***Lateinamerikanische Literatur*** Juan Pablo Villalobos: Ich verkauf dir einen Hund

In Kooperation mit dem mexikanischen Konsulat in Frankfurt empfing die Romanfabrik Juan Pablo Villalobos. Der in Barcelona lebende Schriftsteller stellte seinen Roman „Ich verkauf dir einen Hund“ vor und bescherte mir einen humorvollen, wie anregenden Abend .

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Juan Pablo Villalobos (links) in der Romanfabrik Frankfurt | ©glasperlenspiel13

Der etwas sonderbare Titel spielt auf Hundetacos an, die im Roman immer wieder vorkommen. Tacos ist eines der mexikanischen Nationalgerichte, die traditionell mit Fleisch gefüllt sind. Im Roman gibt es mehrfach Andeutungen, dass diese in Mexiko mit Hundefleisch verkauft werden. »Tacos de perros« (dtsch. Hundetacos) haben laut Villalobos aber vielmehr einen metaphorischen Charakter. In Mexiko sei diese Beleidigung die beste Möglichkeit mexikanisches Essen zu kritisieren und er bezieht sich somit auch auf die weit verbreitete Meinung, dass Tacos von der Straße unhygienisch und schmutzig seien. Ich selbst kann mich noch sehr gut an die Ermahnung meiner mexikanischen Freunde in D.F. (Mexiko-Stadt) erinnern: „Kauf dir ja keine Tacos von der Straße!“

Juan Pablo Villalobos war mir bereits vor diesem Roman bekannt. Seine „Quesadillas“ sind mir noch gut in Erinnerung und von daher freute ich mich besonders auf den mexikanischen Autor, über den ich mich bereits Anfang des Jahres in Berlin mit seinem deutschen Verleger Heinrich von Berenberg länger unterhalten hatte.

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Juan Pablo Villalobos in der Romanfabrik Frankfurt| ©glasperlenspiel13

Villalobos ist für seine unkonventionellen Texte bekannt. Schräge Typen, überspitzte Charaktere und skurrile Geschichten prägen seine Romane. Und auch in diesem Buch, das 2016 auf Deutsch erschien, holt er mächtig aus: Im Mittelpunkt steht ein Haus in Mexiko-Stadt, dessen Bewohner alle um die 80 sind und natürlich eine individuelle Lebensgeschichte zu erzählen haben – zugleich sollen sie das kollektive Gedächtnis der mexikanischen Gesellschaft symbolisieren. Die Bezüge zur Vergangenheit des mittelamerikanischen Landes sind vielfältig und um die Handlung besser zu verstehen, ist ein Blick in die mexikanische Geschichte immer ratsam. Erzähler Theo ist neu im Rentner-Ghetto und wird sofort von Francesca umgarnt doch bitte dem hauseigenen Literaturzirkel, dem sie vorsteht, beizutreten.

»Vielen Dank, aber ich lese und schreibe keine Romane.«
»Alle machen beim Literaturzirkel mit.«
»Alle bis auf mich.«
»Ihr Vormieter hat auch mitgemacht.«
»Und das war sein Verderben! Glauben Sie, ich weiß nicht, was mit ihm passiert ist?«
Mein Vormieter hatte mitten in der Lektüre von Carlos Fuentes´ letzten Roman einen Herzinfarkt bekommen und war noch im Hausflur gestorben. Zum Gedenken an ihn hatten sie ein kleines Holzkreuz unter den Briefkästen angebracht, als hätte Carlos Fuentes persönlich ihn mit seinem Sportwagen über den Haufen gefahren.

Theo ist ein Gescheiterter. Als junger Mann eifert er seinem Vater nach, der als verkannter Künstler und untreuer Ehemann ebenfalls am Leben scheiterte. Theo versucht sich als Student an der Kunstakademie und fliegt hochkant raus. Seine Zuflucht ist der Job als Tacoverkäufer bei seinem Onkel, dessen Tacostand er nach dem Tod seines Verwandten übernimmt. Geprägt ist sein Leben von einer verkannten Liebe, dem Tod seiner Mutter und Schwester beim großen, schweren Erdbeben 1985 und dem Gedanken wie viel Bier er sich bis zu seinem Ableben noch leisten kann. Diese Rückblicke wechseln mit den abenteuerlichen Ereignissen rund um die Kakerlakenhorde im neuen Domizil, die Bekanntschaft mit den neuen Freunden, dem jungen Mormonen und der Verkäuferin von verschimmelten Tomaten, die sie für Demonstrationen verkauft, den Mord an einem Hund aus reichem Hause und den immer wiederkehrenden Streitigkeiten mit Francesca und ihrem Literaturzirkel.

