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Almudena Grandes: Ínes und die Freude

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Almudena Grandes Ines und die Freude

 „Inés und die Freude ist ein Roman über die Invasion des Arantals, vom Standpunkt derer aus geschrieben, die im Oktober 1944 die Pyrenäen überquerten, um ihr Land von der faschistischen Diktatur zu befreien. Sie wussten nicht, welche Interessen, Berechnungen und Ambitionen in ihr Schicksal eingreifen würden, aber sie zweifelten keine Sekunde an ihrem Ziel. Ich hätte auch andere, ebenso interessante Perspektiven wählen können […] aber sie wären nicht so gerecht gewesen. Und keine hätte mich so tief berühren können.“

Alumdena Grandes

Mein Interesse für den Spanischen Bürgerkrieg begann mit der Lektüre von „Der kurze Sommer der Anarchie“ von Hans Magnus Enzensberger. Seit dem lese ich immer wieder zu diesem Thema und erfahre jedes Mal neue Hintergründe und Fakten. Entdecke ungeahnte Verwicklungen und versuche die komplexen geschichtlichen Ereignisse für mich zu analysieren.

Almudena Grandes, die Gran Dame der spanischen Literatur beschäftigt sich in ihren aktuellen Werken mit dieser schwierigen Epoche Spaniens. Eine Zeit, die das Land zwei geteilt hat und das noch immer nicht den Weg für eine gescheite Vergangenheitsbewältigung gefunden hat. Im Spanischen erscheint unter dem Titel „EPISODIOS DE UNA GUERRA INTERMINABLE“ (auf dtsch. Episoden eines endlosen Krieges)  eine sechsbändige Reihe, die sich mit diesem Thema sehr intensiv auseinander setzt. Bisher wurden zwei der vier bereits auf Spanisch erschienen Titel auch auf Deutsch veröffentlicht. 2013 der Roman „Der Feind meines Vaters“ und ein Jahr später „Inés und die Freude“.

Im Mittelpunkt steht ein geschichtliches Ereignis, das nicht einmal vielen Spaniern bekannt sein dürfte. Es handelt sich um die Invasion im Val d’Aran am 19. Oktober 1944. Um die 4.000 Kämpfer,  darunter vorwiegend spanische Kommunisten, überschritten von Frankreich aus die Grenze und besetzten das Tal in Spanien. Ihre Mission scheiterte auch an den Unstimmigkeiten innerhalb des Widerstandes und der Führungsebenen. Ende Oktober mussten sich die Truppen General Franco geschlagen geben und zurückziehen.

Val de Aran

Val de Aran

Die Uneinigkeit der antifranquistischen Gruppierungen und die Selbstdestruktion der verschiedenen Ideologien werden immer wieder als Gründe (neben vielen anderen wie z.Bsp. die ausländische Hilfe von Deutschland) für die Niederlage der Republikaner im Spanischen Bürgerkrieg genannt. Nicht nur, dass sich zum Teil Sozialisten, Kommunisten und Anarchisten bekriegten. Nein, auch innerhalb des kommunistischen Lagers gab es unterschiedliche Strömungen: so zum Beispiel die moskautreuen Stalinisten und die Internationalisten. Die Machtspiele der einzelnen Führungen kostete Tausenden das Leben.

Und da setzt Almudena Grandes an. Sie zeigt das komplexe Beziehungsgeflecht innerhalb der kommunistischen Partei Spaniens auf. Ich muss gestehen, dass Laien, die keine besonderen Geschichtskenntnisse in Bezug auf Spanien und die Rolle der kommunistischen Partei (PCE) haben, damit ihre Schwierigkeiten haben werden. Das mag zuweilen an den unzähligen Namen und Tarnnamen aber auch am Erzählstil liegen. Komplexe Sachverhalte in verschachtelte Sätze unterzubringen ist etwas unglücklich. Dazu wäre das spanische Original als Vergleich sicher lohnenswert. Die menschlichen Schicksale um die Protagonistin Inés sind aber sehr wohl verständlich und Grandes gelingt es eine Welt zu erschaffen, der man sich nur schwer entziehen kann.

Inés kommt aus einer erzkonservativen Familie und so verwundert es nicht, dass ihr Bruder schon früh mit der Falange sympathisiert. Sie hingegen widmet sich immer mehr den Ideen der republikanischen Seite. Durch Denunziation muss sie einige Jahre im Gefängnis verbringen und wird von ihrer Familie verachtet. Danach bringt ihr Bruder sie zunächst in einem Kloster unter, später stellt er sie in einem Haus in den Pyrenäen unter Arrest. Nur durch einen günstigen Umstand gelingt ihr eines Tages die Flucht und so kann sie sich zu den republikanischen Truppen, die soeben im Arantal angekommen sind, durchschlagen. Euphorisch und begeistert endlich Gesinnungsgenossen zu treffen, schließt sie sich den Kämpfern an. Doch innerhalb weniger Tage entsteht eine angespannte Atmosphäre, die von Verrat, Lüge und Hoffnungslosigkeit geprägt ist. Sie selbst bleibt davon nicht verschont.

