Premierenlesung mit Nino Haratischwili: Die Katze und der General

2014 fing alles an. Caterina von SchöneSeiten und ich saßen bei der Frankfurter Verlagsanstalt und unterhielten uns mit den Verlagsmitarbeiterinnen über Literaturblogs, blogger relations und natürlich Literatur. Verleger Joachim Unseld gesellte sich ebenfalls hinzu und brachte gleich noch einen Überraschungsgast mit: Nino Haratischwili. Eine junge Autorin aus Georgien, die zusammen mit dem FVA-Team ihr aktuelles Manuskript bearbeitete. Unseld zeigte uns einen enormen Stapel von mehreren hundert Seiten: Das Werk von „Das achte Leben (Für Brilka)“

Das erste Treffen mit Nino Haratischwili 2014 in der FVA | @glasperlenspiel13
Das erste Treffen mit Nino Haratischwili 2014 in der FVA | @glasperlenspiel13

Die Zeit, die ich damals mit dem Roman verbrachte, ist mir noch heute gut im Gedächtnis. Ein 1.200 Seiten starker Epos, der mich mitnahm auf eine Reise durch das Georgien im 20. Jahrhundert. Auf der Frankfurter Buchmesse hatte ich zudem die Gelegenheit sie gemeinsam mit BloggerkollegInnen etwas näher kennenzulernen. Der Funke war übergesprungen.

Nino Haratischwili mit masuko, der Bücherliebhaberin, der Klappentexterin und Mama Haratischwili in Frankfurt zur FBM 2014 | @glasperlenspiel13
Nino Haratischwili mit masuko, der Bücherliebhaberin, der Klappentexterin und Frau Haratischwili in Frankfurt zur FBM 2014 | @glasperlenspiel13

Und nun ein neuer Roman! „Die Katze und der General“ Die Premierenlesung in Frankfurt war gesetzt. Das Literaturhaus Frankfurt seit einigen Wochen ausverkauft. Heimspiel für die Frankfurter Verlagsanstalt, die Nino seit ihrem Roman „Mein sanfter Zwilling“ begleitet. Jede Menge hochrangiger Besuch befand sich im Publikum, um das neue Buch und die Schriftstellerin zu würdigen. Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses Frankfurt, begrüßte unter anderem die Karl-Hermann-Flach-Stiftung, ohne die der Abend nicht hätte realisiert werden können. Das Gespräch moderierte Anna Engel, Moderatorin bei  hr 2 Kultur. Einleitende Sätze zu Nino und ihrem künstlerischen Schaffen gab es vom Verleger Unseld, der vor lauter Euphorie die Zeit vergaß und der Moderatorin etwas zuvor griff, indem er das halbe Buch besprach.

Nino Haratischwili im Literaturhaus Frankfurt: Die Katze und der General 2018 | @glasperlenspiel13
Nino Haratischwili im Literaturhaus Frankfurt 2018; Premierenlesung ihres neuen Romans; Die Katze und der General | @glasperlenspiel13

Mit Blick auf die kommende Buchmesse und dem Erscheinen des Buches wollte Engel eingangs wissen, wie sich die Autorin denn momentan fühle. Haratischwili gestand, dass es eine Mischung aus Anspannung und Vorfreude sei. Unendliche Freude, dass das Buch endlich erscheine, dass es ein Eigenleben bekäme und doch verdränge sie noch die Buchmesse, da sie gerade in Marburg ein Theaterstück inszeniere und sich von daher in einer ganz anderen Welt befände.

Es sind die großen Themen, an die sich die georgische Schriftstellerin wieder einmal heranwagt: Hass & Liebe, Täter- und Opferperspektiven, Heimat & Identität, Rache & Gerechtigkeit. Was passiert in rechtsfreien Räumen? Wenn Verbrechen ungesühnt bleiben? Wie werden aus Opfern Tätern? Und schnell ist klar, dass ist eine anspruchsvolle Lektüre. Anspruchsvoll, weil sie sich mit den düsteren Seiten, den Schattenseiten der Menschen beschäftigt. Grundlage für diese Fragestellungen und für den Roman sind die beiden Tschetschenien-Kriege in den 90er Jahren.

„Ein endloser Kreis an Gewalt“

Warum gerade Tschetschenien? Es ist das Nachbarland von Georgien aber für die Autorin bis zum diesem Buch eher eine terra incognita. Den ersten Kontakt bekam sie durch tschetschenische Flüchtlinge, die vor den damaligen kriegerischen Auseinandersetzungen flohen. Diese Begegnungen empfand sie einerseits als sehr befremdlich anderseits auch faszinierend. Jahrelang war für sie dieses Land vor allem ein Synonym für Gewalt, Terror und Tyrannei. Erst sehr viel später setzte sich wieder mit Tschetschenien auseinander. Die Reportagen der russischen Menschenrechtsaktivistin Anna Stepanowa Politkowskaja (1958-2006) konfrontierten sie erneut mit dem Land und die Lektüre der Lebensgeschichten von Frauen und ihrer verschwundenen Angehörigen in Tschetschenien sowie der russischen Soldatenmütter ließ sie nicht mehr los. Erschienen sind diese unter dem Titel: „Tschetschenien – Die Wahrheit über den Krieg“. Anna Stepanowa Politkowskaja bezahlte ihr Schaffen und ihre rastlose Suche nach der Wahrheit mit ihrem Leben.

