Zu Besuch beim Donata Kinzelbach Verlag: „Als Verlag muss man ein Profil haben!“

Welch glücklicher Zufall: In meinem Viertel ist seit Jahrzehnten ein kleiner Independent Verlag beheimatet: der Kinzelbach Verlag. Die Verlegerin Donata Kinzelbach hatte ich vor einem Jahr auf einer kleinen Mainzer Buchmesse kennengelernt und für mich war sofort klar, ich wollte sie und ihr Verlagsprogramm so schnell wie möglich kennenlernen. Und genau am 5. Juli – dem Tag der Unabhängigkeit Algeriens – trafen wir uns für ein Interview in ihrem Haus in Mainz. Ihr fragt Euch, was hat das mit Algerien zu tun? Dann lest weiter…

sdr
Donata Kinzelbach vor ihrem Haus, der auch die Verlagsräume beherbergt ©glasperlenspiel13

Schon während ihres Studiums der vergleichenden Literaturwissenschaft in Mainz interessierte sich Donata Kinzelbach für Algerien und die algerische Literatur. Direkt nach Studiumsende gründete sie 1987 mit nur 32 Jahren in Mainz den Donata Kinzelbach Verlag. Ursprünglich komme sie aus der Eifel, sie sei aber Wahlmainzerin. Die Stadt entspräche ihrer Mentalität und sei „schön provinziell“. Die ersten Jahre als Verlegerin seien jedoch beschwerlich gewesen, da die Erfahrungen und das nötige Wissen für die Verlagsbranche fehlte. Auch die Informationsbeschaffung sei damals nicht einfach gewesen. Neben Algerien fokussierte sie sich auch auf die Literatur aus Tunesien und Marokko. Mit diesem sehr speziellen Ausrichtung hat sie sich im deutschsprachigen Raum ein Profil erarbeitet, was seinesgleichen sucht.

Algerien

Sie verlegt aber nicht nur Bücher aus dem Maghreb, sondern veröffentlichte selbst zwei interessante Titel über Algerien. Zum einem „Tatort Algerien“, das über die blutigen Jahre berichtet und einen Einblick in das Alltagsleben Intellektueller und Schreibender während dieser Zeit gibt. Zum anderen „Algerien – Ein Land holt auf!“, ein Buch das mit Vorurteilen aufräumen möchte. Aktuelles Beispiel für ein völlig verzerrtes Bild des Landes sei das Buch von Alice Schwarzer „Meine algerische Familie“, das leider nur die Perspektive der Oberschicht wiedergäbe und klischeebehaftet sei. Wer wirklich wissen möchte, was Algerien ausmacht, sollte zu Kinzelbachs Sachbüchern greifen.

„Seinen Stundenlohn darf man sich nicht ausrechnen“

Die Manuskripte liest sie zumeist erst auf Französisch, da vor allem die ältere Generation noch in der Kolonialsprache schreibt und veröffentlicht. Die neue Generation wendet sich eher dem Arabischen und Englischen zu und überraschend viele haben gute bis sehr gute Deutschkenntnisse. Sie sehen in der Sprache und Bildung ihre Chance für die Zukunft. Die Autoren empfängt Donata Kinzelbach regelmäßig in Deutschland und bürdet sich damit auch ein hohes finanzielles Risiko auf, da die Schriftsteller nur über eine Einladung ihrerseits einreisen können.

In der thematischen Ausrichtung der Literatur eint alle drei Länder das Trauma der Kolonialisierung. Tunesien konnte sich 1956 zuerst von der französischen Kolonialmacht befreien. Es folgte Marokko. Den blutigsten und längsten Entkolonialisierungsprozess hat aber Algerien hinter sich. Kinzelbach konnte das Land zehn Jahre lang nicht besuchen, da es einfach zu gefährlich war. Die Repressalien trafen vor allem Intellektuelle, Ausländer und Künstler. Sie wäre sofort zur Zielscheibe geworden.

Ckouaki_Abouzeid_Bey

SchriftstellerInnen wurden sehr lange in den patriarchalischen Strukturen der Länder nicht beachtet. In Algerien werden seit 2002 auch Frauen wahrgenommen, so zum Beispiel die bekannte algerische Autorin Samia Benameur, die unter ihrem Pseudonym Maïssa Bey veröffentlicht oder die marokkanische Schriftstellerin Leila Abouzeid. Aus Tunesien gibt es bisher kaum weibliche Stimmen.

