Juan Gabriel Vásquez „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“

Der kolumbianische Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez war diese Woche zu Gast in Frankfurt! Im Haus des Buches stellte er seinen neuen Roman „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ vor. Aktuell ist er damit auf Platz 1 der Bestenliste „Weltempfänger“. Die Veranstaltung wurde präsentiert von Litprom, durch dessen Fördermittel das Buch erst übersetzt werden konnte und dem Weltempfänger-Salon. Ich habe mich sehr gefreut ihn ein weiteres Mal zu erleben. Seinen letzten Auftritt 2010 mit dem Roman „Die Informanten“ im Cervantes Institut habe ich noch sehr gut in Erinnerung.

Literatur verhindert das Vergessen

Der Autor kam geradewegs aus Bogotá und hielt sich tapfer zwei Stunden, die mit ernsthaften und schmerzvollen Themen gefüllt waren. Der Abend war ein Streifzug durch die jüngere kolumbianische Geschichte, durch eine Dekade, die geprägt war von Angst, Gewalt und Terror. Beim Schreiben haben ihn immer wieder die Fragen angetrieben: Wie sehr haben die Umstände und die Situation im Land eine Generation verändert? Wie hat die Atmosphäre uns als Eltern, als Partner, als Töchter und Söhne geformt? Was bedeutet es in einer Zeit aufzuwachsen, die vom Drogenhandel dominiert wurde?

Vásquez recherchierte und stellte fest, dass alles, was in dieser Zeit passierte, noch immer sehr präsent im Netz ist. Aber über die private Seite der Menschen erfährt man nur sehr wenig. Was hat es mit ihnen gemacht? Er versucht mit seinem Roman den Veränderungen in zwischenmenschlichen Beziehungen ein stückweit näher zu kommen. Und ein anderes Anliegen war ihm wichtig: Das Buch soll die Erinnerung wach halten, da diese Zeit in der aktuellen Debatte in Kolumbien kein Thema mehr ist. Literatur als Mahnmal gegen das Vergessen.

Für seinen Roman erhielt er bereits drei renommierte Preise (Premio Alfaguara de novela 2011; Premio Gregor von Rezzori 2013, IMPAC Prize 2014) und auch für mich ist dieses Buch klarer Favorit seiner Veröffentlichungen. Schon am Einstieg merkte ich einmal mehr, wie sich Kreise schließen können, sobald man sich mit einem Thema näher beschäftigt. Denn plötzlich tauchen die zwei verloren gegangen Nilpferde aus Pablo Escobars Privatzoo, die mir vor einiger Zeit in einer Anthologie über den Weg liefen, wieder auf.

Diese Geschichte ist auch Ausgangspunkt für die Erinnerungen von Antonio, erfolgreicher Jura-Professor, der vor Jahren bei einem Anschlag einen Freund/Bekannten verlor. Antonio und Ricardo hatten nur wenig Zeit sich kennenzulernen. Denn bei dem Anschlag wird Ricardo getötet, Antonio überlebt. Seit diesem Zeitpunkt steht Antonios Welt Kopf. Gepeinigt von Angstzuständen und der ständigen Frage nach dem Warum vernachlässigt er sein soziales Umfeld, seine Familie. Der Anruf von der Tochter des Getöteten gibt ihm die Chance Hintergründe zu verstehen und endlich das Geheimnis um Ricardo Laverde zu erfahren. Er besucht sie und gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise in die Geschichte Kolumbiens, in eine Zeit in der plötzlich vieles möglich war und durchleben die damalige, alltäglich Angst noch einmal.

Das ist typisch für meine Generation: Wir fragen einander, wie unser Leben im Augenblick dieser Anschläge aussah, die sich fast alle in den achtziger Jahren ereigneten und es definierten oder in andere Bahnen lenkten, ohne dass wir überhaupt merkten, was da mit uns geschah. Dadurch, scheint mir, wollen wir uns vergewissern, dass wir nicht alleine sind, wollen es erträglicher machen, dass wir während dieses Jahrzehnts erwachsen wurden, wollen das Gefühl der Verwundbarkeit dämpfen, das uns seitdem begleitet.

