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***Lateinamerikanische Literatur*** „Verdammter Süden. Das andere Amerika“

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Bevor ihr den Beitrag lest, solltet ihr euch dieses Video anschauen. