Susana Fortes: Warten auf Robert Capa

Susana Fortes_Warten auf CapaRobert Capa, ein Name, der mir das erste Mal in Prag über den Weg gelaufen ist. Damals wurde gerade eine große Retrospektive seines Werkes in der tschechischen Hauptstadt gezeigt. Mit großem Interesse durchschritt ich die Ausstellung, sah seine berühmtesten Photos und verfolgte das Leben und Werk eines der bekanntesten Kriegsfotografen. Damals stieß ich auch auf den Namen Gerda Taro. Für mich nicht unbekannt, ist doch eine Straße in Leipzig, wo sie einige Jahre gelebt hat, nach der ersten Kriegsfotografin benannt.

Capa, der in Ungarn geboren wurde und eigentlich André Friedmann heißt, ließ mich seitdem nicht mehr los uns so las ich unter anderem auch die Biografie von Richard Whelan „Robert Capa. Photograph“.  Natürlich wird auch auf Gerda Taro, ihr bürgerlicher Name ist Gerta Pohorylle, eingegangen. Capa und Taro waren während der gemeinsamen Zeit in Paris und später im spanischen Bürgerkrieg ein Paar, das zusammen lebte und arbeitete. Eine Weile verlor ich Gerda aus den Augen bis ich dieses Jahr den Roman „Warten auf Robert Capa“ von Susana Fortes bei ebersbach & simon entdeckte. Das spanische Original erschien bereits 2009. Dem deutschen Publikum wird das Buch anlässlich des 80. Jahrestages des Spanischen Bürgerkrieges zugänglich gemacht.

Ausgangspunkt für den Text waren drei Pappkartons gefüllt mit 127 Negativfilmrollen, die 2008 in Mexiko gefunden wurden – damals eine Sensation. Die verloren geglaubten Aufnahmen stammten aus dem Spanischen Bürgerkrieg und wurden den Fotografen Robert Capa, Gerda Taro und David Seymour zugeordnet. Die Journalistin Susana Fortes entwickelt ausgehend von nachprüfbaren Fakten einen Roman, in dem sie die Gedanken und Gefühlswelt von Gerda Taro in den Mittelpunkt stellt.

2011 erschien der Film „La Maleta mexicana“, der den oben genannten Sensationsfund thematisierte.

Fotografin mit Leidenschaft – bis in den Tod

„Wenn man keinen Ort hat, an dem man heimkehren kann, muss man sich auf sein Glück verlassen. Improvisationstalent, Gelassenheit, Kaltblütigkeit – das sind meine Waffen. Ich setze sie seit frühester Kindheit ein. Deshalb lebe ich noch. Ich heiße Gerta Pohorylle. Ich bin in Stuttgart geboren, aber ich bin eine Jüdin mit polnischen Pass. Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, soeben in Paris angekommen, und ich lebe.“

Gerta Pohorylle war in den frühen 30er Jahren eine von über 25.000 Flüchtlingen im Pariser Quatier Latin. Sie floh aus Deutschland, da sie wegen einer Flugblattaktion gegen die Nationalsozialisten bereits für zwei Wochen im Gefängnis verbracht hat. Mit ihrer Freundin Ruth Cerf ging sie ins französische Exil. Dort lernte sie den jungen Robert Capa über eine gemeinsame Freundin kennen und es war keinesfalls eine Liebe auf den ersten Blick. Die junge Deutsche war zu jenem Zeitpunkt noch liiert und auch dem eher draufgängerischen Ungarn wurde einen Liaison unterstellt. Fakt ist, dass Capa Gerda für die Fotografie begeistern konnte und ihr das technische Handwerk vermittelte. Sie wiederum wurde sein Manager und schuf die beiden Pseudonyme Capa und Taro. Sie gehörten zu dieser Zeit zu den bekannten Intellektuellen- und Künstlerkreisen in der französischen Hauptstadt. Beide hatten ein ähnliches Schicksal: Sie waren Juden, beide Flüchtlinge und sie hatten bald eine gemeinsame Leidenschaft: die Fotografie. Der Krieg in Europa führte sie zusammen und sollte sie auch schon bald wieder trennen.