Angst, Wut und Verzweiflung als ständiger Begleiter einer Generation. Aus diesem Grund fühlen sich Antonio und Maya besonders nah. Sie verstehen einander, können die Gefühle des anderen nachempfinden.

Dann ging es weiter mit den Attentaten, den Bomben. Die vor dem DAS mit ihren hundert Toten. Die im Einkaufszentrum X mit ihren fünfzehn. Die im Einkaufszentrum Y mit was weiß ich wie vielen. Eine Art Ausnahmezustand, oder? Man weiß nicht, wann es einen selbst erwischt. Macht sich Sorgen, wenn jemand der kommen sollte, nicht kommt. Weiß, wo die nächste Telefonzelle ist, damit man Bescheid geben kann, dass es einem gutgeht. Man lebt in der ständigen Annahme, dass uns die anderen weggestorben sind oder wir sie beruhigen müssen, damit sie nicht glauben, wir könnten unter den Toten sein. Immer trafen wir uns irgendwo privat, erinnern Sie sich? Wie mieden die öffentlichen Plätze gingen zu Freunden, zu Freunden von Freunden, zu entfernten Bekannten, jede Wohnung war besser als ein öffentlicher Platz.

Vásquez bringt einem das Gefühl der Ohnmacht besonders nah. Dafür erntete er aus dem Publikum viel Respekt und Beifall. „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ ist  nicht nur für die Kolumbianer wichtig für ihren Prozess der Vergangenheitsbewältigung. Es ist auch ein Buch, das uns Außenstehenden ermöglicht zu begreifen, was in den 80er Jahren in Kolumbien aber vor allen in den Köpfen der Opfern vorgegangen ist. Mit Opfern meine ich nicht nur, die unmittelbar Betroffenen, sondern das ganze kolumbianische Volk. Betonen möchte ich aber auch die literarische Qualität des Buches. Sprachliches Feingefühl, interessante geschichtliche Hintergründe und ein sehr gut heraus gearbeiteter Spannungsbogen haben das Buch für mich auch zu einer besonderen Lektüre gemacht.

Juan Gabriel Vásquez: Das Geräusch der Dinge beim Fallen
Juan Gabriel Vásquez: Das Geräusch der Dinge beim Fallen
Juan Gabriel Vásquez und die Bücherliebhaberin
Juan Gabriel Vásquez und die Bücherliebhaberin

Der kühle Morgengrauen füllte sich mit dem Mayas Weinen, sanft und leise, füllte sich mit dem Gesang der ersten Vögel, füllte sich auch mit dem Geräusch, dieser Mutter aller Geräusche, der Geräusch erlöschender Leben beim Sturz ins Leere, das Geräusch, das entstand, als die Dinge, einst der Flug 965, auf die Anden fielen, und das auf rätselhafte Weise auch das Geräusch von Laverdes Leben war, untrennbar mit dem von Elena Fritts verbunden. Und mein Leben? Hatte nicht auch mein Leben damals zu fallen begonnen, war es nicht ebenso das Geräusch meines Falls, der dort begann, ohne dass ich es wusste?

   ***

.

Mehr Literatur aus Kolumbien und anderen lateinamerikanischen Ländern findet ihr in meinem Special: Literatur aus Lateinamerika und mit Anita Djafari, Geschäftsleiterin bei litprom, führte ich letztes Jahr ein Kurzinterview zum Weltempfänger.

