RSS-Feed

„Bücher wird es immer geben“ – zu Besuch beim Berenberg Verlag

Veröffentlicht am

Ein Berlin Aufenthalt im Jahr muss sein. Und schon im Vorfeld der Planungen war mir klar, dass ich unbedingt die Chance nutzen musste einen Berliner Verlag aufzusuchen. Meine Wahl fiel auf den Berenberg Verlag, der erst vor drei Jahren sein 10jähriges Jubiläum feierte.

Berenberg Verlag ©glasperlenspiel13

Berenberg Verlag ©glasperlenspiel13

Die Verlagsräume befinden sich in Berlin Mitte in einer ruhigen Seitenstraße, der Sophienstraße 8, unweit des Hackeschen Marktes. Herzlich empfangen wurde ich von Beatrice Faßbender, langjährige Mitarbeiterin, und Verleger Heinrich von Berenberg.

Das der Verlag in Berlin sitzt, ist dem beruflichen Werdegang von Berenberg geschuldet. Dieser ging nach der Insolvenz des Syndikats Verlags (Frankfurt) in den 80er Jahren in die Hauptstadt zum unabhängigen Wagenbach Verlag.

Vor allem aufgrund seiner Spanischkenntnisse wurde er dort angestellt und unter anderem Lektor für den spanischsprachigen Kulturraum. Ich zeigte mich zunächst verwundert, da aus seiner Biographie nicht hervorging, weshalb Heinrich von Berenberg des Spanischen mächtig ist. Aus seiner Biografie erfuhr ich „nur“ von einem Studium der Germanistik und der Anglistik. Auf meine Frage kam die überraschende Antwort: „Ich habe mir das Spanische selbst angeeignet, da ich gern Sprachen lerne und besonders das Spanische ging mit einer politischen Romantik einher. Das hatte auch mit der Situation in den 70er Jahren zu tun. Francos Tod und die Gründung der spanischen Zeitung „El País“ und natürlich auch mit den literarischen Entwicklungen in Lateinamerika („magischer Realismus“). “

Als Lektor und Übersetzer reiste er in den 80er Jahren viel nach Spanien. Er schwärmt von der Buchmesse in Madrid. Sie sei eine der schönsten, die er kennt, da sie unter freiem Himmel stattfand und jedem Verlag, egal wie groß er war, nur eine kleine Bude zur Verfügung stand. Buchhandlungen und Antiquariate konnten ebenfalls ausstellen, zu jeder Zeit konnten Bücher gekauft werden und große Autoren wie Rafael Alberti und Gabriel García Márquez saßen in den Buden und signierten ihre Bücher. Das letzte Mal sei er vor ca. zwölf Jahren vor Ort gewesen und sicher habe sich seither einiges geändert.

 

Auf meine Frage, warum er trotz seiner Tätigkeit bei Wagenbach die Gründung eines eignen Verlages in Betracht zog, meinte er reflektierend: „Ich hätte auch noch bleiben können. Aber das wollte ich nicht. Ich hatte bereits eine Programmlinie, die ich umsetzen wollte, im Kopf; basierend auf biografischen und autobiografischen Texten. Damit meine ich nicht die dicken Wälzer von 500 Seiten, die enorm aufwendig und auch sehr kostspielig sind. Mich hat die Schnittmenge von Literatur und Biografie interessiert.“ Und so liegt der Programmschwerpunkt auch heute noch auf (auto-)biographischer Literatur, Essays und Memoiren zur Zeitgeschichte.

Mit dieser Idee hat Berenberg die Branche vor 13 Jahren überrascht. Die Reaktionen von Kollegen und Presse waren durchweg positiv, als er 2003 zur Frankfurter Buchmesse das erste Verlagsprogramm vorstellte. Zugegebenermaßen hatte der Verlag gleich zu anfangs Glück, da Elke Heidenreich einen der vier Titel „Die Zigarette“ in ihrer Sendung besprach. Berenberg wisse jedoch bis heute nicht genau, woher der Erfolg komme. Vielleicht sei es das Geschäftsmodell? Die Ausgaben seien qualitativ hochwertig, sehen besonders aus und haben bei vielen eine Art Sammlerinstinkt geweckt. Und damit muss ich ihm Recht geben. Alle Bücher sind fadengeheftet und in Halbleinen mit schönen Vorsatzblättern gebunden. Für die individuelle und doch wieder erkennbare Gestaltung und Herstellung sorgen Antje Haack und Beate Mössner.

