Meir Shalev "Judiths Liebe"

Auf Meir Shalev ist Verlass! Schon letztes Jahr um die gleiche Zeit faszinierte er mich mit seiner Erzählkunst. Die Lektüre von „Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger“ wurde damals für mich zum wahren Genuss. Der israelische Schriftsteller kann eben vor allem eins: Erzählen. Sein Roman „Judiths Liebe“ ist wieder voller kleiner Geschichten, Anekdoten und Weisheiten, die von Lebenserfahrung und der Liebe am Leben zeugen.

„Das Schicksal bereitet keine Überraschung vor. Es trifft Vorbereitungen, setzt Zeichen, schickt sogar Spione voraus, aber nur wenige Menschen haben Augen, Ohren und Verstand für diese Dinge.“ Das Schicksal will es, dass Sejde, der Erzähler der Geschichte, drei Väter hat: „Von Mosche Rabinowitz habe ich Hof, Stall und das blonde Haar geerbt. Von Jakob Scheinfeld erbte ich ein hübsches Häuschen, schönes Geschirr, leere Kanarienvogelkäfige und die hängenden Schultern. Und vom Sojcher, das heißt vom Viehhändler Globermann, habe ich Knippele von Geld – Batzen von Geld – und die riesigen Füße.“ Seinen besonderen Namen (Sejde bedeutet auf deutsch Großvater) erklärt ihm seine Mutter Judith folgendermaßen: „Wenn der Todesengel kommt und ein kleines Kind sieht, das Sejde heißt, merkt es sofort, daß hier ein Irrtum vorliegt, und geht woandershin.“ Sejde möchte die ungewöhnliche Geschichte seiner Mutter erzählen, die ihn in einem ehemaligen Kuhstall geboren hat. Hintergrund ist das Israel Ende der 40er Jahre, eine Zeit in der die tägliche, harte Arbeit die Menschen im gelobten heiligen Land forderte und formte.

Meir Shalev lässt seine Charaktere lebendig werden und man fühlt sich ihnen verbunden. Jakob mit seinen Geheimnissen und seiner tiefen Erkenntnis des Lebens ist meine Lieblingsfigur. Seine Liebe zum Kochen, zum Leben und zur Liebe selbst erfüllt mich mit einer gewissen Zärtlichkeit. Man will ihn an die Hand nehmen und ihn endlich an sein ersehntes Ziel führen: Judith, in die er sich verliebte als sie sein Dorf in einem Pferdewagen erreichte: „Er geriet außer sich. Das helle, porzellanartige Licht säumte den Schatten der blühenden Nußbaumzweige, fiel auf den Acker, brachte den feinen Elfenbeinnacken zum Schimmern, betonte die bläulichen Schatten der hervortretenden Adern an ihren Händen, die auf Seelenstärke und Leiden hindeuteten, und beschien die Söckchen, die ein wenig über die schlanken, starken Fesseln herabgerutscht waren.“ Aber auch Globermann teilt seine Erfahrungen Sejde mit, wenn auch etwas „deftiger“ und derber: „Wenn eine schöne Frau dumm ist, dann strohdumm, und wenn sie gescheit ist, dann hoch gescheiht. Denn bei der Frau geht die Schönheit mit dem Verstand einher, aber beim Mann ist sie mit Dummheit gekoppelt.“ Sejdes dritter Vater Mosche ist ein Mann der Tat und so ist er eher ein stummer Alltagsgenosse.

Wer dem vorweihnachtlichen Stress entfliehen will, ist herzlich willkommen in der Welt von Meir Shalev. Einer Welt voller seltener und ungewöhnlicher aber liebenswerter Charakter. Sie alle suchen nach ihrem eigenen Schicksal und sind bereit sich diesem zu stellen: „Spiel du niemals mit Karten und Würfeln! Spiel nur Schach, denn Würfel haben wir genug im Leben – jemand anders wirft sie, und wir müssen ziehen. Und jemand anders mischt uns genug die Karten. Da brauchst man´s nicht auch noch beim Spiel.“

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Meir Shalev „Judiths Liebe“
Original: „Kejamim achadim
Diogenes Verlag, Zürich 1998
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