Isak Samokovlija: Der Jude, der am Sabbat nicht betet

Für die Publikation zum zehnjährigen Jubiläum der Weltlese hat Herausgeber Ilija Trojanow einen kleinen Schatz geborgen. Mehr als 40 Jahre lang mussten LeserInnen auf die Wiederentdeckung des jüdisch-bosnischen Schriftstellers Isak Samokovlija warten. Mit dem Erzählband Der Jude, der am Sabbat nicht betet wird die Lücke geschlossen.

Im Mittelpunkt von Samokovlijas Erzählungen stehen die einfachen jüdischen Leute, kleine Händler, Schuster, Lastenträger, Arme und Kranke. Juso, Samuel, Davoka, Idriz und Jahijel verbindet das schwere Alltagsleben, der tief religiöse Glaube und immer auch Schmerz und Unrecht, verursacht durch Krankheit, Elend und Armut. Samokovlija wird durch seine realistischen Schilderungen und Eindrücke zum Chronisten der sephardischen Juden in Bosnien von der Jahrhundertwende bis in die Fünfzigerjahre. Er blickt dabei tief in die Seele seiner Charaktere. Den LeserInnen wird nicht nur eine Welt beschrieben, sie werden förmlich in sie hineingezogen.

Spürbar ist die Erniedrigung des Lastenträgers Samuel, als ihm sein zukünftiger Schwager bei der Verlobung reinen Egoismus und Habgier vorwirft. Spürbar auch der Schmerz des verwitweten Schusters Rafael, der das Lächeln Simhas irrtümlich für einen Liebesbeweis hält und niedergeschmettert ist, als er erfährt, wem ihr Herz eigentlich gehört. Hankas verzweifelte Eifersucht und ihre rachsüchtigen Gedanken gegenüber dem Geliebten Sejdo spielen sich ebenso vor dem inneren Auge des Lesers ab wie die Trauer und Verzweiflung Davokas, einem der wenigen Juden, der den Zweiten Weltkrieg überlebt hat.

„Die Zeit, die Zeit wird alles glätten, heilen …“

Ungeachtet allem Elend und Schmerz begehren die Figuren auf und trotzen den Zuständen und Lebenssituationen: Idriz will die Krankheit seiner Liebe Malka nicht hinnehmen und heiratet sie, bevor sie 14 Tage später stirbt. Samuel verzichtet auf die 10 Gulden Mitgift, um die Ehre seiner Braut und seine eigene zu wahren. Und der Witwer und Schuster Jahijel Daniti befreit sich nach vielen Rückschlägen bei der Brautsuche von der Bevormundung des Rabbis Hajum und sucht sich selbst eine Frau. Seine rebellische Natur lebt in seiner Tochter Streja weiter, die sich 1941 nicht einfach von den Faschisten in die Todeslager führen lässt, sondern stattdessen zur Waffe greift und zu den Partisanen geht.

„Vergessen wird man das alles … Vergessen werden wir die Toten … Vergessen werden auch wir Lebenden unsere Leiden … Die Zeit, die Zeit wird alles glätten, heilen … So sagt man, und solange man so sagt wird es auch so sein.“

Samokovlija gelingt neben einer eindringlichen Darstellung menschlicher Empfindungen eine atmosphärische Beschreibung der Lebensbedingungen der Figuren. Die Natur wird nahezu in allen Texten geradezu glorifiziert. In der Erzählung „Die Drina“ personifiziert er den gleichnamigen Fluss, indem sich der Flößer Klindžo dem fließenden Wasser mit voller Begierde ganz hingibt und schließlich den Selbstmord sucht.

Isak Samokovlija_Der Jude, der am Sabbat nicht betet
Der Beitrag erschien bereits im Büchergilde Magazin 2/2018

Aus einer Fülle an Erzählungen wählte Ilija Trojanow für den Weltlese-Band acht Geschichten und macht damit neugierig auf das gesamte Oeuvre des Schriftstellers, das neben Bühnenstücken auch Gedichte umfasst. Leider sind diese noch nicht komplett auf Deutsch erhältlich. Ein kluges und detailliertes Nachwort von Dzevad Karahasan ergänzt den Band. Der bekannteste zeitgenössische Schriftsteller aus Bosnien stellt die Erzählungen in den zeitgeschichtlichen Kontext und geht auf besondere Aspekte des Werkes Samokovlijas ein.

Samokovlijas unterstand als bosnischer Jude seit 1941 den Rassengesetzen des faschistischen Ustascha-Regimes in Kroatien und kann daher Zeugnis ablegen und Erfahrungen in seine Erzählungen einfließen lassen. Diese strahlen trotz allem Kummer und Leid eine ungeheure Kraft und Energie aus. Sie sind eine sprudelnde Quelle alter Weisheiten einer untergegangenen Welt, die ich so noch nicht kannte und der ich wünsche, dass viele LeserInnen von ihr erfahren.

Der Band ist sowohl für Büchergilde-Mitglieder erhältlich, als auch für Nicht-Mitglieder.

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Isak Samokovlija: Der Jude, der am Sabbat nicht betet
  Ilija Trojanow (Herausgeber)
Weltlese, Band 20
Büchergilde Gutenberg, Frankfurt
Edition Büchergilde

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