_____________________
Juan Gabriel Vásquez „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“
Original: El ruido de las Cosas al caer
Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung GmbH, Frankfurt 2014

 

Advertisements

11 Comments

  1. Ach, schade, dass ich mich wegen all der anderen Veranstaltungen in den letzten Wochen nicht dazu durchringen konnte, zu diesen besonderen Lesung zu kommen. Ein bisschen bedaure ich es, hatte ich das Buch doch ohnehin schon im Blick, seit ich es in der Herbstvorschau von Schöffling & Co. entdeckt hatte. Umso schöner ist es, dass du da warst und deine Eindrücke – auch von der Lektüre – mit uns teilst. Ich hoffe, wir kommen bald mal wieder dazu, gemeinsam eine Lesung zu besuchen.

    Alles Liebe,
    caterina

    Gefällt mir

    1. Liebe Caterina,

      lass uns das vornehmen aber bald ist es ja soweit. Der Oktober schickt seine Vorboten. Und ich freu mich schon sehr auf Nino! Vielleicht gibt es ja auch mal einen literarischen Höhepunkt in Mainz?!

      Alle Liebe
      Vera

      Gefällt mir

  2. Ein besonders anregender Abend mit mit dem tapferen Juan Gabriel Vásquez! Nach so einer langen Reise eine Lesung zu geben und sich den Fragen des Publikums zu stellen. Chapeau!
    Obwohl ich schon 1981 in Deutschland war, hatte ich durch Verwandte und Bekannte diese schlimme Zeit noch mitbekommen. Stimme voll mit dir, dieser Roman ist ein sehr wichtiger Beitrag gegen das Vergessen.

    Gefällt 1 Person

    1. Chapeau! Du sagst es. Und ich fand, dass er richtig vital wirkte. Möchte nicht wissen, wie der Abend weiter ging. Wahrscheinlich doch noch Essen, etwas Trinken und lange Gespräche. aber das haltet ihr Kolumbianer doch aus …

      Gefällt 1 Person

  3. Liebe Buchliebhaberin,
    Dein Blog ist für mich wirklich eine reine Fundgrube. Schon wieder ein Autor, den ich nicht kenne und unbedingt kennenlernen muss. Buch steht auf der Liste. Latein- und Mittelamerikanische Autoren sind bei mir irgendwann aus dem Blickfeld verschwunden. Du rückst sie so langsam wieder rein.
    Danke dafür und liebe Grüsse
    Kai

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Kai,

      was für ein schönes Kompliment. Vielen Dank.

      Es lohnt sich wirklich Juan Gabriel Vásquez im Kopf zu behalten. Ich habe übrigens gesehen, dass das Buch Ende des Jahres auch bei der Büchergilde erscheint. Vielleicht doch ein Ansporn beizutreten …
      Ich bin schon sehr gespannt, wie die Ausgabe aufgemacht ist. Ich würde es mir glatt noch einmal – eben in Büchergilde-Ausgabe – zulegen. Leider ist es dann unsigniert, dafür aber sicher visuell noch schöner.

      Wenn du Anregungen zu lateinamerikanischer Literatur suchst, in meinem Special sind nicht nur meine Beiträge versammelt, sondern auch von vielen lieben BloggerKollegInnen. Falls du durch Zufall doch einmal ein Buch eines Autors aus Lateinamerika besprichst, schick mir einfach den Link. Ich integriere diesen gern.

      Viele liebe Grüße & ein schönes Wochenende
      Vera

      Gefällt mir

  4. Liebe Bücherliebhaberin,

    ich danke dir herzlich für deinen Lesungsbericht und die schöne Rezension, die beide mein Interesse für das Buch geweckt haben. Ich werde es nicht sofort lesen können, aber ich habe es jetzt – dank deines feinen Beitrags – im Fokus.

    Liebe Grüße,

    Klappentexterin

    Gefällt mir

    1. Liebe Klappentexterin,

      schön, dass das Buch in deinen Fokus gerückt ist. Nichts anderes wollte ich mit meinem Beitrag erreichen.

      Ganz herzlichst die Bücherliebhaberin

      Gefällt mir

Und was sagst du dazu ...?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s