Anna Politkovskaja_Tschetschenien_Die Wahrheit über dne KriegEine dieser Reportagen inspirierte Nino Haratischwili zu ihrem neuen Roman. Sie betonte aber zugleich: „Der Roman ist kein Buch über Tschetschenien“. Es sei ein fremder Blick auf das Land und keineswegs mit ihrem vorherigen Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ zu vergleichen. Georgien kenne sie sehr gut aber das was LeserInnen in „Die Katze und der General“ vorfänden, könne ebenso gut in Syrien oder Afghanistan spielen.

Menschliches Komplettversagen, eine Katastrophe. Das träfe es wohl am besten, was in einem kleinen tschetschenischen Dorf passierte. Wenn ein ganzes Gebiet zu einem rechtsfreien Raum und Krieg im Krieg „gespielt wird“. Haratischwili nähert sich den Geschehnissen nie wertend und vermeidet den moralischen Zeigefinger.

Natürlich habe sie das Land auch besucht und die irrsinnige Beobachtung sei gewesen, dass der Krieg im öffentlichen Raum eigentlich keine Rolle mehr spielt, ja nie stattgefunden hat. Keine Gedenktafel, kein Hinweis und in den öffentlichen Museen endet die Geschichtsschreibung kurz nach dem 2. Weltkrieg. Es sein doch ein krankes Gefühl eine Realität aufrechtzuerhalten, die es so gar nicht gäbe. Wie kann das sein? Es gäbe noch immer 100.000 Vermisste. Keine Familie blieb von diesen Kriegen unverschont. Ein einziges Verbrechen (!) kam vor ein Gericht. Von diesem handelt „Die Katze und der General“. Haratischwili versucht sich in die Männer hineinzuversetzen, die grausame Gewalttaten begingen und wie sie damit weiterleben können.

Welche Konsequenzen hat dieses aufgezwungene Schweigen für die Gesellschaft? Sie habe eine starke Islamisierung, vor allem bei den jungen Menschen wahrgenommen. Trotz der starken Tabuisierung in der Öffentlichkeit, käme bei privaten Gesprächen in jedem zweiten Satz der Krieg zur Sprache. Und wie hält man die permanente Beschäftigung mit Gewalt aus? Nino spricht von einem gewissen „Berufsschutz“, der sich beim Schreiben automatisch einschaltet. Als Privatperson, ohne den literarischen Bezug, sei es schwer sich davon zu distanzieren. Da wird man kurz über lang ein psychisches Wrack. Als Autorin müsse sie sich dem komplett ausliefern.

„Dostojewski hat nichts mit Putin gemein“

Ihre Haltung gegenüber Russland ist durch ihre eigene Biografie als Georgierin sehr ambivalent bzw. sehr kritisch. Sie könne gar keinen versöhnlichen Blick auf Russland haben, liebe aber sehr wohl die russische Sprache und Kultur und ihr sei diese sehr vertraut. Die Distanzierung von einer Sprache aufgrund politischer Differenzen könne sie nicht verstehen. Und so ist das Buch, das sie wohl am meisten beeindruckt und beeinflusst hat, Michail Bulgakow: Meister und Margarita. In diesem Moment stockte mir kurz der Atem. Denn als Anna Engel die Frage nach diesem einem Buch stellte, wartete natürlich jeder im Raum auf die Antwort.  Dass dann dieser Titel erklang, verwandelte mich vollends zu einem Nino Fan! Dieses Buch habe ich bisher zu Recht drei Mal gelesen – zu keinem anderen habe ich bisher so oft gegriffen und kein anderes (außer das Glasperlenspiel) fasziniert mich so sehr.

Bulgakow_Meister und MargaritaEin Teil von „Die Katze und der General“ spielt in Berlin Wedding nach der Jahrtausendwende. Der General kommt als Immigrant in die deutsche Hauptstadt und trifft dort auf eine Gruppe von Menschen, die in den Westen kamen, um ihr persönliches Glück zu finden und eine große Ernüchterung erfahren. Sie sind zwar weggegangen aber nie angekommen – „aus der Zeit gefallene, entrückte Menschen, die weder da noch hier sind.“

In ihrer Enttäuschung glorifizieren sie die Vergangenheit, die sie früher verteufelt haben. Die persönliche Erinnerung geht auf in einem Kollektiv. Die Generationsfrage spiele laut Haratischwili  dabei eine ganz erhebliche Rolle. Ein Kind hätte einen ganzen anderen Zugang vor allem über die Sprache. Sie ist selbst ein gutes Beispiel wie viel Sprache ausmachen kann, wie sie einen vereinnahmt und

Ich bin sehr gespannt auf das Buch, gerade weil es uns mal wieder aus der Komfortzone herausholt und uns vor Augen führt, wozu Menschen fähig sind. Uns daran erinnert, dass friedvolle Zeiten nicht selbstverständlich sind und wir jeden Tag dafür kämpfen sollten, nein müssen.

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Nino Haratischwili: Die Katze und der General
Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt 2018

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