Er selbst kaufe gerne Bücher, da ihn schöne Bücher ansprächen. Als gelungenes Beispiel nannte er die Elena Ferrante Serie, die im Suhrkamp Verlag erscheint. Die schöne Typographie, das schönes Papier und das tolle Cover.

Roberto Bolaño im Berenberg Verlag @vonBerenberg
Roberto Bolaño im Berenberg Verlag @vonBerenberg

Zu dem chilenischen Schriftsteller Roberto Bolaño hatte er ein ganz besonderes Verhältnis. Immerhin übersetzte er fünf seiner Bücher ins Deutsche, traf ihn mehrmals persönlich, meist in Spanien, wo der Autor eine Zeitlang lebte und brachte im eigenen Verlag ein Buch zu Bolaño heraus: Roberto Bolaño Exil im Niemandsland. Fragmente einer Autobiographie. Sein Lieblingsbuch von ihm sei „Die Naziliteratur in Amerika„. Berenbergs Interesse für Lateinamerika und den spanischsprachigen Raum findet sich natürlich auch im Verlagsprogramm wieder.

 „Ich habe meine Entscheidung nie bereut.“

 

Für sein verlegerisches Handeln wurde Berenberg bereits nach sieben Jahren mit dem Karl-Heinz Zillmer-Preis der Hamburgischen Kulturstiftung ausgezeichnet und 2015 erhielt der Verlag den mit 26.000 Euro dotierten Preis der Kurt-Wolff-Stiftung. Berenberg betont, dass er sich in der Szene der unabhängigen Verlage sehr wohl fühle. Es verwundert also nicht, wenn er sagt, dass er seine Entscheidung nie bereut hat.

Nur manchmal überkommt ihn ein Anflug von Panik und er stellt sich die Frage: Was mach ich nächstes Jahr? Eigentlich unnötig, denn der Stoff kommt auf vielen verschiedenen Wegen in den Verlag. Mitverantwortlich dafür ist Beatrice Faßbender. Neben Lektoratsaufgaben sorgt sie dafür, „dass dieser Verlag keine fliegende intellektuelle Untertasse wird, sondern über Lesungen und Veranstaltungen aller Art fest mit dem Literaturbetrieb verbunden bleibt.“

Im vergangenen Herbst erschienen im Berenberg Verlag sechs Bücher. Ungewöhnlich viel denn normalerweise veröffentlicht der Verlag pro Halbjahr zwischen drei bis fünf Titel. Für das Frühjahr 2018 hat der Verleger schon heute die Qual der Wahl. Aus acht Titeln muss er die besten wählen. Aber Heinrich von Berenberg konnte mir bereits jetzt verraten, dass ein weiteres Buch des mexikanischen Schriftstellers Juan Pablo Villalobos geplant ist. fragmentarische Biografien von Kindern, die in Lateinamerika auf der Flucht sind,. Und ein schmaler Band des peruanischen Klassikers César Vallejo, mit Berichten aus Europa.

Der Zukunft sieht er gelassen entgegen: „Bücher wird es immer geben, nur die Nische wird immer enger umrissen sein und das Leseverhalten wird sich verändern. Und natürlich wird es auch weiterhin Jugendliche geben, die ein Buch zur Hand nehmen.“

Am Ende wandte er sich dann noch an mich: Ich sei die erste Literaturbloggerin mit der er sich unterhalte. Sein Interesse mit welcher Motivation ich den Blog betreibe und was eigentlich das Ziel sei, war groß. Aber das ist ein anderer Beitrag.

************  Bücher aus dem Berenberg Verlag ************

Juan Pablo Villalobos: Quesadillas
Héctor Abad: La oculta
Bettina Baltschev: Hölle und Paradies Amsterdam, Querido und die deutsche Exilliteratur

Advertisements

Und was sagst du dazu ...?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: