20 Jahre AvivA Verlag – Bücherfrühstück mit Britta Jürgs in Mainz

Das siebte Bücherfrühstück von Silke Müller in ihrer Buchhandlung „Erlesenes & Büchergilde“ in Mainz widmete sich ganz dem großen Jubiläum des AvivA Verlags. Verlegerin Britta Jürgs, die sich aktuell auf Deutschlandtour befindet, machte Halt in Mainz, blickte auf die vergangenen 20 Jahre zurück und stellte den Verlag und das Verlagsprogramm vor.

AvivA Bücherfrühstück_©glasperlenspiel13
7. Bücherfrühstück bei Erlesenes & Büchergilde in Mainz: Der AvivA Verlag feiert 20 Jahre ©glasperlenspiel13

Der AvivA Verlag steht für Literatur von und über Frauen und rückt vor allem vergessene Schriftstellerinnen der 20er und 30er Jahre in den Vordergrund. Darunter viele jüdische Autorinnen und ebenso viel Exilliteratur. Das Wort Aviva kommt ursprünglich aus dem Hebräischen und bedeutet Frühling oder die Frühlingshafte und erinnert zugleich an den jüdischen Schwerpunkt im Programm. Als studierte Kunst- und Literaturwissenschaftlerin hat Britta Jürgs schon relativ früh das Gefühl gehabt, dass sie Bücher machen wollte, die es so noch nicht gegeben hat. Literarische Lücken fand sie vor allen bei den Schriftstellerinnen des frühen 20. Jahrhunderts. Sie gab Portraitbände, Biografien und Lyrikbände heraus aber die eigentliche literarische Reihe begann mit  Alice Berend und ihrem Roman „Die Bräutigame der Babette Bomberling„, der erstmals 1915 mit einer sehr hohen Auflage von 200.000 Stück im Fischer Verlag erschien.

AvivA Verlagsprogramm | ©glasperlenspiel13
Vorgestellte Titel aus dem AvivA Verlagsprogramm | ©glasperlenspiel13

Der Absolute Bestseller des Verlages ist ebenfalls von einer jüdischen Schriftstellerin: Victoria WolfDas weiße Abendkleid„. Die Literaturwissenschaftlerin Anke Heimberg macht Jürgs auf die Autorin aufmerksam aber erst viel später entdeckte die Verlegerin in der Ramschkiste einer Bibliothek diesen Titel. Sie entschied sich für eine Neuauflage und er wurde zum Überraschungserfolg.

Hinter jedem Buch steht auch eine besondere Lebensgeschichte einer mutigen Frau. So auch bei Nelly Bly, bei der sich Jürgs selbst fragte, warum sie die Journalistin nicht schon vorher kannte. Die amerikanische Schriftstellerin, die Ende des 19. Jahrhunderts Bekanntheit in den USA erlangte, war die erste Undercover Reporterin überhaupt. Selbst Günter Wallraff bezog sich immer auch auf sie. Für eine verdeckte Reportage ließ sich Nelly Bly in eine Frauenpsychatrie einweisen und veröffentlichte ihre Beobachtungen und Erfahrungen in Artikeln und später auch in einem Buch: „Zehn Tage im Irrenhaus“ Ihr größter Erfolg war jedoch „Around the world in 72 days„. Ihr Chefredakteur wollte sie zunächst nicht ziehen lassen, da man keiner Frau diese Reise zumuten wollte bzw. es ihr nicht zutraute.

Lilli Grün ist eine weitere wichtige Autorin, die die Verlegerin an diesem Morgen vorstellte. Als jüdische Schriftstellerin erfährt sie das gleiche Schicksal wie Millionen anderer Juden. Aufgrund einer Krankheit kann sie nicht rechtzeitig emigrieren und wird 1942 nach Weißrussland deportiert und in Maly Trostinez ermordet. Lilli Grün wurde in Wien geboren und wollte zeitlebens auf die Bühne. Ihr Glück versuchte sie u.a. mit einem Kabarett in Berlin. Als sie wieder nach Wien zurückkehrte, hielt sie ihre Berlinzeit in einem Roman fest: Alles ist Jazz. Das wohl wichtigste Buch ist aber „Mädchenhimmel! Gedichte und Geschichten“. Dieser Titel erhielt eine einseitige Besprechung im Spiegel und auch Deniz Yücel besprach das Buch in der taz. Bei der Gelegenheit erinnerte Britta Jürgs an den Journalisten, der sich bereits seit über 200 Tagen in türkischer Haft befindet.

