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Dror Moreh: The Gatekeepers

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Dror Moreh: The GatekeepersWelche Wertvorstellungen besitzt man im Leben und wie kann man sein Handeln mit dem eigenen Gewissen vereinbaren? Fragestellungen, die einen Geheimdienst- chef in Erklärungsnot bringen können. Im aktuellen Buch des israelischen Regisseurs und Produzenten Dror Moreh „The Gatekeepers – Aus dem Inneren des israelischen Geheimdienstes“ stellen sich die sechs letzten Chefs des israelischen Geheimdienstes Shin Bet  genau dieser Problematik .

Für mich war dieses Buch ein weiteres Puzzlestück in dem komplexen Gefüge Naher Osten. Einige Ereignisse waren mir bekannt, die Hintergründe aber weniger. So berichtet Avraham Schalom, der von 1980 bis 1986 dem Shin Bet vorstand, über die Gefangennahme und Entführung des gesuchten deutschen Verbrechers Adolf Eichmanns im Jahre 1960. Kamri Gilon, Geheimdienstchef in den 90er, erlebte das Trauma um die Ermordung des Ministerpräsidenten Jitzack Rabin 1995. Von vielen Begebenheiten  und Vorfällen habe ich aber zum ersten Mal gehört. So etwa von der Affäre um den Bus der Linie 300. Dem damaligen Chef des Geheimdienstes Avraham Schalom wurde die Tötung von gefangen genommenen Terroristen und die Vertuschung dieser Tat vorgeworfen. Wie sehr sich die Grenzen in so einer Machtstellung verschieben können, zeigt der Interviewausschnitt mit ihm:

Demnach mussten die Entführer des Busses getötet werden?
Wenn man die Folgen der Aktion betrachtet: Nein

Nur wegen der Folgen?
Ja.

Es wäre in Ordnung gewesen, wenn es die Journalisten nicht gesehen hätten?
Wenn es keiner gesehen hätte, hätten wir nie davon erfahren.

Und wo ist die Moral?
Im Terrorismus gibt es keine Moral. Ist eine Ein-Tonne-Bombe moralisch? Suchen Sie die Moral zuerst bei den Terroristen!

Und wenn sie sich mit erhobenen Händen ergeben?
Das ist keine Frage der Moral.

Was für eine Frage ist es dann?
Eine taktische, keine strategische.

Erklären Sie mir das.
Ich kann es nicht anders sagen. Man muss die Klugheit besitzen, zwischen dem zu unterscheiden, was einem selbst vielleicht grausam erscheint, und der Tatsache, dass der Mann, den man überleben lässt, morgen oder übermorgen dafür sorgen wird, dass eine Menge anderer Terroristen freikommt. Jeder, der eine Verantwortung trägt und darüber nachdenkt, kennt solche Zwickmühlen.

Die Entscheidung, die beiden Entführer umzubringen …
Sie malen ständig schwarz-weiß. Es gibt Entscheidungen, die …

Zwei Entführer, die bereits überwältigt waren, wurden getötet!
Warum reiten Sie darauf herum?

Weil ich mich frage, wo hier die Moral bleibt.
Vergiss die Moral, wenn du den Terror bekämpfst. Es gibt keine! Wie steht es um Ihre Moral? Aus meiner Sicht sind Ihre Fragen unmoralisch, da sie den Staat Israel in Gefahr bringen.

Solche Szenen tauchen immer wieder bei den Interviews auf. Oft sehen sich die Gesprächspartner gezwungen ihr Handeln zu rechtfertigen. Halten aber auch strikt an ihrer Version fest und haben eine sehr klare Haltung in Bezug auf gefällte Entscheidungen. Trotzdem müssen auch sie sich immer wieder die Fragen stellen: Was darf ich im Kampf gegen den Feind für Mittel einsetzen? Was wiegt mehr? Das Recht des Individuums oder das Recht der breiten Bevölkerung? Foltermethoden und Befehle werden aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und es ist schwer den eignen moralischen Standpunkt zu halten, wenn man sich bewusst wird, was auf dem Spiel stand und steht. Ein Richtig oder Falsch scheint ein nicht zu geben. Viele Antworten haben mich wirklich entsetzt aber kann man wirklich nachvollziehen unter welchen Druck sie versuchen Leben zu retten, in welchen Extremsituation sie binnen weniger Sekunden Entscheidungen treffen müssen? Auch bei den schlimmsten Katastrophen lautet ihre Devise: Funktionieren.

Allein die unterschiedlichen Formulierungen zeigen sehr deutlich auf, wie brisant das Thema ist . So spricht Ami Ajalon (Chef von 1996 bis 2000) nicht von gezielten Tötungen, sondern von einer Vereitelung von Attentaten. Auch die Trennlinie zur politischen Macht ist nicht immer eindeutig zu ziehen. Ist doch der Kontakt und die Zusammenarbeit  mit dem jeweiligen amtierenden Premierminister sehr eng.  Kamri Gilon gibt aber eindeutig zu verstehen, dass man als Schin Bet Chef zuständig für die Strategie der Terrorbekämpfung sei und nicht politische Erwägungen anstellen sollte.

Für Dror Moreh, Regisseur des Dokumentarfilms The Gatekeepers (deutscher Titel: Töte zuerst) und Autor dieses Buches, war der 4. November 1995 ein Tag, den er niemals vergessen wird. An diesem Tag wurde Jitzchak Rabin von einem jüdischen Attentäter ermordet. Der Schock sitzt bis heute tief. Die Aussichtslosigkeit und der Wunsch zu verstehen, wie Israel in diese Lage geraten ist, haben ihn veranlasst diesen Film zu drehen. Er ist eine Erfüllung einer Pflicht: Den angestoßenen Prozess von Rabin fortzusetzen und ein Zeichen zu setzen. Die Interviews mit den Chefs des Schin Bets wurden in den Jahren 2009 und 2012 geführt. Bei diesen Gesprächen wurde Moreh auch mit vielen schmerzhaften Geständnissen konfrontiert aber

„Das Schlimmste war das Wissen um die vielen Gelegenheiten, die sich geboten hatten, die Wirklichkeit in der Region zu verändern, und die verpasst worden waren – meistens wegen der Kurzsichtigkeit der Politiker, die lieber ihren eigenen flüchtigen kleinen parteipolitischen Vorteil suchen, anstatt eine bessere Strategie für die Zukunft zu schaffen, und die sich daran anknüpfende Einsicht, wie viele Tausende Tote, Verletzte und trauernde Familien die Torheit beide Seiten gekostet hat.“

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Dror Moreh: The Gatekeepers
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015

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