LITPROM Literaturtage 2018 – Kartographien des Weiblichen

Ich bin immer noch berauscht. Ich habe intensive anderthalb Tage mit wunderbarer Frauen verbracht! LITPROM – Die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika feierte vergangenes Wochenende ihre siebten Literaturtage und zugleich 30 Jahre LiBeraturpreis.

Litprom-Literaturtage 2018

Seit 2013 vergibt LITPROM diesen Preis, der 1987 von der Initiative LiBeraturpreis e.V. ins Leben gerufen wurde. Der Publikumspreis zeichnet jährlich einen besonders beliebten Titel einer Autorin aus Afrika, Asien, Lateinamerika oder der arabischen Welt aus. Grund dafür war vor allem, dass Übersetzungen von Autorinnen aus diesen Regionen auf dem deutschen Buchmarkt immer noch stark unterrepräsentiert sind.

„We should all be feminists“

Freitagabend wurden die Literaturtage u.a. von Gabriele Werner, Leiterin des Frauenreferats der Stadt Frankfurt eröffnet. Sie nannte die beschämenden Fakten der Buchbranche in Deutschland. Sie bezieht sich dabei auf eine Auswertung der Schriftstellerin Nina George, die Mitglied des Bundesvorstandes des Verbandes deutscher SchriftstellerInnen bei Verdi ist und zur Bücherfrau des Jahres 2017 gekürt wurde.

  • Im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen werden weniger Romane von Autorinnen verlegt (25-30%)
  • In Deutschland werden Autoren dreimal häufiger als Autorinnen in den Feuilletons besprochen
  • Autoren gewinnen insgesamt fünf mal häufiger als Autorinnen renommierte Literaturpreise
  • Noch immer gilt der Roman einer Frau als „Frauenroman“, der Roman eines Mannes als „allgemeingültig“
  • Werke von Autoren sind sechsmal häufiger im Lehrkanon des Deutschunterrichtes und des Germanistikstudiums vertreten als von Autorinnen

Angesichts dieser Fakten war der Leitspruch der Abschlussdiskussion „We should all be feminists“ durchaus berechtigt. Er ist zugleich Titel eines Manifests der Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, das aus ihrem bekannten TED-Talk erstand.

„Wir sind den Männern überlegen.“

Wenn sich LITPROM während der Literaturtagen in Frankfurt dem Weiblichen in der Literatur nähern möchte, kann man sich sicher sein, dass die Welt zu Gast ist. Und ich wurde nicht enttäuscht. Beeindruckend die Bandbreite literarischen Schaffens aber auch die Heimatländer der Autorinnen, die teilweise eine sehr lange Reise auf sich genommen haben: Ken Bugul (Senegal), Meena Kandasamy (Indien, derzeit in London) Zoë Beck (Deutschland), Lina Meruane (Chile, derzeit in New York), Yvonne Adhiambo Owuor (Kenia), Laksmi Pamuntjak (Indonesien), Claudia Piñero (Argentinien), Faribā Vafī (Iran) und Dima Wannous (Syrien).

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In den anderthalb Tagen wurden Podiumsdiskussionen, ARTE-Dokumentationen und Workshops mit den Autorinnen angeboten. Man hatte zuweilen die Qual der Wahl, weil aufgrund der Fülle Veranstaltungen parallel liefen. Unmöglich hier alles aufzuführen aber einige Aspekte und persönliche Höhepunkte möchte ich gern hervorheben. Gleich am Freitagabend hat mich vor allem Ken Bugul aus dem Senegal begeistern können. Als es bei einer Diskussion um die Gleichberechtigung von Mann und Frau ging, erklärte sie energisch und selbstbewußt, dass man keine Gleichheit schaffen könne wo keine ist.

Gleichheit was soll das? Wir stehen über den Männern. Wir sind den Männern überlegen. Wir (Frauen) machen keine Probleme. Wir schaffen Lösungen. […]
Afrikanische Schriftstellerinnen möchten von Alltagsproblemen berichten und sie wollen denunzieren. Unsere Mission ist es die Entwicklung des Kontinents vorantreiben. Egal ob wir veröffentlicht werden oder nicht – wir werden immer weiter für Afrika kämpfen!

Ihr Pseudonym Ken Bugul stammt aus dem Wolof, eine Sprache, die zu den Niger-Kongo-Sprachen gehört und so viel wie „Eine die unerwünscht ist“ bedeutet. Den Namen hat sie nicht grundlos gewählt. Sie bekommt seit frühester Kindheit das Gefühl der Ablehnung zu spüren. Ihre Aufenthalte in Europa, die für sie eine Befreiung sei sollten, waren enttäuschend, da sie mehr als Exotin wahr genommen wurde denn als Mensch mit Persönlichkeit. In ihrem autobiografischer Bericht „Die Nacht des Baobab“ berichtet sie von dieser Zeit.

Die deutsche Krimiautorin Zoë Beck gab verstörende Einblicke in die deutsche Literaturbranche. So musste sie sich in der Vergangenheit u.a. von deutschen Lektorinnen (!) anhören, möglichst nicht allzu ernste Themen wie beispielsweise politische Problematiken in ihren Büchern zu behandeln und repetitiv zu schreiben, da Frauen zum Feierabend keine Kapazitäten mehr hätten. Ihre Figuren sollten doch bitte zugänglicher, weicher und emotionaler sein. Unglaublich aber für deutsche Schriftstellerinnen durchaus Alltag. Claudia Piñero, die mir von allen Teilnehmerinnen die Vertrauteste war – hatte ich doch bereits „Die Donnerstagswitwen“ und „Der Kommunist in Unterhosen“ gelesen und auf dem Blog besprochen – konnte die Gleichberechtigungsdebatte in Deutschland verstehen, verwies aber darauf, dass die Frauen in Argentinien mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hätten. In ihrer Heimat ginge es um das nackte Überleben. Argentinische Frauen gehen seit zwei Jahren auf die Straße, damit sie nicht von ihren Ehemännern umgebracht werden.

