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Alois Prinz: Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt

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b77a1-aloisprinz_hannaharendtWie sich dieser geistigen Größe nähern, ohne dabei gleich im philosophischen Abstrakten zu versinken? Das gelingt wohl am besten mit einer Biografie über die deutsch-amerikanische Philosophin. Alois Prinz schafft dies auf sehr eindringliche Weise: Er fasst ihr Gedankengut, ihre Vorstellungen vom Dasein und des Menschen komprimiert und verständlich zusammen. Vergisst dabei nie, dies in den zeitgeschichtlichen Kontext zu setzen und ihre unzähligen Freund- und Bekanntschaften den angemessenen Raum zu geben.

Johanna Arendt wird 1906 in Königsberg geboren, beide Elternteile stammen aus reichen, angesehenen Familien. Als liberal eingestellte Juden sehen und fühlen sie sich eher als Deutsche denn als Juden. Schon früh verliert Hannah Arendt ihren Vater und die Mutter wird zur absoluten Bezugsperson. Ihr spezielles Wesen wird an vielen kleinen Anekdoten deutlich. So auch ihre Bekanntschaft und spätere Freundschaft mit Anne Mendelssohn, die ein ganzes Leben lang halten wird:

„Hannah beschließt sie unbedingt kennen zu lernen. Sie lässt sich auch nicht von der Tatsache abhalten, dass Anne Mendelssohn in Allenstein, einer Stadt westlich von Königsberg wohnt und ihr Vater wegen eines Sittlichkeitsdelikts im Gefängnis sitzt. Heimlich schleicht sie sich nachts aus dem Haus, fährt mit dem Zug nach Allenstein und weckt die Mendelssohhns auf, indem sie Steinchen gegen die Hausfenster wirft.“

Ihr Abitur muss sie als Externe nachholen, da sie bereits mit 15 aufgrund von „rebellischen Verhalten“ von der Schule verwiesen wird. Sie zieht es nach Marburg, um unter dem aufstrebenden Star der Philosophieszene Martin Heidegger zu studieren. Relativ schnell geht sie mit dem 17 Jahre älteren Professor ein Liebesverhältnis ein, das aber nur unter bestimmten Bedingungen bestehen kann. Erst nach Jahren kann sie sich von ihm lösen, kehrt Marburg den Rücken zu und geht nach Heidelberg. Sie studiert nun bei Karl Theodor Jaspers, einem sehr engen Freund von Heidegger. Er wird für Arendt zu einer Vaterfigur und ein lebenslanger Begleiter.

Bereits mit 22 Jahren erhält Hannah Arendt den Dr. phil. Titel. In diese Zeit fällt auch die erste Vermählung mit dem Schriftsteller und Philosophen Günther Stern. Die Ehe hält jedoch nur wenige Jahre. Es folgt eine Zeit der Verfolgung durch die Nazis und immer wieder muss Arendt mit ihrer Mutter fliehen. 1940, sie ist bereits von Stern getrennt, heiratet sie ihre große Liebe Heinrich Blücher. Mit ihm geht sie gemeinsam ins Exil, in die USA und beginnt dort ihre Karriere: so schreibt sie für verschiedene Zeitschriften und Magazine (z. Bsp. „Aufbau“) – immer leidenschaftlich und engagiert.

„Der Judenhass ist ein rein politisches Problem…“

„Sie warnt vor der jüdischen Neigung, den Antisemitismus als ein „natürliches Phänomen“ zu betrachten und in den gefährlichen Irrglauben zu verfallen, dass die Juden als auserwähltes Volk von einer feindlichen Welt umzingelt seien.“

Mit diesen Äußerungen entwickelt sie sich zum Feindbild für Juden und Nicht-Juden und auch mit ihrer frühen Erkenntnis zur späteren Entwicklung des israelischen Staates macht sie sich nicht nur Freunde:

„Immer wieder erinnert sie in ihren Artikeln daran, das Palästina nicht „auf dem Mond“ liegt, sondern von einer arabischen Bevölkerung umgeben ist, mit der man eine Verständigung suchen muss. Ein eigener jüdischer Staat würde diese Verständigung unmöglich machen, weil in ihm die Nicht-Juden immer nur Minderheitsrechte hätten. Außerdem würde sich ein jüdischer Staat zwangsläufig einer Großmacht, England oder Amerika, ausliefern. Und das Ergebnis wäre dann alles andere als ein Gelobtes Land: nämlich ein ‘Kriegerstamm’ wie Sparta, umgeben von einer feindlichen arabischen Bevölkerung“.

