Anna Funder mit „Alles was ich bin“ in Frankfurt

 

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Anna Funder in der denkbar Frankfurt

Mittwochabend in der denkbar Frankfurt. Zu Gast: die preisgekrönte, australische Schriftstellerin Anna Funder. Ihre Übersetzerin Reinhild Böhnke, die für ihre Übertragung des Romans ins Deutsche viel Lob erhalten hat, moderierte durch den Abend. Die deutschen Texte las sehr überzeugend Peter Schröder vom Ensemble des Schauspiels Frankfurt. Anna Funder war sehr froh in der Stadt zu sein, wo Ruth Blatt, der sie die Geschichte zu „Alles was ich bin“ verdankte, einst studierte.

Gleich zu anfangs war ich überrascht von den sehr guten Deutschkentnissen der Australierin. Ich erfuhr, dass sie in den 80er Jahren in West-Berlin studiert hat und ihr Interesse an Deutschland und der deutschen Sprache bis weit in ihre Schulzeit zurück reicht. Mit ihrem Debüt „Stasiland“ wurde sie 2004 über Nacht berühmt. Auch ihr zweites Buch nähert sich Deutschland und thematisiert eine Geschichte, die sich in den 30er Jahren in Großbritannien abgespielt hat: Die Sekretärin Ernst Tollers Dora Fabian wird 1935 mit einer Weggefährtin tod in ihrem Bett im Londoner Exil aufgefunden. Das britische Gericht befindet, dass sich beide aus amourösen Gründen selbst umgebracht haben. Anna Funder hat diesen Stoff mit fiktionalen Elementen und einer schier unendlichen großen Menge an Fakten zu einem Roman verarbeitet. Ich möchte an dieser Stelle noch nicht allzu viel verraten, da ich diesen bald selbst vorstellen möchte.

Anna Funder
Anna Funder & Peter Schröder in der denkbar

Auf die Frage, ob Sie Ernst Toller durch ihr Studium bereits gekannt hatte, musste die Schriftstellerin leider verneinen. Auch ich kann mich nicht entsinnen im Germanstikstudium je von ihm gehört zu haben. Schon eher durch den Geschichtsunterricht am Gymnasium oder durch persönliches Interesse. Seine bekanntesten Werke sind „Eine Jugend in Deutschland“ und die Dramen „Masse Mensch“ und „Die Wandlung“. Das sei eben auch das Dilemma vieler Schriftsteller, so Funder, dass sie an ihre Zeit und Umstände gefesselt sind und es nicht schaffen über diesen Horizont hinaus auch spätere Generationen zu begeistern. Sie wollte vor allem Tollers Extreme ausloten. Zum einen die öffentliche Person Ernst Toller und zum anderen den sensiblen Schriftsteller, der um Schreiben zu können, Gitterstäbe an seinem Fenster anbringen ließ, um so den geschlossenen Raum und die Atmosphäre des Gefängnisses nachzuempfinden und inspiriert zu werden. Toller saß aufgrund politischer Aktivitäten fünf Jahre im Gefängnis (1920-1925) und lehnte eine Begnadigung ab. Immer wieder kommen Fragen zu den Quellen und der Authentizität des Dargestellten. Dazu Anna Funder:

„Das ist ihre Geschichte oder was ich daraus gemacht habe. Sie wurde aus fossilen Bruchstücken rekonstruiert, ganz ähnlich wie man ein Gerüst aus Saurierknochen mit Haut und Federn ergänzen könnte, um das Tier im Ganzen zu sehen. Das sich die Knochen, die ich gefunden habe.“

Die Fakten zu Dora Fabian selbst stimmen. Trotzdem war es für Funder schwierig und komplex den Roman zu schreiben. Mit neunzehn habe sie die wirkliche Ruth Blatt (im Roman ist es die Cousine von Dora Fabian, im wirklich Leben war es eine gute Freundin) in Melbourne kennengelernt, aus der die Ruth Becker in „Alles was ich bin“ wurde. Sie war genau sechzig Jahre älter als sie selbst, aber so voller Leben und so gegenwärtig. Eine Frau, die trotz ihres schweren Lebens weder Charme noch Humor verloren hat. Ihre Intention zu diesem Roman ist vielfältig. Zunächst wollte sie sicher auch jene Menschen ehren, die den Mut hatten sich in den Dreißigern den Nazis entgegenzustellen. Wie die politische Ebene plötzlich die private Ebene durchdringt, wie das Vertrauen zwischen Eheleuten in extrem angespannten Zeiten plötzlich in Misstrauen umschlägt. Wie blind man gegenüber dem privaten Umfeld, wie Verrat alltäglich wird. Beeindruckt war sie von der Zivilcourage dieser Menschen, die ihr Leben für eine Sache geopfert haben.

In Australien stand der Roman wochenlang auf den Bestseller-Listen. Als Hintergrund sollte man wissen, dass es im australischen Fernsehen die sehr bekannte Reihe von Guido Knopp „Hitler und seine …“ ausgestrahlt wurde/wird. Sie war genervt von dem Umgang mit der Person und der Geschichte selbst. In diesen Folgen bleiben die Opfer auf der Strecke. Sie wollte mit ihrem Roman diese wieder in den Vordergrundes rücken, ihnen eine Stimme geben und so auch ein Zeichen setzen.

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