Mahi Binebine: Die Engel von Sidi Moumen

d1200-mahibinebine-dieengelvonsidimoumen„Das Schreiben bereitete mir grosse Mühe. Ich gelangte an einen Punkt, an dem ich beinahe das nicht zu Rechtfertigende gerechtfertigt hätte.“

Mahi Binebine

Am 16. Mai 2003 explodierten in Casablanca die Paradiesgürtel von vierzehn marokkanischen Jugendlichen. Das Land stand unter Schock denn „wir dachten, wir seien gegen den Terrorismus gefeit, aber mitnichten! Die Explosion fand bei uns statt, und die Täter sind von hier“ erinnerte sich der Schriftsteller Mahi Binebine 2011 in einem Interview. Die Selbstmordattentäter stammten alle aus einem Elendsviertel am Rande der Stadt: Sidi Moumen –  der Inbegriff für Armut und ein Leben am Existenzminimum.

„Ein Spaziergänger könnte an unserem Quartier entlanggehen, ohne seiner Existenz gewahr zu werden. Eine hohe Stampflehnmauer trennt es vom Boulevard, wo der ununterbrochene Verkehrsfluss einen Höllenlärm macht. In dieser Mauer gab es schmale Öffnungen, Schiessscharten gleich, durch die man die andere Welt beobachten konnte.“

Binebine sprach während seiner Recherchen zu seinem Roman „Die Engel von Sidi Moumen“ mit Angehörigen und Freunden der Selbstmordattentäter, sondierte alles, was über die Anschläge veröffentlicht wurde und besuchte mehrmals Sidi Moumen. Dabei entstand ein Roman, der nicht nur eine relativ unbekannte Seite Marokkos zeigt (die auch dem Autor selbst nicht bekannt war), sondern auch beim Leser ein Gefühl von Wut, Sprachlosigkeit und Entsetzen hinterlässt.

Der Leser erfährt von den Ereignissen aus der Perspektive eines toden, geläuterten Selbstmordattentäters. Jaschin ist einer dieser vierzehn Jugendlichen im Roman. Er, der große Bruder Hâmid und die Freunde aus seiner Fußballmannschaft haben einen harten Alltag, der geprägt ist von familiärer Gewalt, Hunger, dem Durchwühlen der unendlichen Müllberge und Stehlen. Glückliche Stunden verbringt er nur auf dem Fußballfeld oder zusammen mit Ghislan, seiner großen Liebe. Doch auch wenn es Momente gibt, in denen er diesem Elend entfliehen kann, so ist er sich doch bewusst, dass er das Bidonville (dtsch.: Elendsviertel) nie verlassen wird.

Es ist kein Zufall, dass plötzlich der streng religiöse Abu Subair auftaucht und zum spirituellen Führer von Jaschin und seinen Freunde wird. Er hilft Ihnen, wo er nur kann, und bekehrt sie zu einem muslimisch geprägten Leben. Mit Geschichten und Erzählungen über das Paradies macht er sie neugierig und letztendlich auch gefügig. So geraten die Jungen in einen Teufelskreis, aus dem es kein Entfliehen gibt und dessen schreckliche Konsequenz nur der Tod ist. Jaschins Erkenntnis kommt wie so oft  zu spät.

„Alle Beweggründe, die man euch gegenüber anführt, und seien sie so noch so verführerisch, sind Gründe, die in den Tod führen. Ich leide, ganz im Stillen, und bemühe mich, meine Dämonen im Zaum zu halten. Manchnmal kommt es mir vor, als ob das Unvermögen, die Dinge zu verändern zu können, die eigentliche Hölle wäre, denn seit meinem Tod brennt es mir auf der Seele. Abu Subair hat uns angelogen, als er uns einen direkten Weg ins Paradies versprach.“

Wie oft fragen wir uns, wie kann man sein eigenes Leben und das anderer einfach so auslöschen? Dieses Buch soll keineswegs eine Rechtfertigung sein aber es gibt Antworten auf Fragen und zeigt auf, dass Täter selbst zu Opfern werden können denn

„in Wirklichkeit hat uns dieser Weg geradewegs in den Tod geführt, in unseren Tod und den unserer Nächsten, die wir doch lieben sollten. Geradewegs in eine blinde Finsternis, wo ausser Bedauern, Schuldgefühlen, Einsamkeit und Verzweiflung nichts ist.
Geradewegs, geradewegs, geradewegs …“

Original: Les Étoiles de Sidi Moumen
Aus dem Französischen und mit einem Nachwort von Regula Renschler
Lenos Verlag; Basel 2011
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