Theos Alltagslektüre wird Adornos „Ästhetische Theorie“, so hält er sich u.a unliebsame Verkäufer am Telefon vom Leib. Die Referenz zum Buch im Roman ist nicht zufällig. Es sei vielmehr eine Art Hommage an den Philosophen. Sein Werk habe Juan Pablo Villalobos aus einer Lebenskrise befreit und ihn wieder zum Schreiben motiviert. Den Roman „Ich verkauf dir einen Hund“ hätte er wohl elf Mal begonnen und an dem immer wieder kehrenden Punkt des Scheiterns stellte sich Villalobos die Frage: Warum schreibe ich eigentlich? Bei der Suche nach Antworten habe er sich daran erinnert, warum ihm eigentlich Literatur gefalle. Und so fing er an kurze Absätze von seinen Lieblingsautoren niederzuschreiben und während er darüber nachdachte, entstand der endgültige Roman in seinem Kopf.

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Juan Pablo Villalobos: Ich verkauf dir einen Hund| ©glasperlenspiel13

Adornos Konzept von Kunst und Kultur sei noch immer gültig, vor allem in Bezug auf die lateinamerikanische oder viel mehr die mexikanische Literatur: Die allgegenwärtige Präsenz und Darstellung von Gewalt und Terror. Adornos Äußerung, die Schöpfung von Poesie sei nach Auschwitz nicht mehr möglich, kann man auch auf Mexiko übertragen: Wie sprechen und schreiben wir darüber, was momentan in Mexiko passiert?

Ein Text über das allgemeine Vergessen und das Gedächtnis

Inspiration für ihn war ein in Vergessenheit geratener mexikanischer Maler namens Gonzales Zerano. Er hatte das Pech in der Zeit der großen Wandmaler zu leben. Er ist als Penner, drogenabhängig, alkoholsüchtig und psychisch angeschlagen auf der Straße gestorben. Villalobos beschäftige die Frage: Warum wird einer vergessen, warum einer verehrt? Welche Mechanismen gibt es? In seinem Roman versucht er Antworten zu finden. Ebenso spannend war es für Villalobos herauszufinden, wie viele Themen, Dramen und Charaktere in einen 100seiten Roman passen. Es gäbe viele offenen Ausgänge, Einladungen an den Leser, der sich schlussendlich am literarischen Pakt beteiligen sollte. Dieser kann das Angebot annehmen oder nicht. Literatur sei für ihn pure Kommunikation!

Der Roman sei zugleich eine Provokation gegen die Erfahrungsliteratur, die er als reaktionär einstuft. Diese vermittele, man kann nur das Schreiben, was man selbst erlebt hat. Für Villalobos müsse Literatur aber mehr aussagen als das reine Erleben.

mde
Juan Pablo Villalobos: Ich verkauf dir einen Hund| ©glasperlenspiel13

Ich war nach der Lesung so euphorisch, dass ich meinem wunderbaren Literaturzirkel der Mainzer Buchhandlung Erlesenes & Büchergilde das Buch gleich als nächste Lektüre vorgeschlagen habe. Ich selbst hab es nicht bereut. Seit langem wurde ich nicht mehr so gut unterhalten, habe nicht mehr so gelacht und dennoch so nachdenklich gestimmt. Bei meinen beiden BloggerkollegInnen Isabella von novellieren und Sandro von novelero könnt ihr weitere Beiträge zu diesem Roman lesen.

Dieses Jahr erscheint ein neuer Titel von Juan Pablo Villalobos auf Deutsch. In dem Buch „Ich hatte einen Traum“ erzählt er die Geschichten von Kindern aus Guatemala, Honduras und El Salvador, die ganz allein die Reise in das gelobte Land im Norden antraten, getrieben von Gewalt und zerstörten Familien.

Juan Pablo Villalobos: Ich verkauf dir einen Hund
Oroginal: Te vendo un perro
Aus dem Spanischen von Carsten Regling
Berenberg Verlag; Berlin 2016

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