Sehr bald zieht sie sich komplett aus der zionistischen Politik, enttäuscht vom beschlossenen Weg um Ben Gurion, zurück. Sie beschäftigt sich vor allem mit dem Nationalsozialismus und der Schuldfrage und schreibt das Buch, was sie weltberühmt gemacht hat: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft.
Bei ihrem ersten Besuch im Nachkriegsdeutschland ist sie entsetzt. „Die einzig rühmliche Ausnahme in Deutschland sind die Bewohner Berlins, wo sie ihren alten Jugendfreund Ernst Grumach besucht. Sie findet die Berliner ‘großartig, menschlich, humorvoll, klug, blitzklug sogar.’“ Ansonsten ist sie aber enttäuscht:

„Die Nachwirkungen des totalitären Regimes zeigen sich für sie besonders darin, das man Meinungen mit Tatsachen gleichsetzt. Mit unleugbaren Fakten über das dritte Reich geht man so um, als handele es sich um bloße Meinungen, die jedem frei stehen und auf die es nicht ankommt.“

Die Verbindung zu ihrem Lebensgefährten und Ehemann Blücher ist einzigartig. So erinnert sich ein Freund: „Die beiden lebten wirklich Philosophie. Nicht ‘ihre’ Philosophie, sondern Philosophie als ‘ein Denken durch die Zeiten’. Bei jeder Unterhaltung mit den beiden konnte das Gespräch urplötzlich ins Deutsche wechseln und ein Ehestreit ausbrechen über irgendeinen philosophischen Gedanken, der völlig überraschend aufgetaucht war. Heinrich, die Pfeife zwischen den zusammengepressten Lippen, brummte seine Argumente hervor, als kämpfte er auf einem Schlachtfeld gegen starrköpfige Philosophen. (…) Hannah konfrontierte dich mit ihrer Freundschaft; sie trotzte Heinrich, auch wenn er ihr Partner war in dem leidenschaftlichsten Seminar, das ich je zwischen einem Mann und einer Frau erlebt habe.“

Sie selbst schreibt an in einem Brief an K. Jaspers, durch die Auseinandersetzungen mit Blücher habe sie politisch denken und historisch sehen gelernt.

Das Fernseh-Interview bei Günther Gaus

Hannah Arendt fühlt sich nicht als Philosophin sondern sieht ihre Berufung vielmehr in der politischen Theorie. Legendär ist dazu ihr Fernseh-Interview mit Günther Gauss aus der Reihe „Zur Person“. Sie ist die erste Frau in der Interviewreihe und Gaus fragt natürlich auch nach ihrer Einstellung zur Emanzipation. Für sie persönlich, antwortet Hannah Arendt, habe das Problem der Emanzipation nie eine Rolle gespielt. „Sehen Sie, ich wollte einfach machen, was ich gerne machen wollte.“

„Abgesehen von jener persönlichen Scheu hält Hannah das Fernsehen für einen Segen, für eine Belebung der Demokratie, weil politische Auseinandersetzungen nun von vielen Menschen verfolgt werden können.“

Zeitlebens wird ihr der Vorwurf gemacht, dass sie unterkühlt und teilweise sehr arrogant auf andere wirke. In diesem Interview kann man ganz deutlich sehen, auf welcher Grundlage dieser Vorwurf basiert.