Faribā Vafī aus dem Iran gewann 2017 den LiBeraturpreis, der auch in ihrer Heimat große Resonanz fand. Sie kämpft mit ihren Text gegen eine allgegenwärtige Zensur. Und die Liste an verbotenen Themen ist lang. So darf weder über die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau noch über kritische politische und religiöse Themen oder den Frauenkörper geschrieben werden.

Neben den Veranstaltungen mit den Autorinnen vor Ort wurden auch drei ARTE-Dokumentationen gezeigt. So lernte ich Nawal El Saadawi kennen. „Die „Grande Dame“ der ägyptischen Frauenbewegung, Vorkämpferin für Frauenrechte in der gesamten arabischen Welt und Schriftstellerin von Weltrang. Ihre Romane, Theaterstücke und Erzählungen, in denen sie die Gewalt an Frauen, sexuelle Unterdrückung und Armut in ihrer Heimat anprangert, wurden in über 30 Sprachen übersetzt.“ (LITPROM). Des Weiteren stellte eine zweite Dokumentation Hissa Hilal vor. Sie kam in den Vereinigten Arabischen Emiraten mit ihrer Poesie in das Finale eines männerdomierenden Dichter-Wettbewerbs. Ihre Sichtweise und die Hintergründen zu ihrem Leben in Saudi Arabien, ihrem Heimatland, ließen mich sprachlos zurück.

Anita Djafari Litprom-Leiterin, machte in der Abschlussdiskussion am Samstagabend noch einmal deutlich, dass der Liberaturpreis eine wichtge Aufgabe erfülle. Er verschaffe weiblichen Stimmen mediale Aufmerksamkeit: „Dabei wollen wir nicht nur den Autorinnen etwas Gutes tun, sondern vor allem UNS!“ Den Blick über dein Tellerrand mahnte auch Faribā Vafī an. Und noch ein anderer Aspekt trat zu Tage, nämlich, dass der Feminismus wohl doch eher ein Phänomen der „weißen Frau“ ist.

Bereits Freitagabend auf dem Nachhauseweg kamen die ersten Gedanken auf: Wie viele Bücher von Schriftstellerinnen habe ich 2017 gelesen? Ein kurzer Test bestätigt mir eine bange Vermutung. Ich war froh, dass im Literaturhaus gleich eine Fülle an Büchern angeboten wurde und so konnte ich am Samstag meine Neugierde befriedigen und wenn man schon mal die Gelegenheit hat, diese auch gleich signieren zu lassen. Ich gebe die Frage auch gern an Euch weiter. Wie viele Autorinnen habt ihr vergangenes Jahr gelesen?

Bücher_Literaturtage
Litprom Literaturtage 2018: Erstandene Bücher  ©glasperlenspiel13

 

 

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4 Kommentare

  1. Vielen lieben Dank für deine Eindrücke.
    Ich habe den Newsletter vom Litprom-Weltempfänger abonniert. Dort findet man immer wahnsinnig tolle Buchtipps. Es ist wirklich schön, dass du die Gelegenheit hattest bei dieser Veranstaltung dabei zu sein. Danke auch für die Doku, die ich mir natürlich gleich angesehen habe.

    Ich lese seit ca. etwas länger als einem Jahr bewusst ca. die Hälfte meiner Bücher mit weiblichen Autorinnen. Das ist eine ungeheure Bereicherung. Anstoß dafür war übrigens Virigina Woolfs „Ein eigenes Zimmer“. Dadurch ist mir so richtig bewusst geworden, wie wenig Frauen ich bis dahin gelesen habe.

    Viele Grüße, Anja

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    1. Liebe Anja,

      ja der Litprom Weltempfänger ist sehr gut. Als der Empfänger 5jähriges Jubilum feierte, habe ich ein Interview mit Geschäftsleiterin Anita Djafari geführt.

      Ich habe mich in der Vergangenheit leider nicht bewusst für Schriftstellerinnen entschieden, werde aber zukünftig mehr darazf achten. Habe bereits zwei gelesen, u.a.von Ken Bugul. Ein wunderbarer Schatz und empfehlenswert.

      Viele Grüße
      Die Bücherliebhaberin

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  2. Zehn! Christa Wolf – Brigitte Reimann – Lisa Kränzler – Emily Witt – Chimamanda Ngozi Adichie – Elena Ferrante – Renata Viganò – Sasha Marianna Salzmann – Nadine Kegele – Maxi Wander. Und grad endlich Nino Haratischwili. Danke für Deinen Beitrag und die Anregungen, liebe Vera! ich wäre gern dabei gewesen. liebste grüße aus der ferdinand-rhode-straße…we are all feminists…(schön wär´s)

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    1. l !

      wie schön von dir hier zu hören! Das liest sich wirklich beeindruckend. Vor allem ist die Auswahl sehr vielfältig. Wie ist es dir denn mit Nino Haratischwili ergangen? Und Christa Wolf – eh klar. Waren das ihre Tagebücher? Tja und Maxi Wander muss auch endlich auf meine Liste. Deine Anregungen sind genauso wertvoll und ich habe mich erstmal in die Recherche begeben.
      Übrigens möchte ich gern mal mit dir zusammen durch die ferdinand-rhode-straße ziehen und ein wenig Melancholie atmen.
      Liebste Grüße

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