Esther Andradi: Drei Verräterinnen

Leipziger Buchmesse bedeutet immer auch ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm. Und zu jeder Messe entdecke ich neue Verlage, neue AutorInnen und neue Leipziger locations. So auch zur diesjährigen Messe. Auf der Suche nach neuen weiblichen Stimmen aus Lateinamerika – mein Motto für die LBM 2019 – fand ich durch Zufall einen Programmhinweis auf eine Lesung, die nicht mal im Programm von „Leipzig liest“ zu finden war. Und das ist wirklich außergewöhnlich, da das Programm bereits mehr als 2.000 Veranstaltungen abdeckt.

Die argentinische Schriftstellerin Esther Andradi stellte am Abend des Messedonnerstags ihr neuestes Buch Drei Verräterinnen auf Deutsch vor. Ich hatte das Glück die Autorin schon am Nachmittag auf der Messe am Stand des Berliner Klak Verlages persönlich kennenzulernen. Die Chemie stimmte sofort und meine Freude war groß – vor allem auch darüber, dass ich endlich wieder Spanisch praktizieren konnte. Am Abend ging es dann Richtung Leipzig Plagwitz. Ein Stadtteil, den ich leider nicht so oft aufsuche. Umso mehr freute ich mich über diese Gelegenheit Neues zu entdecken. In diesem Fall war es das Polylogue – ein Internationaler Buchladen & Café,das seit 2016 besteht und in der Merseburger Straße 47 beheimatet ist.

„Das Schreiben ist ein sich Anlegen mit dem Chaos“

Die Autorin lebt abwechselnd in Berlin, ihrer Wahlheimat, und Buenos Aires. In den 1970er Jahren begann sie mit dem journalistischen Schreiben und war als Reporterin, Kolumnistin und Chefredakteurin u.a. in Lima (Peru) tätig. Seit den 1980er schrieb sie Drehbücher für Fernsehen- und Rundfunkfeatures, veröffentlichte Erzählungen, Gedichte und Romane. Alle drei Bücher, die bisher auf Deutsch erschienen, stellte Esther Andradi im Polylogue vor – für die Buchhandlung und die Autorin also schon eine feste Tradition. Auch an diesem Abend führte Inhaberin Laure Le Cloarec durch das Gespräch und las die deutschen Passagen des Romans. Esther Andradi kam 1983 nach Berlin und verarbeitete ihre Erlebnisse in ihrem neuen Buch „Drei Verräterinnen“, das bereits 2008 auf Spanisch unter dem Titel „Berlin es un cuento“ (dtsch. Berlin ist ein Märchen) veröffentlicht wurde. Für sie sei dieser Roman in erster Linie ein Experiment gewesen: ein Roman im Roman.

Esther Andradi gerade in Westberlin angekommen 1983 ©EstherAndradri
Esther Andradi 1983 gerade in Westberlin angekommen ©EstherAndradri

Bety, die Hauptprotagonistin, landet Anfang der 1980er Jahren in West-Berlin und steht erstmal vor dem Nichts: ohne Geld, ohne Arbeit und ohne Sprache. Sie entdeckt die aufregendsten Seiten des westlichen Stadtteils, lernt die Hausbesetzerszene kennen und kommt in Kontakt mit der lateinamerikanischen Gemeinschaft. Relativ schnell gelangt sie zu der Erkenntnis, dass jeder/jede den sie kennenlernt KünstlerIn werden will. Dieser Weg ist auch ihr vorbestimmt. Eine unmögliche Liebe zu einem Deutschen bringt sie selbst zum künstlerischem Schaffen und sie versucht sich an ihrem literarischen Debüt. Sie möchte über Frauen, die dem gängigen, konventionellen Schönheitsideal nicht entsprechen, schreiben und entwickelt drei starke Frauenfiguren – die Eine ist alt, die Zweite ist dick und die Dritte sitzt im Rollstuhl. Diese drei Frauen wollen die Welt radikal verändern, um etwas Neues zu schaffen. Deshalb werden sie von Bety auch die drei Verräterinnen genannt, da sie mit ihrer Idee tradierte Konventionen verraten beziehungsweise aufbrechen.

