David Grossman auf Lesereise durch Deutschland – ein Durchatmen für den Israelit

Obwohl sich Hauke Hückstädt, Leiter des Literaturhauses in Frankfurt über jeden seiner Gäste freut, war dieses Mal die Freude besonders groß. Zu Gast war am Montagabend der israelische Schriftsteller David Grossman, der seinen aktuellen Roman „Kommt ein Pferd in die Bar“ vorstellte. Mit ihm gekommen waren die Pressechefin des Hanser Verlages Christina Knecht und Übersetzerin Anne Birkenhauer. Ebenso begrüßte er Moderator Alf Mentzer, Leiter der Literraturredaktion von hr2-kultur, der laut Hückstädt schon fast zum Inventar des Hauses gehöre und schlussendlich Peter Schröder, Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt, der Passagen des Romans auf Deutsch vortrug.

David Grossman_Caterina Kirsten_01
David Grossman im Literturhaus Frankfurt (c) caterina | SchöneSeiten

Für mich bleibt dieser Abend durch einen tief emotional berührenden wie politischen David Grossman und einen überzeugenden Peter Schröder im Gedächtnis. Grossmans Gedanken über das Schreiben, die Rolle des Humors, seine Gefühle für seine Heimat und die aktuelle Situation Israels füllten den Abend, der lange in mir nach halte.

„Googel it“ – Humor als Waffe und Schutzschild

Als Running Gag der Lesung musste die allseits bekannte Suchmaschine herhalten – alles nahm seinen Lauf als Alf Mentzer zugab die Stadt Netanja, Handlungsort des Romans, online recherchiert zu haben. Von da an tauchte der Online-Riese immer wieder auf, bis Grossman bei der nächsten Gelegenheit dem Moderator einfach riet: „Googel it!“ Auch sonst besitzt der Schriftsteller einen sehr feinsinnigen Humor, den er theoretisch aber stark abgrenzte vom reinen Witze erzählen. Letzteres sei eine wirkliche Kunst, ein Talent, das er leider nicht besäße. Für einen richtigen guten Witz käme es auf das richtige Timing und die gute Story an.

Den Humor setzte er einer Art Paralleluniversum gleich, in das man sich flüchten und retten könne. Schon für ein Kind sei der Humor Schutz vor Ausgrenzung und Gewalt. So laufe Dovele, der Protagonist des Romans, als kleiner Junge auf beiden Händen, um Schlägen ins Gesicht und auf dem Kopf zu entgehen. Dadurch erfahre er zugleich einen Perspektivenwechsel und könne sich der Situation entziehen.

Dovele ist ein Stand-up-Comedian und so ist auch der erste Teil des Romans der Tonalität der Comedians angepasst. Grossman sei es eine pleasure gewesen sich mit dieser aggressiven, beleidigenden und teilweise vulgären Sprache auseinanderzusetzen. Im zweiten Teil beginnt die Story zu kippen und auch die Sprache verändert sich wieder, wird weicher und persönlicher.

Beruflich befindet sich Dovele auf dem absteigenden Ast seiner Karriere und bevor das endgültige Aus droht, sucht er nach einer Möglichkeit sich endlich selbst zu erkennen. Zu diesem Zweck lädt er seinen alten Jugendfreund zu seiner Aufführung in einer Kleinstadt ein. Er soll Dovele den Spiegel vorhalten und ein Urteil über ihn fällen. Die beiden gealterten Männer waren 14jährig die besten Freunde und trennten sich nach einem feigen Verrat. Eben jener ehemalige Freund muss sich nun die Selbstmontage Doveles auf der Bühne anschauen und gerät selbst in einen Strudel voller zersetzender Gedanken. Aber nicht nur er kennt den traurigen Narr auf der Bühne. Im Publikum sitzt auch eine kleine Frau, die Dovele noch aus früheren Zeiten kennt: seine Nachbarin aus Kinheitstagen. Mit nur einem Satz ruft sie den bereits erwähnten cut in der Handlung hervor und Dovele erklärt sich dem Publikum mit einer tragischen Geschichte aus seiner Jugend.

David Grossman las zu große Freude des Publikums einige Abschnitte aus dem Roman auf Hebräisch und Peter Schröder brachte uns den hysterischen und verzweifelten Zustand Doveles wirklich sehr anschaulich und glaubhaft nahe.

Alternativlos ist auch keine Alternative

Für den Schriftsteller ist die aktuelle Lesereise durch den deutschsprachigen Raum auch ein Durchatmen, die Möglichkeit eine Bühne zu haben, um über seine Heimat reflektieren zu können. In Israel bekomme er für seine politische Äußerungen keinen Applaus – selbst wenn man diesen in Humor verpacken würde. Er habe diese Erfahrung leider schon sehr oft auf Lesungen gemacht, gespürt wie das Publikum durch politische Äußerungen plötzlich unruhig wurde und auch Dovele muss im Roman dem Veranstalter versprechen dieses Thema auszuklammern. Den Preis den Comedians wie Schriftsteller zahlen müssten, wenn sie doch auf die politische Ebene zu sprechen kämen, sei hoch: den Verlust ihres Publikums.

Für Grossman sei die Situation in Israel nur schwer zu tragen und er verfolge mit Bestürzung die Entwicklung und den damit verbundenen Rückschritt in Israel. Er ist ein Mann, der auch Angst vor wiederkehrenden Fehler hat und der sich aktiv für eine politische Verständigung und den Friedensprozess einsetzt. Denn trotz aller Unmöglichkeit, müsse dennoch eine Befriedung möglich sein und für ihn gäbe es keinen Status Quo, solange Menschen involviert seien. Als Zuhörerin spürte und sah ich förmlich die deep pain, von der er sprach.

Und als wollte die Geschichte Grossmans Aussagen untermauern, musste ich wenige Stunden später von dem Eklat im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen lesen. Der israelische und der palästinensische Vertreter beschimpften und beleidigten sich öffentlich und zeigten der Welt, wie schlimm es um die Beziehungen beider Völker steht. Grossman bedrückte Stimme noch im Ohr, fühlte ich mich mal wieder ohnmächtig angesichts dieses blinden Hasses auf beiden Seiten.

Ich möchte meinen Erlebnisbericht trotz aller Zweifel und Sorge um Israel dennoch mit einem wunderbaren Ausspruch Grossmans beenden. Auf die Nachfrage Mentzers woher er all diese wunderbaren Ideen hätte, antwortete der Schriftsteller: „Wenn ich wüsste, woher diese Ideen käme, würde ich für immer dort bleiben.“

_____________________________________
David Grossman: Kommt ein Pferd in die Bar
Die hebräische Originalausgabe erschien 2014
unter dem Titel (sus echad nichnas lebar)
bei Hotsa’at Hakibuts hame ’uchad in Tel Aviv.
Übersetzt aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer
Hanser Verlag; München 2016

Advertisements

4 Comments

    1. Liebe caterina,

      jetzt wollen wir mal hoffen, dass das Buch genso so großartig ist. Merci nochmal für deine schönen Bilder. Ich freu mich schon auf unseren nächsten literarischen Ausflug!

      Gefällt 1 Person

Und was sagst du dazu ...?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s