Henriette Kaiser: Goethe in Buenos Aires

Biografische und autobiografische Literatur stehen weit oben in meiner Gunst und so konnte mich der Plot von „Goethe in Buenos Aires“ schnell überzeugen. In dem Buch von Henriette Kaiser kommen Stimmen zu Wort, von denen die ersten bereits verstummt sind und andere schon bald nicht mehr zu hören sein werden. Deutsche Jüdinnen und Juden, die im Kindesalter aus dem Deutschland der 30er Jahre gemeinsam mit Ihren Familien flüchten mussten, sprechen über Ihr Geburtsland, über die mehrwöchige Reise über den Atlantik, ihre Ankunft in Argentinien und über ihr Leben in dem neuen Land.

Henriette Kaiser hat bereits 2014 mit diesem Buchprojekt begonnen und konnte es 2022 beim Faber & Faber Verlag in Leipzig veröffentlichen. In diesem langen Zeitraum, von Beginn bis zu Veröffentlichung, sind bereits einige ihrer Gesprächspersonen verstorben. Um so wichtiger, das Buchprojekt abzuschließen, damit diese Biografien nicht vergessen werden. An die 45.000 deutschsprachigen Jüdinnen und Juden sollen damals nach Argentinien geflüchtet sein. Fünf Geschichten, fünf Schicksale hat die Autorin zusammengetragen. Die im Buch vorgestellten Menschen kommen ursprünglich aus Mönchengladbach, Mannheim, Ahlem (bei Hannover), Dresden und Berlin. Sie heißen Liesel Bein, Gisela Brunnehild, Rodolfo Leeser, Marion Weiss und Marion Kaufmann.


„Ich weiß nicht, wo ich hingehöre, ehrlich gesagt.“

Die innere Zerrissenheit wird in allen Gesprächen deutlich. Auf der einen Seite spürt man ganz deutlich die Liebe zur deutschen Kultur und Sprache, so dass alle das Interview auf Deutsch führen. Auf der anderen Seite die Verbundenheit mit ihrem Lebensmittelpunkt in Argentinien. Dort haben sie Familien gegründet, gearbeitet und neue Freunde gefunden.

Die Flucht aus Deutschland und die Reise ins Ungewisse wird für alle zur Zäsur. Als Kinder können sie kaum begreifen, was da mit ihnen geschieht. Fast alle müssen die Schule abbrechen und arbeiten gehen, um die Familie zu unterstützen. Das Leben wäre anders verlaufen, die eigene Biografie selbst besimmter gewesen wäre. Anstatt zu arbeiten, hätte man studieren können. Liesel Bein wollte lieber etwas mit Kindern machen und wäre gern Kinderärztin geworden. Marion Kaufmann wiederum geht ihren Weg und wird Autorin, übersetzt, führt Interviews, schreibt und hat ihre Lebensaufgabe gefunden. Anfeindungen und Antisemitismus hat keine von ihnen in Argentinien erfahren. Sie sprechen sehr positiv von dem Land, das sie aufgenommen hat. Mit den Deutschen, die nach dem Krieg nach Argentinien kamen, und zu den Nazis zählten, hatten sie kaum Kontakt.

Neben der Generation der Geflüchteten kommt auch die Nachfolgegeneration zu Wort. Es sind die in Argentinien geborenen Töchter und Söhne, die mit der spanischen Sprache aufgewachsen sind und das Deutsche nicht mehr ganz so präsent haben. Diese unterschiedlichen Perspektiven machen das Buch so einzigartig.

Henriette Kaiser hat die Form des Interviews gewählt. Sie hat diese transkribiert und weist explizit daraufhin, dass ihr Buch keine historische Aufarbeitung und keine wissenschaftliche Analyse ist. Sie beschreibt die Situationen, in denen sie den Interviewten begegnet und schafft so eine sehr persönliche Atmosphäre. Ausgewählte Schwarz-Weiß Fotos verstärken diese Nähe. Man sieht sie bei der Kaffezubereitung, am Schreibtisch oder mit Hund. Es wirkt weder gestellt noch aufgesetzt. Man erlebt sie in ihrem alltäglichen Umfeld.

Zwischen die Interviews schiebt sie Abschnitte, die die Geschichte, das Land und die Kultur näher erläutern. Kaiser erzählt von den verschiedenen europäischen Einwanderungswellen und wie diese zustande kamen. Sie lässt den Dirigenten und Pianisten Daniel Barenboim zu Wort kommen, der die Vielschichtigkeit von Buenos Aires beschreibt. Er wurde in der argentinischen Hauptstadt geboren und besitzt selbst vier Staatsbürgerschaften: die argentinische, die spanische, die israelische und die palästinensische:

Erst im Alter habe ich begriffen, wie sehr mich Buenos Aires geprägt hat. Ohne diese Erfahrung hätte ich wahrscheinlich auch nicht das West-Eastern Divan Orchestra gründen können, in dem jüdische, plästinensische und muslimische Musiker zusammen musizieren. Es ist dieses Miteinader von verschiedenen Kulturen in Buonos Aires, die Selbstverständlichkeit, dass man mehrere Intentitäten haben darf.

Daniel Barenboim

In weiteren Abschnitten beschreibt sie die deutschen Einflüsse in dieser Zeit und wie sie bis heute nachwirken. Wir lernen das Colegio Pestalozzi kennen, das in den 1930er Jahren gegründet wurde und schnell zu einer sicheren Institution für die deutsch-jüdische Kinder wurde. Mit ihrem Buch ist es Kaiser gelungen, nicht nur einzelne Stimmen einzufangen, sondern auch ein Bild dieser Zeit zu vermitteln.

Diese persönlichen Geschichten und Gedanken haben mich beim Lesen sehr berührt denn die Erfahrungen der Interviewten sind für viele Menschen, die heute vor Krieg und Verfolgung fliehen, nicht neu. Sie wissen um die Grausamkeiten der Flucht und haben auch eine Antwort auf die aktullen Fluchtbewegungen: „Helfen. Natürlich helfen. Selbstverständlich.“

Henriette Kaiser: Goethe in Buenos Aires
Gespräche über Flucht und Vertreibung
Faber & Faber Verlag, Leipzig 2022
ISBN 978-3-86730-236-4

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1 Kommentar

  1. Ich möchte mich ganz herzlich bei der Autorin dieser Zeilen über mein Buch „Goethe in Buenos Aires“ bedanken. Ich habe schon zu Freunden gesagt, dass ich dieses Buch bei so einer Besprechung sofort kaufen würde. Also: Danke

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