Wie sollte sie ihr Studium fortsetzen? Wie ihren Lebensunterhalt bestreiten? Und die Liebe? Als wäre Bety eine Jägerin und er ein völlig verängstigtes Reh, floh er umso mehr vor ihr, je mehr sie ihn brauchte. Sie war etwas, das es nicht gab, das nicht existierte und doch darauf bestand, die eigenen Erlebnisse festzuhalten. Schreiben, um sich vor dem Zusammenbruach zu retten.

Andradi erinnerte sich beim Schreiben dieser beiden Romane an ihre eigene Ankunft in der deutschen, damals noch geteilten Hauptstadt. Und obwohl der Roman bereits vor zehn Jahren das erste Mal erschien, hat er nicht an Aktualität verloren. Stark autobiografisch sei er geprägt, denn alles was sie niederschreibe, habe sie auch erlebt: sei es die Sprachbarriere und die sich daraus resultierenden Probleme, die Interkulturalität, die Entwurzelung oder aber auch der literarische Schaffungsprozess selbst, den Bety durchläuft.

Meine Tränen, meine Erlebenisse – ich benutze alle meine Erfahrungen für mein literarisches Werk.

Ein gutes Beispiel im Roman ist die deutsche Freudin von Betty: Sigrid. Sie sei die Summe aller Freundinnen, die die Autorin in Deutschland gefunden hat. Berlin sei für sie von Anfang an ein ganz besonderer Schauplatz gewesen. Sie sehe die Stadt als eine Art Labor. Ein Ort, an dem viele verschiedenen Ideen, experimentelle Konzepte und Ideologien zusammenkommen. In Argentinien wurde das Buch unter ganz anderen Gesichtspunkten rezipiert: als Berlin-Roman, das Exotische, das Unbekannte. In Deutschland funktioniert dies nicht so ohne weiteres. Berlin sei als Thema für die Deutschen nicht wirklich mehr interessant. Und so stehen bei der deutschen Fassung die „Drei Verräterinnen“ im Vordergrund. Sie erzählt von starken Frauen, von Brüchen in Lebensläufen, von Gewalt an Frauen und ihre Darstellung in der Gesellschaft.

Es sei ihr aber auch ein ganz persönliches Bedürfnis, nämlich Ordnung in das Chaos zu bringen. Schreiben sei für sie wie Putzen – sie könne nicht anders. Um den Text so authentisch wie möglich zu gestalten, arbeitet Andradi mit spanischsprachigen Ausdrücken oder Zitaten von bekannten lateinamerikanischen SchriftsterInnen. Darüber vergisst sie aber ihre LeserInnen nicht und versieht die deutsche Übersetzung mit einem Glossar

Signatur Esther Andradi ©glasperlenspiel13
Signatur Esther Andradi ©glasperlenspiel13

Der Abend im Polylogue war in vielerlei Hinsicht ein Messehöhepunkt: Ich hatte bereits am ersten Abend so viele Anregungen für meine Suche nach Schriftstellerinnen aus Lateinamerika erhalten. Denn natürlich tauschten sich Esther Andradi und ich noch zu diesem Thema aus. Aber auch die wirklich empfehlenswerte Buchhandlung Polylogue schuf einen ganz besonderen Rahmen für die „Drei Verräterinnen“.

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Esther Andradi: Drei Verräterinnen
Übersetzt von Christiane Quandt
Berlin 2019, Klak Verlag

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5 Kommentare

    1. Tatsächlich ist Esther Andradi eine interessante Autorin. Es lohnt dich nachzuholen. Auch ihre Mikrofiktionen sind amüsant und unbedingt lesenswert!

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      1. Ja, auf die Mikrofiktionen hat sie an dem Abend auch hingewiesen. Die Lektüre wäre noch nachzuholen. Danke für den Hinweis.

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