„[…] begriff ich das ganze Ausmaß meines Unglücks, des Unglücks meiner Liebe und meines Liebsten, Spaniens Unglück, meines armen terrorisierten und erniedrigten Landes, das jeden Tag ein bisschen kleiner, scheuer, feiger wurde, seiner Menschen, die es satt hatten zu leiden, und unseres eigenen Unglücks. Es war ein Teufelskreis aus Energie und Verzweiflung, aus Glauben und Trostlosigkeit, in dem sich unsere Rollen und unsere Lügen abwechselten, je nachdem, wie unsere Kräfte schwanden oder wir sie wieder gewannen. Wir klammerten uns alle an denselben Pfosten, an den schwankenden Mast eines untergehenden Schiffes, bis jemand „Land in Sicht“ rief.“

„Die unsterbliche Geschichte stellt verrückte Dinge an, wenn sie auf die Liebe Sterblicher trifft.“

Sie trifft in dieser Zeit auf ihren zünftigen Mann Galán und verbringt trotz der gefährlichen Situation viele glückliche und leidenschaftliche Momente mit ihm. Von da an gehen sie ihren Weg gemeinsam, der sie nach dem beschämenden Abzug nach Frankreich ins Exil führt. Auch das ein wichtiges Motiv im Roman: Das Leben der Exilspanier. Die Angst der Frauen um ihre Männer, die im Auftrag der Parteien weiterhin die Grenze überschreiten, um gegen Franco zu kämpfen. Die Gemeinschaft, die hilft und unterstützt und die ihre gemeinsamen Kämpfe in Spanien nie vergessen wird.

„[…] wurde ich zu einer kommunistischen Spanierin im Exil, Vertreterin eines fabelhaften Stammes von Erfindern, Illustratoren und Konsumenten von Phantasien, die es schaffen würden, sich dreißig Jahre lang zu ernähren, zu schlafen, zu arbeiten und glücklich zu sein, indem sie auf eine rosarote Wolke kletterten. Sie schwebte hoch über dem harten Boden der Realität, und auf ihr war weder die Wahrheit wahr noch die Lüge unwahr.“

Der Roman hat drei verschiedene Erzählebenen: Inés, Galán und die Autorin selbst. Sie stellt zu den historischen Ereignissen ihre eigenen Hypothesen auf, da es weder von der PCE noch von der franquistischen Staatsgewalt eine offizielle Version gibt. Sehr interessant fand ich die Darstellung von Dolores Ibárruri, auch als Passionara bekannt – die Ikone der spanischen Kommunisten. Wie eine Frau zur Heldin stilisiert wird und trotzdem ein Mensch bleibt. Und wie schwer es ist dies auszuhalten.

„Sie, die der katholischen Kultur das heilige Ansehen der Mutterschaft entreißen konnte, um sie in den Dienst des Antifaschismus zu stellen, hätte es nicht gern gehört, aber ihre Einsamkeit, ihre Unsicherheit, ihr Scheitern als erwachsene Frau, ihr Ehebruch und die hoffnungslose Abhängigkeit von der unbarmherzigen Jugend eines schönen Körpers sind viel bewegender als die gespielte weibliche Fürsorge, die sie mit so viel Klugheit zu dosieren und zu vermitteln wusste und die sie zu einem wesentlichen Bestandteil des revolutionären Kampfes in der ganzen Welt machte. Jenseits von Zeit und Geschichte sind ihre Zerbrechlichkeit und Wut bewegend, dieser stumme Zorn, den sie nicht wagt herauszuschreien, weil sie Gott ist, aber kein Mann.“

Man spürt Grandes Ohnmacht angesichts der Ereignisse, angesichts der Situation im eigenen Lande. Und sie zieht ein hartes aber sicher wahres Fazit:

„Spanien ist ein krankes Land; es handelt, wie es ihm gefällt, und stolpert in die entgegengesetzte Richtung anderer Länder des Kontinents. Es ist unglaublich, aber niemand hat sich die Mühe gemacht, die Helden des Arantals zu erfassen […]“.

Möge der Hanser Verlag einen langen Atem haben und das deutsche Publikum mit den anderen vier Teilen beglücken!

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Almudena Grandes: Ínes und die Freude
Original: Inés y la alegría
Hanser Verlag, München 2014

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