Die Gedichte von Lilli Grün sind frech und tollkühn, voller Esprit und trotzdem berührend.

Elegie bei einer Tasse Moca

Mein letzter Freund war ein Jurist.
Ich bin seit dieser Zeit gegen Juristen.
Juristen sind alle falsch, herzlos und bös,
Ich kann dieses Wort gar nicht hören, es macht mich nervös.
Darum wünsch´ich mir zum nächsten Verehrer
Beispielsweise einen Volksschullehrer.
Ein Mann, der den ganzen Tag kleine Kinder unterrichtet,
Muss doch, nebst Verstand und anderen Gaben,
So etwas wie eine Seele haben.
Und ich bin so scharf auf Seele!

jedoch für Stimmung und Poesie
Wäre die einfachste Lösung ja die:
Man könnte einen Landpastor bekommen.
Aber die Leute sagen, es wird so schwer gehen,
Und ich muss ja selbst gestehen:
Durch meinen vergangenen Juristen
Hab ich so wenig Umgang mit Christen.
Und wenn man bedenkt, wie selten sich so ein Landpastor
Ins Romanische Café verirrt,
Muß man zugeben, daß es einigermaßen schwer sein wird!

Eine detailierte und sehr gelungene Rezension zu „Mädchenhimmel!“ findet ihr bei Sätze und Schätze.

„In jedem Buch stecken fünf andere.“

Der AvivA Verlag ist in der Hauptstadt ansässig und Ein-Frau-Betrieb. Britta Jürgs bekommt zwar stundenweise Unterstützung stemmt ihr komplettes Programm aber eigenhändig. Ihre Bücher erscheinen in Auflagen, die sich zwischen 1.000 und 2.000 Stück bewegen. Auf meine Frage, ob sich das Material aus den 20er und 30er Jahren nicht irgendwann erschöpft, meinte Jürgs:

Es gibt noch viel zu entdecken. In jedem Buch stecken fünf andere. Ich kann mich in jede Richtung weiter entwickeln. Als kleiner Verlag habe ich die Freiheit das zu machen, was ich möchte.

Das Schöne an einem unabhängigen Verlag sei aber auch alle Herzensprojekte realisieren zu können, ob sich nun das Buch finanziell rentiere oder nicht. Und als Beweis zitiert Jürgs Kurt Wolff, Namensgeber der Kurt Wolff Stiftung, der sie seit drei Jahren vorsteht: „Am Anfang war das Wort und nicht die Zahl.“ Silke Müller pflichtete ihr bei und unterstrich noch einmal wie wichtig die unabhängigge Szene für den deutschen Buchmarkt ist. Ohne Inhabergeführte Buchläden, die auch Bücher jenseits des Mainstreams anbieten, hätten es inhabergeführte Verlage noch schwerer als ohnehin schon.

Britta Jürgs & Silke Müller_©glasperlenspiel13
Britta Jürgs, AvivA Verlegerin & Silke Müller, Inhaberin Erlesenes & Büchergilde ©glasperlenspiel13

Der Buchladen, erst vor kurzem mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet war bestens besucht und das Frühstück wie immer köstlich. Ganz nebenbei habe ich noch die beiden Literturbloggerinnen von danares.mag und blauschrift getroffen und mit einem Gläschen Sekt auf den literarischen Sonntagmorgen angestoßen.

Zum Schluss möchte ich noch darauf hingewiesen, dass die Tour, die Britta Jürgs durch 20 deutsche Buchhandlungen führt auf der Website des Verlages festgehalten wird: AvivA on Tour. Zu finden sind wunderbar atmosphärische Fotos und tolle Texte – beides von Klara-Emilia Kajdi.

Advertisements

1 Comment

  1. Danke für den Link, Vera.
    Victoria Wolff – „Die Welt ist blau“ – habe ich inzwischen auch für mich entdeckt und war begeistert. Wunderbar, was Britta Jürgs und ihr Team da leisten.
    Und als ich las, dass ihr da ein spontanes Bloggerinnentreffen hattet, hab ich mich gefreut – da wäre ich gerne dabei gewesen. Liebe Grüße, Birgit

    Gefällt 1 Person

Und was sagst du dazu ...?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s