Bibliothek des Widerstands

Seit jeher habe ich mich für den Widerstand unter diktatorischen Systemen interessiert. Wie zuweilen sehr junge Menschen für ihre Ideale kämpften und immer noch kämpfen und dafür sogar ihr eigenes Leben opferten und opfern, wie unter unmenschlichen Bedingungen die Hoffnung zuletzt stirbt.

Diktatur und Widerstand in ChileMit guten Sachbüchern zu diesen Themenkomplexen, lassen sich bei belletristischer Lektüre geschichtliche Kontexte und politische Hintergründe besser verstehen. In den letzten Jahren las ich vor allem viel zum Widerstand in den lateinamerikanischen Ländern und entdeckte so auch die »Bibliothek des Widerstands«, die der Laika Verlag in Kooperation mit junge Welt seit 2010 heraugibt. »Bücher, in denen die Geschichte(en) der zahlreichen sozialen Bewegungen von den 1960er-Jahren bis in die Gegenwart nachgezeichnet wird – in Wort und Bild!«

Mittlerweile sind 30 Bände erschienen, u.a. über Angela Davis, die Geschichte der Revolution und des Putsches in Chile, den Pariser Mai ’68, die Anti-AKW-Bewegung oder Attac. Das Ziel der Edition soll sein die weltweit 100 wichtigsten Filme zu diesem Thema seit Mitte der sechziger Jahre zu veröffentlichen. Jede Ausgabe besteht aus bis zu drei DVDs und einem etwa 100seitigen Buch mit zahlreichen Fotos.

Ich habe mir den Band 29 »Diktatur und Widerstand in Chile« näher angeschaut. Es ist der zweite Teil zur Geschichte der chilenischen Militärdiktatur und dem antifaschistischen Widerstand. Diesem liegen folgende Filme bei »Chile eine hartnäckige Erinnerung«, »Der Krieg der Mumien«, »El golpe blanco«, »Ich war, ich bin, ich werde sein«, »Eine Minute Dunkel macht uns nicht blind« und »Die Toten schweigen nicht«. Beeindruckende Filmdokumente, in den Zeitzeugen aus Politik und Gesellschaft, Opfer, Überlebende und Hinterbliebene zu Wort kommen.

Das Buch beginnt mit der bekannten, letzten Rede Salvador Allendes aus dem Regierungspalast der Moneda am 11. September 1973, während die Putschisten um Pinochet diesen bombardieren. Sie endet mit den folgenden Worten:

„Arbeiter meines Vaterlandes, ich glaube an Chile und sein Schicksal. Andere Menschen werden diese düsteren und bitteren Augenblicke, in den sich Verrat durchsetzte, überstehen. Bewahrt euch die Gewissheit, dass sich die grossen Alleen eher früher als später wieder öffnen werden, auf denen der Mensch in Würde dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht. Es lebe Chile! Es lebe das Volk! Es leben die Arbeiter! Dies sind meine letzten Worte, und ich habe die Gewissheit, dass mein Opfer nicht vergebens sein wird. Ich hab die Gewissheit, dass es zumindest eine moralische Lektion sein wird, die den Treuebruch, die Feigheit und den Verrat verurteilt.“

Salvador Allende aus der Moneda, Radio Magallanes 11. September 1973

Viele verschiedene Aspekte dieser Tage werden genau analysiert. So wird in einem Artikel dargelegt, dass es sehr wohl am 11. September zu einem Widerstand innerhalb der Bevölkerung kam. Im Armenviertel La Legua formierten sich die unterschiedlichen linken Gruppierungen und versuchten mit Hilfe der dortigen Bevölkerung sich dem Militär zu widersetzen. Vielleicht nicht ganz überraschend auch die Rolle der damaligen amerikanischen Regierung unter Richard Nixon und dem Außenminister Henry Kissinger, die scharf kritisiert und anhand von verschiedenen Gesprächsauszügen und Telefonmitschnitten dokumentiert wird.

„Ich sehe nicht ein, warum wir tatenlos zusehen sollen wie ein Land durch die Unverantwortlichkeit seines eigenen Volkes kommunistisch wird. Diese Angelegenheit ist viel zu wichtig, als dass man sie den chilenischen Wählern zur Entscheidung überlassen kann.“

Henry Kissinger 1970

Auch die Stellung der sozialdemokratischen Bundesregierung unter Willy Brandt wird beleuchtet. Erschreckende Zitate ehemaliger deutscher Politiker werden angeführt und die schleichende Unterstützung der Junta während der gesamten Diktatur wird offensichtlich. Neben chilenischen Widerstandsaktivitäten wird auch der unermüdliche und unerschrockene Einsatz des damaligen schwedischen Botschafters Harald Edelstam näher untersucht. Mit seiner Hilfe konnten mehr als 900 Verfolgte, Chilenen wie Ausländer sicher ins Exil gebracht werden. Ein weiterer Beitrag zeigt die Rolle der Frau während der Diktatur und im Widerstand auf. Erwähnenswert ist ebenso der umfangreiche Teil, der sich mit den Beziehungen zur DDR während und nach dem Putsch beschäftigt. 600 Flüchtlinge gelangten schon kurz nach dem 11. September in die DDR und wurden dort relativ schnell durch Wohnungen und Arbeit in die Gesellschaft eingegliedert.

Viele Fotografien aus den 70er Jahren und die bereits benannten Filme ergänzen diese Ausgabe. Obwohl ich mich seit längerem schon mit diesem Thema beschäftige, entdeckte ich viele neue Informationen. Besonders aufschlussreich waren aber die Filme, die Zusammenhänge verständlich erklären, Biografien aufleben lassen und eine Unzahl an Fakten dem Zuschauer präsentieren. Einige der Filme konnten immer noch nicht in Chile selbst gezeigt werden, da auch in Lateinamerika Vergangenheitsbewältigung ein schwieriges Thema ist.

Ein wichtiges Buch zum Verständnis der damaligen Ereignisse. Sicher ist es sehr spezifisch aber für alle Interessierte eine Bereicherung, eine Möglickeit Wissenslücken zu füllen und Neues zu erfahren.

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Bibliothek des Widerstandes
Band 29: Diktatur und Widerstand in Chile
Laika Verlag, Hamburg 2013

Buchvorstellungen zum Widerstand in Lateinamerika auf glasperlenspiel13

Bernado Kucinski: K. oder Die verschwundene Tochter
Horacio Castallanos Moya: Der schwarze Palast
Gustavo Germano: Ausencias
Elsa Osario: La Capitana
Alejandro Zambro:
Die Erfindung der Kindheit

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