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Ich bin kein Bücherfetischist – ein Besuch bei Kiepenheuer & Witsch

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Kiepenheuer & Witsch

Kiepenheuer & Witsch

Ich bin nach Köln gefahren, um mit den Verantwortlichen des KiWis Blogs zu sprechen. Entdeckt habe ich einen Verlag, den ich bis vor wenigen Jahren nicht auf meiner literarischen Deutschlandkarte verorten konnte.

Direkt im Zentrum gegenüber vom Hauptbahnhof und Kölner Dom stolpert man direkt in die Verlagsräume. Obwohl der Verlag aus Platzgründen nicht mehr in der ehemaligen Verlagsvilla residiert, spürt man sofort den verlegerischen Geist in den Fluren. Dazu trägt sicherlich auch die wunderbare Wandgestaltung bei: eine Autorengalerie, zusammengestellt aus schwarz-weiß Portraits der KiWi-Autoren, gestiftete Bilder von Allroundtalent Feridon Zaimoglu und immer wieder Bücher, Bücher und nochmals Bücher.

Ulrike Meier, als Online-Referentin Ansprechpartnerin für uns Literaturblogger, führte mich durch die heiligen Hallen, durch Werbeabteilung, Presse, Lektorat und einem schon legendären Handlager mit FC Köln Flair.

Bis jetzt hatte ich mit KiWi kein besonderes Image in Verbindung gebracht. Diesbezüglich klärte mich Helge Malchow, Verleger seit 2002 und der sich extra Freitagnachmittag für mich Zeit nahm, auf. Kiepenheuer & Witsch stand in den 80er und 90er Jahren vor allem für Popliteratur. Und auch heute noch spürt man die Einflüsse aus dieser Zeit in den alljährlichen Verlagsprogrammen, wenngleich sich auch andere Verlage diesen Bereichen geöffnet haben.

Zu Beginn unseres Gespräches mit Helge Malchow hatte ich noch das Gefühl, dass ich die zu interviewende Person sei aber da auch ich gern und (hoffentlich nicht zu) viel über Literatur spreche, war ich nicht abgeneigt über meine Lektürevorlieben und Beweggründe fürs Bloggen zu sprechen. Helge Malchow ist in seiner ganzen Persönlichkeit ein sehr sympathischer und einnehmender Mensch, der sich nicht nur der Literatur verschrieben hat, sondern seine Augen und Ohren für angrenzende Bereiche offen hält. Sein kleines, schwarzes Notizbuch hat mittlerweile Kultstatus erreicht und dessen Ruf eilt ihm bei Terminen und Veranstaltungen voraus.

Sein Bekenntnis „Ich bin kein Bücherfetischist“ schockierte mich dann aber doch! Und wirklich in seinem Büro waren mehr Plakate als Bücher zu sehen. Die Lektüre, die ihm am meisten gefällt, verschenke er sofort weiter, denn sie müsse ja schnellst möglich von weiteren Menschen gelesen werden. Seine private Bibliothek sei daher von zahlreichen Lücken gekennzeichnet. Lücken, die auf gute Literatur verweisen.

In den letzten Wochen hat der Verlag auch immer wieder politisch Stellung bezogen. So solidarisierte man sich mit dem französischen Satiremagazin Charlie Hebdo. Von dessen Ausgabe eine an der Wand hängt und er zeigt mir noch eine Veröffentlichung von Georges Wolinski, die bei KiWi 1971 erschien. Wolinski war eines der Opfer von Paris. Malchow sei es wichtig politisches Profil zu zeigen und so stellte sich der Verlag auch bei den Demonstrationen der Kögida quer und platzierte in den Verlagsfenstern Sprüche und Zeichnungen. Ein Bleistift in Großformat, der an die Ereignisse erinnern soll, ist immer noch im Verlag zu finden.

Ich hatte auf dem Weg nach Köln passenderweise Satiren von Heinrich Böll eingesteckt, um mich ein wenig auf das Gespräch einzustimmen. Eine Neuauflage mit Originalcover und perfekt für mein eigentliches Vorhaben. Ich wollte, da Böll nun leider nicht mehr unter uns weilt, eine persönliche Nachricht vom aktuellen Verleger. Helge Malchow bereitete mir dieses Vergnügen.

