LongListLesen 2014|Saša Stanišić: Vor dem Fest

Zu der Nominierung von Saša Stanišić für den Deutschen Buchpreis 2014 gab es viel Zuspruch aber auch kritische Stimmen. Der aus Bosnien und Herzegowina stammende Schriftsteller gewann mit seinem Roman „Vor dem Fest“ bereits im März dieses Jahres den Preis der Leipziger Buchmesse. Die Jury kam damals zu folgendem Urteil: „Ein Dorf in der Uckermark, voller Gegenwart, voller Legenden. In Vor dem Fest erzählt dieses Dorf sich selbst – ein Roman als furioser Chorgesang in Prosa.“

Bei LongListLesen 2014 hat sich flattersatz von aus.gelesen dem Roman genähert und ein interessanten wie ironischen Einstieg gewählt:

Wir sind unsicher. Wir haben ein Problem mit diesem Buch. Wohl ist uns bekannt, daß der Roman hochgelobt, ausgezeichnet gar. Wir lesen es überall, sofern wir lesen. Doch fragen wir uns: warum? Ist es das Panoptikum seltsam ver”wir”rter Figuren, die das Dorf Fürstenfelde bewohnen? Ist es die Fähe, die mit seltsam weisen Gedanken in das Dorf schnürt, Eier dort zu holen? Gewinnt sie dadurch unsere Sympathie? Auch daß ihr misslingt, was sie geplant? Wir wissen, warum dies so ist – es ist kein Zufall, Ditzsche war auf der Hut -, ahnt sie es auch?

Was für eine Nacht!

Wir wissen es nicht.
Wir wissen es.
Wir wissen.
Wir.

Wer ist “Wir”?

Ist “Wir” einer der Dörfler, der sich selber lieber im Hintergrund hält? Gehört er ebenso zu den Verlierern, den Zu-kurz-gekommenen, dem Deprimierten, Verzagten, wie die Hauptpersonen dieser Nacht? Plagen ihn vor dem Fest selbst Sorgen oder verliert er sich einfach ins Beobachten? Ins Fabulieren? Er stellt sich uns nicht vor. Wir wissen es also nicht. Oder ist es ein sozusagen “wir“tueller, auktorialer Erzähler, der von aussen schaut? Will er uns, die Leser, einbinden in die Geschichten, die er erzählt? Uns ver”komplizen”, zu Verbündeten machen, auf daß wir wohlwollend mit ihm die Nacht erleben? Wir wissen auch dies nicht. Wir ahnen es nicht einmal. Ist es überhaupt wichtig? Auch das wissen wir nicht, es soll uns vorerst nicht kümmern. Ob es uns später kümmern wird – wer weiß das schon? Wir werden sehen.

Er gibt aber gleich eingangs zu erkennen, dass er Schwierigkeiten hatte warm zu werden … mit der Form und dem Inhalt. Leider konnte sich kein anderer für dieses Buch erwärmen und ich selbst war ebenfalls sehr zurückhaltend, da mich bis jetzt all die Lobhymnen nicht überzeugen konnten. Die wichtigsten Kritiken aus dem klassischem Feuilleton findet hier noch einmal recht übersichtlich aufgeführt. Flattersatz führt aus:

“Vor dem Fest” ist eine Art Protokoll, kaum Handlung, ob eine Botschaft enthalten ist, mag jeder für sich entscheiden, für mich war es nicht der Fall, dies ist kein Fest, auf dem ich mich wohlgefühlt habe. Die Sprache ist ungewöhnlich, ich habe mich bis zum Schluss nicht hineingefunden. Diese ewige, gekünstelt wirkende Vereinnahmung des Lesers durch das “Wir“, wo “ich” doch vllt ganz anderer Ansicht Meinung bin. Ich bin kein Murmelbruder des Autoren noch seiner Figuren oder des Dorfes. Dieses ewig Zögerliche, in Frage Stellende, im Ungefähren Verharrende, es packte mich nicht. So bin ich, was dieses Buch angeht, ein Außenseiter, ein Ignorant vielleicht, stell ich mich doch gegen die allgemeine, überwältigende Mehrheit aller Rezensenten und Besprecher. Aber so ist es eben. Mag sein, dass sich durch diesen Widerspruch ja mal was im Kommentarfeld tut. Wir wissen es nicht, halten es aber für möglich.

Interessant fand ich die Diskussion, die im Anschluss auf seinem Blog entbrannte: Wenn gegensätzliche Meinungen aufeinander prallen. Einen kleinen Einblick gefällig? Bitte schön:

Diskussion auf aus.gelesen
Diskussion auf aus.gelesen

Weitere Beiträge zur LongListLesen 2014 findet ihr bei Claudia vom dasgrauesofa und bei Mara und ihrem Blog buzzaldrins. Obwohl der Preis schon längst vergeben wurde, wird das Projekt auf glasperlenspiel13 weiter geführt, da ich noch nicht meine sieben Bücher vorgestellt habe.

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Saša Stanišić: Vor dem Fest
Luchterhand Verlag, München 2014

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