„Hier liest keiner von uns e-books“ – zu Besuch beim weissbook.w Verlag

Mein achter Verlagsbesuch und kein Weg war bisher so spannend wie dieser! Den weissbook.w Verlag galt es zu entdecken – im wahrsten Sinne des Wortes. Im Frankfurter Ostend im ATELIERFRANKFURT bin ich fündig geworden. In dem Atelier- und Ausstellungshaus befinden sich die Verlagsräume und um diese zu finden, bedarf es einiger Geduld und vor allem Orientierungssinn.

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Wegbeschreibung zum weissbooks.w Verlag im ATELIERFRANKFURT ©glasperlenspiel13

Erst einmal angekommen, wird man herzlich von den Verlagsmitarbeitern empfangen. Verleger Rainer Weiss und Robin Schmerer, Assistent der Geschäftsführung, standen mir einen Nachmittag lang Rede und Antwort. Anya Schutzbach, ebenfalls Verlegerin, konnte an diesem Tag leider nicht vor Ort sein.

Nächstes Jahr kann weissbooks.w bereits auf ein Jahrzehnt Verlagsgeschichte und über 100 publizierte Titel zurückblicken. Und so ist das Team diesen Herbst nicht nur mit der Frankfurter Buchmesse, sondern auch mit dem großen Jubiläum beschäftigt gewesen. Viele Ideen stehen im Raum und man kann sicher sein, dass die 10 Jahre 2018 gebührend gefeiert werden. Aber es wird auch ein neuer Abschnitt beginnen: Rainer Weiss, mit dem ich noch an diesem Nachmittag gesprochen habe, wird sich zurückziehen und Anya Schutzbach übernimmt die alleinige Geschäftsführung. Ein Grund mehr demnächst mal wieder im Verlag vorbeizuschauen.

weissbooks 2017

Aber wie haben die beiden Verleger Anya Schutzbach und Rainer Weiss eigentlich zueinander gefunden? Durch einen zufälligen Spaziergang! Beide waren 2007 bei Suhrkamp tätig und nicht mit der Umstrukturierung des Verlages und dem Wegzug nach Berlin einverstanden. Bei einem Rheinspaziergang traf die damalige Suhrkamp Marketingchefin Schutzbach auf Suhrkamp Programmgeschäftsführer Weiss und erzählte ihm von der Idee einen eigenen Verlag zu gründen. Weiss war sofort begeistert und sie entwickelten ein Konzept, das gängige Konventionen in der Branche durchbrechen sollte. Sie stellten sich die Frage: Wie sticht man aus der Masse der jährlichen Neuerscheinungen heraus? Mit dem Schweizer Grafiker Fritz Gottschalk (Gottschalk+Ash Int´l) fanden sie einen Grafiker, der ihnen zu der nötigen Aufmerksamkeit verhalf.

2008 stellte weissbooks.w sein erstes Programm auf der Frankfurter Buchmesse vor. Der Weg zum fertigen Layout war lang. Die ersten radikalen Entwürfe und Ideen Gottschalks konnten nicht umgesetzt werden, da man die Bedürfnisse der Buchhandels und des Lesers berücksichtigen musste.

Schnell wurde klar, dass man auch das auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellte Ursprungskonzept nicht weiter verfolgen konnte. Dies sah ein puristisches Erscheinungsbild vor, das ausdrucksstarke Typographie und hartes schwarz/weiß zur Grundlage hatte. Der Leser sei nun mal ein visueller Käufer und brauche Bilder und Emotionen. Und so erschien 2009 mit Daniel Zahno „Die Geliebte des Gelatiere“ das erste Buch mit Motiv. Mittlerweile hat der Verlag verschiedene Formate bis hin zum Geschenkbuch entwickelt. Natürlich ist auch fast jedes Buch als ebook erhältlich aber es sei eben nur ein marginales Zusatzeinkommen und der vielgepriesene Durchbruch des ebooks ist aus geblieben. Im Verlag bevorzugt das Team für die Lektüre nach wie vor die gedruckte Variante.

Inahltlich gesehen konzentriert sich der Independent Verlag auf die deutsche Gegenwartsliteratur, erweitert durch ausgewählte internationale Literatur (mit den Schwerpunkten Schweiz, Niederlande und Osteuropa). Das belletristische Programm wird durch das „Erzählende Sachbuch“ und eine schmale Lyrik-Edition ergänzt.

Im Verlagsprogramm befinden sich Long- wie auch „Bestseller“. So erscheinen die Aufzeichnung einer Hirtin von Pia Soler mit dem Titel „Die Weite fühlen“ bereits in der dritten Auflage. Rainer Weiss war durch einen Artikel auf Pia Soler, die sich selbst nicht als Autorin sieht, aufmerksam geworden und musste ganze Überzeugungsarbeit leisten.

Ein weiterer Erfolg für den Verlag ist das Buch von Luna Al-Mousli „Eine Träne. Ein Lächeln. Meine Kindheit in Damaskus„. Das Werk wurde mit dem „White Raven Award 2016“ als eines der besten Kinder- und Jugendbücher ausgezeichnet und gewann 2017 auch den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis.

Die Verlagsräume sind zugleich Verkaufsräume und zu größeren Veranstaltungen des ATELIERFRANKFURT öffnet der Verlag auch seine Türen und lässt hinter die Kulissen blicken.

Rainer Weiss ist kein gebürtiger Frankfurter. Berlin habe ihn nie interessiert und hier fühle er sich wohl und glücklich. Persönlich habe er diesen Schritt nie bereut auch wenn es schwierige Momente gab. Nach zehn Jahren ist es sicher auch ein guter Zeitpunkt für einen Rückzug und ich bin gespannt, wie es mit dem Verlag unter Anya Schutzbach weiter geht.

Weitere Eindrücke findet ihr bei novellieren. Literaturbloggerin Isabella Caldert besuchte den Verlag mit den Jungen Verlagsmensch im November.

Traumberuf Marktschreier – Jey Jey Glünderling

Nach meinem Verlagsbesuch hatte ich die Gelegenheit einen der neuen Autoren bei einer Lesung kennenzulernen. Fünf Minuten entfernt befindet sich der Frankfurter Osthafen und mittendrin „Zur Insel“ – ein wahrer Frankfurter Insider.

Frankfurter Osthafen ©glasperlenspiel13

Die Kneipe war kurz nach Beginn der Lesung bereits rappelvoll. Man fand sich zusammen, um Jey Jey Glünderling live zu erleben und sein erstes Buch „Traumberuf Marktschreier“ kennenzulernen. Der Poetry Slammer wurde von Cönig & Lebemann vorgestellt, die durch den Abend moderierten und so viele persönliche Einblicke in das Leben eines Slammers ermöglichten.

Achtzig Prozent der Texte beruhen auf persönlichen Erfahrungen Glünderlings und sind in den vergangenen drei Jahren entstanden. Das Buch kann man lesen. Ich bevorzuge Jey Jey Glünderlings allerdings on stage.

BACKPACKER

Die Fanfaren des Fernweh erfüllen die Luft. Wir müssen hier mal wieder weg, einfach raus, raus in die Welt. Ferne Länder empfangen uns mit feinstem Sand, türkisem Meer und dem Gezwitscher seltener Vögel.
Genau das ist die Welt, die uns der Reiseführer Lonely Planet seit über vierzig Jahren verkauft und sie hat den schlimmsten aller Touristentypen hervorgebracht: Den Backpacker.

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Jey Jey Glünderling: Traumberuf Marktschreier
Slam & Stories
weissbooks.w Verlag, Frankfurt am Main 2017

 

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