Nach dem Ausbruch des Spanischen Bürgerkrieges flogen sie im Auftrag der Zeitschrift VU auf die Halbinsel, um über den Krieg zu berichten. Relativ schnell fiel Taro durch ihre Unerschrockenheit auf, denn sie ging mit den Soldaten an die Front und begab sich damit mehr als ein Mal in Lebensgefahr. Nicht nur Gefechtssituationen kamen ihr vor die Linse, auch Alltagsszenen oder Flüchtlingszüge begleitete sie mit der Kamera.

„Sie hatte soeben die erste wichtige Lektion in ihrem Reporterleben gelernt. Keine Landschaft kann jemals so trostlos sein wie ein menschliches Schicksal. Das sollte ihr Markenzeichen als Fotografin werden. Ihre Schnappschüsse an diesen Tagen waren  nicht die Bilder des Krieges, die die kämpferischen Zeitschriften Vu und Regards von ihr erwarteten, sondern Bildausschnitte von Szenen am Rande, die viel stärker als das Gefühl der Einsamkeit und Trauer ausdrückten als der Krieg selbst.“

Gerda Taro starb 1937 wenige Tage vor ihrem 27. Geburtstag bei einem tragischen Unfall an der Brunete-Front. Bei ihrer Beerdigung wenige Tage später in Paris folgten Tausende dem Sarg. Sie wurde auf dem Friedhof Père Lachaise beigesetzt.

Natürlich verschwimmen auch bei Susana Fortes Fiktion und Realität. Aufenthalte, Bekanntschaften, Kriegsschauplätze sowie die verschiedenen Auftraggeber sind aber als Fakten anzuerkennen. Die Autorin begibt sich auf das Gebiet von Annahmen wenn sie Gedanken und Gefühle der jungen Frau wiedergibt. In erster Linie in Bezug auf ihre Verbindung zu Capa. Aber auch über ihr Selbstverständnis über das Leben und den Krieg. Der Roman ist gleichzeitig ein Versuch aufzuzeigen wie aus einer unpolitischen jungen Frau eine Verfechterin für die Freiheit wird und wie Ereignisse Lebensläufe beeinflussen können.

Gerda Taro war viele Jahrzehnte aus dem Bewusstsein der Menschen verschwunden. Der Roman ist ein Beitrag ihr die verdiente Aufmerksamkeit wiederzugeben – als Fotografin und Kämpferin mit dem Ideal die Welt zu verändern und durch ihre Bilder andere Menschen für die Schicksale der Spanier während des Bürgerkrieges zu sensibilisieren. Das Buch hat mich veranlasst mich intensiver mit ihr zu beschäftigen und während der Recherche bin ich auf die Biografie von Imre Schaber „Gerda Taro, Fotoreporterin. Mit Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg. Die Biografie.“ gestoßen. Ein Interview mit der Autorin findet ihr hier.

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Susana Fortes: Warten auf Robert Capa
Original: Esperando a Robert Capa
Aus dem Spanischen von Judith Petrus
ebersbach & simon; Berlin 2016

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8 Comments

  1. Danke für diese Empfehlung und den Hinweis auf Gerda Taro. Eine beeindruckende Frau und Photographin, die hoffentlich hier langsam entdeckt wird. Momentan kann man sich einige wenige ihrer Photos aus Anlaß der f/stop in Leipzig im öffentlichen Raum betrachten . Sehenswerte und tragische Bilder.

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  2. Danke schön für diese schöne Rezension eines tollen Buches. Es liegt schon auf meinem Stapel.
    Die Schaber – Biographie ist leider nicht billig, aber sehr zu empfehlen.
    Die erste deutschsprachige Kriegsphotographin dürfte immer übrigen Alice Schalek aus Kakanien gewesen sein. Ihre Tätigkeit im 1. Weltkrieg hat ja ihr Intimfeind Karl Kraus ausgiebig in den letzten Tagen der Menschheit „gewürdigt“. Aber das nur am Rande.

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar und deinen Hinweis. Alice Schalek ist mir wirklich kein Begriff gewesen. Bisher habe ich immer gelesen, dass Taro die erste Fotografin war, die auch an der Frontlinie arbeitete. Da mag wohl der Unterschied zwischen beiden liegen, oder?

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