Blogs der Buchbranche im Porträt | Logbuch des Suhrkamp Verlages

Mit dem heutigen Porträt umfasst meine Reihe Blogs der Buchbranche im Porträt bereits zehn Beiträge. Über die Antworten der Redaktion vom Logbuch des Suhrkamp Verlages habe ich mich sehr gefreut, da diese einen besonders tiefen Einblick gewähren und der Suhrkamp Verlag seit vielen Jahren schon ein ganz wichtiger Wegbegleiter für mich und meine Liebe zur Literatur ist.

logbuch suhrkamp-logo

Seit wann gibt es den Blog?

Im Herbst 2013 gingen die ersten Beiträge online. Den Anfang machten Marion Poschmann mit einem Essay Über Schönheit und Gunther Geltinger mit seinem Moortagebuch; Ulf Erdmann Ziegler dachte über den Zusammenhang von Musik und Roman nach und Clemens J. Setz sprach mit Judith Schalansky über autobiografische Züge in seinem Roman Indigo.

Warum gibt es den Blog und was gab den letzten Anstoß, diesen aufzusetzen?

Wir wollten mit dem Logbuch eine vielseitige Plattform schaffen für deutschsprachige Literatur heute: Wie wird eine*r Schriftsteller*in, woher kommt der Stoff, wie wird der Stoff Literatur, wie kommt das Buch zu seinen Leser*innen? Wir wollten Geschichten über die Freuden und Leiden des Büchermachens erzählen. Das wollen wir immer noch, und noch viel mehr – mit der Zeit sind unsere Beiträge immer bunter und vielfältiger geworden: Text, Bild, Ton, Alltägliches und Außergewöhnliches – es geht um Poesie in jeder Form.

Welche Zielstellung verfolgt der Verlag damit?

Nicht alles eignet sich dazu, auf Papier gedruckt und zwischen Buchdeckel gepresst zu werden. Deshalb ist es besonders spannend, Literatur einmal in anderen Formen und Formaten zu vermitteln, kürzere Texte zu publizieren, Stimmen hörbar zu machen, Fotos und Videos zu zeigen, Autoren, Kritiker, Buchhändler miteinander ins Gespräch zu bringen, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, aktuelle Debatten aufzugreifen oder Kooperationen – wie mit S. Fischer Hundertvierzehn zum Thema Feminismen oder der Uni Hildesheim anlässlich des Bachmann-Preises – zu realisieren. Dadurch können wir andere, oft auch jüngere Leser*innen erreichen, die sich nicht über das klassische Feuilleton informieren, und es ergeben sich neue Möglichkeiten des Austauschs.

Wie unterscheidet sich das Logbuch von anderen Verlagsblogs?

Unser Online-Magazin ist keine Website, auf der Bücher verkauft oder Werbebanner eingeblendet werden, es ist also nur bedingt ein Marketinginstrument im klassischen Sinn. Wir widmen uns derzeit vor allem der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, um zu zeigen, wie vielfältig und vielstimmig sie ist, und laden deshalb neben unseren Hausautor*innen auch immer wieder Autor*innen anderer Verlage ein, einen Beitrag zu verfassen oder sich zu Wort zu melden.

logbuch suhrkamp
Logbuch | Das Onlinemagazin vom Suhrkamp Verlag

Welche Themen/Formate sind besonders wichtig?

Wir möchten die Stimmen der Autor*innen hören. Zum einen im buchstäblichen Sinn, indem wir sie zum Beispiel bitten, Gedichte anderer Autor*innen vorzulesen, zum anderen möchten wir wissen, was sie umtreibt. Wir werfen regelmäßig einen Blick in ihre Bibliotheken und fragen sie, für welche Bücher sie schwärmen. Wir begleiten sie auf ihren(?) Reisen ins Ausland und bringen sie miteinander ins Gespräch.

Das Spektrum unserer Themen ist dabei ebenso breitgefächert, wie es die Interessen der Autor*innen sind: In Essays, Gedichten, Erzählungen, Gesprächen und Werkstattberichten, in Wort und Bild widmen sie sich sowohl literarischen und poetologischen als auch gesellschaftspolitischen Themen. So war beispielsweise Stephan Thome während der Proteste in Taipeh vor Ort und hat tagesaktuell von seinen Eindrücken berichtet (und der SPIEGEL machte daraus einen Artikel); Thomas Meinecke zieht für seine monatliche Clip//Schule immer wieder neue Tracks aus seiner unerschöpflichen Plattensammlung; Detlef Kuhlbrodt nimmt die Leser*innen seines Fototagebuchs mit durch die Straßen von Berlin und Friedrich Ani schreibt eine Kolumne über Leben und Schreiben in der Gegenwart.

Wie setzt sich die Redaktion zusammen und wo ist sie intern angesiedelt?

Das Redaktionsteam besteht aktuell aus zwei Lektorinnen, zwei Kollegen aus der Webredaktion, je einer Kollegin aus dem Verkauf und aus der Presse und einem externen Mitarbeiter, der vor allem für die Graphik und Gestaltung des Logbuchs zuständig ist. Wir treffen uns einmal in der Woche zum gemeinsamen Mittagessen und einmal im Monat zur Redaktionssitzung, um die Beiträge für den kommenden Monat zu planen, sind aber über diese fixen Termine hinaus ständig untereinander im Austausch.

