag mit seinem Stand immer sofort ins Auge und ich stöbere immer gern durch das Angebot. Hoffentlich kann der Verlag sich weiterhin auf dem Markt behaupten. 🙂
    Ich liebe natürlich den Maulwurf. Mit ihm bin ich großgeworden – allerdings leider nur in Form der TV-Serie. Die Geschichten von Ferdinand und „Morgens früh um 6“ habe ich dagegen vorgelesen bekommen – und gerade letzteres sehr gemocht.
    Als Erwachsene habe ich dank des Verlags „Der Waldlauf“ bzw. Illustrator Daniel Bauer für mich entdeckt – seine Bilder beeindrucken mich immer wieder aufs Neue.

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    1. Liebe Kathrin,

      entschuldige die verspätete Antwort. Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass wir ins Kino gegangen sind, um den Maulwurf zu sehen.
      Und wahrlich hat der leiv Verlag nochmehr zu bieten :)

      Liebe Grüße
      Die Bücherliebhaberin

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  2. Ja, ich durfte bei diesem Besuch im leiv Verlag dabei sein und habe auch als Oma die vielen schönen Bücher meiner Kindheit wiedergefunden. Es war auch für mich ein Erlebnis, so viel Begeisterung für Bücher seitens der Familie Lehmann zu erleben. Ich wünsche mir, dass auch meine Enkel und deren Kinder noch diese schönen Bücher erleben können.
    Der Artikel ist gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten erschienen, so dass vielleicht das eine oder andere Buch unter dem Weihnachtsbaum liegen wird. Es wäre nicht nur für die Kinder eine Bereicherung.

    Gefällt 1 Person

    1. Solange wir die schönen Bücher kaufen, bleibt uns der leiv Verlag erhalten. Von daher sind natürlich alle vorgestellten Bücher auch Weihnachtsempfehlungen :)

      DANKESCHÖN und liebe Grüße!!

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