Der Eichmann-Prozess

Ihr Artikel und Buch über den Eichmann-Prozess in Jerusalem wird von vielen Zeitgenossen attackiert. Man versucht sogar das Erscheinen der Buchausgabe zu verhindern. Auch viele gute Freunde gehen auf Distanz. Erst vor kurzem wurde das Leben von Hannah Arendt von der Regisseurin Margarethe von Trotta verfilmt. Schon im Trailer thematisiert von Trotta Arendts berühmten Gedanke vom „radikalen Bösen“. Später spricht Arendt auch „von der Banalität des Bösen“.

„Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt vernichten, gerade weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiter wuchert. Tief aber und radikal ist immer nur das Gute.“

Fazit: Eine gelungene Biografie, die tiefe Einblicke in das Denken von Hannah Arendt gestattet und gleichzeitig ihr besonderes Wesen thematisiert. Ein wunderbarer Einstieg in eine komplexe Gedankenwelt. Angeregt wurde ich allemal, so dass ich mich in naher Zukunft auch mit ihrem Werk auseinandersetzen werde.

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Alois Prinz: Hannah Arendt oder Die Liebe zur Welt
Insel Taschenbuch 4172
Insel Verlag, Berlin 2012

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  1. Pingback: Blogbummel Januar 2016 – 2. Teil – buchpost

  2. Gustav Auernheimer, Revolution und Räte bei Hannah Arendt und Rosa Luxemburg, in: Utopiekreativ. Diskussion sozialistischer Alternativen, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Band 201/202, Juli / August 2007, S. 698-707.

    Frau, Jüdin, Sozialistin – keine Sozialistin, darin sieht Gustav Auernheimer den Unterschied zwischen Rosa Luxemburg und Hannah Arendt. Er blickt auf die Wahrnehmung ihrer Werke und schildert anhand sehr gut belegter Zitate ihre Auffassungen über Revolution und Räte. Zur Sprache kommen Deutungen der englischen, amerikanischen, französischen, russischen (1917) und deutschen Revolution (1918/1919) und den unterschiedlichen Ausdrucksformen in Parteien und Rätemodellen. Wechselnde Auffassungen betreffen gerade auch die Frage von Spontaneität und Organisation. Im ungarischen Aufstand 1956 habe Hannah Arendt ein Beispiel gesehen für Rosa Luxemburgs „spontane Revolution“:
    „Ihre Schrift ‚Die ungarische Revolution und der totalitäre Imperialismus‘ sollte in der deutschen Ausgabe die Widmung ‚Der Erinnerung an Rosa Luxemburg‘ tragen, was dann wegen Bedenken des Verlags weggelassen wurde.“ (S. 704).
    Schließlich erinnert der Autor daran, wie Hannah Arendt und ihr Mann Heinrich Blücher 1941 Europa verließen:
    „Beide haben die ihnen übergebenen Thesen Walter Benjamins ‚Über den Begriff der Geschichte‘ am Quai von Lissabon laut für sich und die anderen Flüchtlinge verlesen.“ (S. 707)
    Zugefügt sei, dass Barbara Sukowa sowohl Rosa Luxemburg wie Hannah Arendt dargestellt hat in den gleichnamigen Filmen von Margarethe von Trotta.

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  3. Danke für die Buchbesprechung. Das Fernseh-Interview von Gaus und Margarethe von Trottas Film zeigen die gebürtige Hannoveranerin und aufgewachsene Königsbergerin als politische Denkerin, engagierte Autorin und als Mensch. Zuletzt las ich ihren Aufsatz „Wir Flüchtlinge“ von 1943 wieder. Auf dem Tisch liegt ein Vergleich von Hannah Arendt mit Rosa Luxemburg. Auch die Doktorarbeit „Der Liebesbegriff bei Augustinus“ möchte ich mir ansehen.

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    • buecherliebhaberin

      Vielen Dank für deine Rückmeldung. Dein angesprochener Vergleich von Hannah Arendt mit Rosa Luxemburg interessiert mich. Hast du einen genauen Titel dazu?

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