Ulrike bedauerte nach dem Gespräch, dass es so wenig lateinamerikanische Literatur und russische Schriftsteller im Programm für mich gäbe. Da kann ich sie aber besten Gewissens beruhigen. Wer einen Gabriel García Márquez, einen Michael Bulgakow (Galiani Verlag Berlin), dessen Hauptwerk Der Meister und Margarita zu meinen Lieblingsbüchern gehört und einen Heinrich Böll im Programm hat, muss überhaupt nichts bedauern. Des Weiteren gibt es noch so viele andere KiWi-Schätze zu entdecken: Ralph Giordano, Arnon Grünberg und E.M. Remarque.

Ich bedanke mich bei Helge Malchow, Ulrike Meier und Philipp Rusch für diesen angenehmen und literaturfüllenden Nachmittag, für Ihre Zeit und den mir gewährten Einblick. Sehr gern wieder. Ende Februar erfahrt Ihr dann aber endlich mehr über den KiWi Blog und die Notizen eines Verlegers in meiner neuen Reihe: Blogs der Buchbranche im Portrait.

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  4. Hach, Vera, herrlich, dass du uns nachträglich mitnimmst…

    Der Beitrag war schön zu lesen – aber jetzt bin ich arg gespannt auf deinen Bericht, was es mit diesem schwarzen Notizbuch auf sich hat. Natürlich nicht aus Neugier, nur aus Wissensdurst. Hüstel.

    Herzliche Grüße

    Sonja

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    • buecherliebhaberin

      Liebe Sonja,

      der Wissensdurst treibt dich also. Das ist doch löblich. Helge Malchow schreibt in dieses Büchlein allerlei Gedanken und bei jedem Termin oder einer Verabredung holt er es hervor und macht sich seine Notizen. So wurde es mit der Zeit zu einem unverzichtbaren Accessoire und jeder will in dem schwarzen Büchlein erwähnt werden. Des Weiteren ist es Grundlage für seine verlegerischen Notizen auf dem KiWi-Blog.

      Das war kurz und knapp die Erklärung.
      Herzliche Grüße von Vera

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  5. Wenn ich darüber nachdenke wie viele Bücher ich nach dem Lesen direkt weitergebe… Ui! Liebe Vera, deine Zeilen über deinen Besuch beim KiWi Verlag – dazu die schönen Fotos – habe ich sehr gerne gelesen. Dass der Verlag (wahrscheinlich zu verschiedenen Themen; insbesondere den schlimmen Ereignissen zum Jahresanfang 2015) politisch Stellung bezieht und Solidarität bekundet, finde ich gut. Anders hätte ich es (gerade auch wegen den heftigen Ausschreitungen in Köln) nicht erwartet.

    Liebe Grüße,
    Tanja

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    • buecherliebhaberin

      Liebe Tanja,

      da bin ich ja ganz anders. Ich horte sie hier bei mit und mag sie nie wieder weggeben. Aber vielleicht kommt irgendwann der Tag an dem ich 13 Lieblingsbücher zusammensuche und den Rest verschenke – möge er nie kommen!
      Politische Stellungnahme ist wichtig. Für Verlage, für Schriftsteller, für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen. Von daher war auch ich sehr angetan vom KiWi-Aktionismus der letzten Wochen.
      Liebe Grüße zurück
      Vera

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  6. Was für ein wunderbarer Bericht, liebe Vera – ich beneide dich um diesen Besuch und danke dir für all die großartigen Bilder, die du uns mitgebracht hast. :-)
    Ich hoffe, du hast den KiWi-Verlag mal dazu anregen können, ein Bloggertreffen auszurichten – das wäre doch wunderbar!

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    • buecherliebhaberin

      Liebe Mara,

      ja der Besuch hat sich wirklich gelohnt. Zumal ich auch gleich in KiWi-Lektüre abgetaucht bin. Und du wirst es nicht glauben aber Ulrike und ich haben dann noch lange über diese Themen gesprochen. Vielleicht ergibt sich ja bald mal was …. ganz wunderbar wäre das!

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  7. Sehr schöner, informativer Beitrag. Die hellgrünen Links sind nicht so gut zu erkennen. Grüße von Jan Haag (con = libri)

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    • buecherliebhaberin

      Lieber Jan,

      vielen Dank – auch für deine Anregung. Ich werde mir überlegen, was es für Alternativen gibt.
      Herzliche Grüße von der Bücherliebhaberin.

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