Und wie gelangen die Texte zu Donata Kinzelbach? Viele der AutorInnen kämen direkt auf sie zu, da sie sich über die Jahre einen Namen in der Region gemacht hat. Zwei bis drei Mal im Jahr reist sie in die Länder und besucht auch die großen, wichtigen Buchmessen wie den Salon International du Livre d´Alger oder die Buchmesse in Casablanca, dem Salon International de l’Edition et du Livre de Casablanca (SIEL). Auf ihren Reisen hätte sie noch nie Probleme gehabt, zumal die Algerier die gastfreundschaftlichsten Menschen seien, die sie kenne.

Ein besonderes Anliegen von Donata Kinzelbach ist der Kontakt zu jungen Menschen. Sie möchte diese mit neuen Ländern und Kulturen konfrontieren und somit Horizonte öffnen. Und so findet man in ihrem Programm auch Schulmaterial für den Französischunterricht. Zum einem 34 einsprachige Bücher inkl. Vokabelhilfe und zu anderem Titel mit einer extra Lehrerhilfe. Absoluter Liebling untern den Schülern sei der Musikerroman „Stern von Algier“ des algerischen Schriftstellers Aziz Chouaki.

Kinzelbach schließt keine langjährigen Verträge, sondern immer nur Vereinbarungen für ein bestimmtes Projekt ab, zu dem Verlag und Autor ganz natürlich zueinander finden. Longseller des Verlages sind u.a. Leïla Abubaïd, die in ihrem Roman „Eine Verstoßene geht ihren Weg“ den Unabhängigkeitskampf Algeriens thematisiert.  Das war das erste marokkanische Buch, das ins Amerikanische übersetzt wurde und in den USA u.a. als Pflichtlektüre für „postcolonial writing“ aufgenommen wurde. Und dann gerät Kinzelbach noch ins Schwärmen als sie von ihrem aktuellen Projekt berichtet: Sie arbeitet an den Memoiren einer 84jährigen Deutschen, die als junge Frau und ausgebildete Hebamme nach Algerien gegangen ist und in Algerien geheiratet hat. Sie sei gerade aus Algerien zurückgekommen und habe zig Stunden Interviewmaterial für das neue Buch mitgebracht.

Und dann fällt ihr noch ein Name ein: Rachid Boudjedra. Sie sei sehr froh ihn im Programm zu haben. Mittlerweile sind 14 Bücher des algerischen Schriftstellers im Kinzelbach Verlag erschienen. Das wir in Deutschland Zugang zu dieser Literatur erhalten ist nicht nur Donata Kinzelbach zu verdanken, sondern auch den großartigen ÜbersetzerInnen, wie Barbara Ganzer und Ruth Wenzel, mit denen eine langjährige Zusammenarbeit besteht.

Ob sie Wünsche für die Zukunft habe? Das der Buchmarkt für kleine unabhängige Verlage wie ihrem erträglich bleibt, antwortet sie mir und dass die Bürokratie nicht noch mehr Überhand gewinnt. Sie habe Ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und es nie bereut. Für jedes neue Buch müsse sie kämpfen. Sie sei aber für alles offen, ausschlaggebend sei immer die Qualität. Sie würde kein Buch verlegen, nur weil es sich verkaufen lässt. Für ihr verlegerisches Engagement erhielt sie 2008 das Bundesverdienstkreuz.  Etwas beunruhigt schaut sie dennoch in die Zukunft. Wie wird es mit dem Verlag weitergehen? Keiner will sich heute mehr verpflichten.

Youssouf Amine Elalamy_Gestrandet

In der deutschen Kritik werden ihre Bücher von den großen Printmedien nicht besprochen, dafür aber beim SWR2, WRD5 oder dem Deutschlandfunk. Für die Literaturbeilagen fehle ihr das Geld für entsprechende Anzeigen. Und das sei eben auch die Buchbranche. Wer nicht die nötigen finanziellen Mittel oder Beziehungen habe, würde nicht berücksichtigt. Ihre drei Kinder seien mit dem Verlag groß geworden und alle seien sehr buchaffin, hätten sich aber beruflich dann doch in ganz andere Richtungen entwickelt.

Nach einem hoch interessanten langen Gespräch, was uns beiden sehr viel Freude bereitet hat, gibt mir Donata dann noch ein Buch von Youssouf Amine Elalamy mit. Sein 2009 erschiener Roman „Gestrandet“ berichtet von Bootsflüchtlingen, die illegal von Marokko nach Spanien übersetzen wollen. Es sei ein ganz besonderes Buch, das zuweilen mit Celans „Todesfuge“ verglichen werde. Elalamy beschriebe die Geschehnisse mit einer sehr sensiblen und poetischen Sprache. Ein Thema, das nicht erst seit 2015 aktuell ist und das uns leider auch weiterhin begleiten wird.

Am 17./18. November 2018 wird der Donata Kinzelbach Verlag bei der Buchmesse im Mainzer Rathaus anzutreffen sein und natürlich auch auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober.

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