Welche Themenplanung liegt dahinter? Wie langfristig, nachhaltig sind die Themen angelegt?

Themenvorschläge kommen sowohl von den Autor*innen selbst als auch von den einzelnen Redaktionsmitgliedern und bilden meist ein Potpourri aus aktuellen Debatten, literarischen Versuchen oder poetologischen Überlegungen. Wir sammeln sie und diskutieren, welche wir interessant finden, wie sie umgesetzt werden könnten, wen wir dafür anfragen könnten, welches Format sich wofür eignen würde. Anlässe können gesellschaftliche Debatten sein (Feminismus), neue Entwicklungen im Literaturbetrieb und Vertrieb, interessante Veranstaltungen (Bachmannpreis, Buchmesse) und Initiativen (Megapixel Hildesheim, Realfiktionen), oft steckt aber auch einfach unsere Neugier (Durch die Bibliothek von … / Literaturzeitschriften im Porträt) dahinter oder ein toller Beitrag, den uns ein*e Autor*in zur Veröffentlichung anbietet.

So schrieb Clemens Setz nach seinem Besuch in Japan über den seltsamen Nakagin Capsule Tower in Tokio, Joshua Groß stellte beim Vergleich der HipHop-Droge Sizzurp mit »Soma« aus Brave New World gekonnt steile Thesen auf, Heinz Helle fühlte sich beim Hören des letzten Albums von K.I.Z. an seine Jugend erinnert, und unser Cheflektor Raimund Fellinger traf Peter Fabjan, Bruder und Erbe von Thomas Bernhard anlässlich des 85. Geburtstag des Autors und sprach mit ihm über die Beziehung zwischen den Brüdern und das Testament des Schriftstellers.

Welche Technik wird dafür verwendet und mit welchen Kanälen ist der Blog verbunden?

Unser Online-Magazin basiert auf WordPress. Um die Welt auf die neuen Beiträge aufmerksam zu machen, nutzen wir Facebook und Twitter. In Kürze wird es auch eine App geben, mit der wir auf neue Beiträge hinweisen.

Gibt es einen Austausch mit der Community bzw. gibt es Feedback von Seiten der Leser?

Das Logbuch wird von den Leser*innen sehr gut angenommen, was sich in Kommentaren, Shares und Likes auf unseren Social-Media-Kanälen ausdrückt. Allerdings gibt es selten eine so leidenschaftliche Beteiligung, wie wir sie nach der Veröffentlichung eines Beitrags von Friedrich Forssman zur Frage Warum es Arno Schmidts Texte nicht als Ebook gibt erlebten. Das Beispiel veranschaulicht, wie zeitnah, dynamisch und diskussionsfreudig die netzaffinen Leser auf streitbare Texte reagieren.

Dass ein Leserkommentar auch Anstoß für ein Buchprojekt geben kann, zeigt Clemens Setz‘ Beitrag Douche Chills. Als Kathrin Passig ihn gelesen hatte und Clemens Setz via Facebook dazu anregte, doch einen Band aus den Nacherzählungen seiner ersten literarischen Versuche zu machen, ließ er sich nicht lange bitten: Ein halbes Jahr später erschien der Band Glücklich wie Blei im Getreide bei uns im Suhrkamp Verlag. Ähnlich war es auch bei Andreas Maiers Mein Jahr ohne Udo Jürgens – aus der Online-Kolumne wurde zum Abschluss und pünktlich zu Udo Jürgens‘ erstem Todestag ein Buch.

Wie wird der Erfolg gemessen? Und welche Kriterien werden dafür angesetzt?

Wir freuen uns natürlich über die positive Rückmeldung von Kolleg*innen, Autor*innen und Leser*innen. Nach kurzer Zeit haben wir zudem bei Facebook und Twitter treue Follower gewinnen können und verzeichnen auf dem Logbuch monatlich fünfstellige Zugriffszahlen.

Gibt es einen besonderen Wunsch für die Zukunft?

Wir wünschen uns weiterhin starke Texte und audiovisuelle Beiträge, die zur Vielfältigkeit des Logbuchs beitragen. Und wir wünschen uns weiterhin spannende Projekte und Kooperationsprojekte über Verlags- und vielleicht auch Branchengrenzen hinaus. Und für Autor*innen, Leser*innen und uns, dass wir weiterhin mit offenen Augen und Neugier durch die (literarische) Welt gehen.

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Was gibt es noch zu sagen oder ein kreativer Exkurs der Redaktion.

»Die wichtigsten Gründe«

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3 Comments

  1. wieder einmal ein sehr interessanter Ausflug in die Welt der Literatur und Verlage. Ich finde es überaus spannend, hinter die Kulissen zu blicken, Geschichten auch abseits der bekannten oder aktuellen Themen zu lesen. Da sind die Blogs der Verlage eine prima Möglichkeit und eine Bereicherung jedes Literatur-Fans.In der Kommunikation zwischen den verschiedenen Bereichen ist der Suhrkamp Verlag ein Musterbeispiel. Viele Grüße

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Constanze,

      vielen Dank für deine Gedanken. Für mich ist diese Blick hinter die Kulissen wichtig und es wird wohl demnächst mit einer neuen Reihe noch mehr in diese Richtung gehen.
      Liebe Grüße in die Heimat

      Gefällt 1 Person

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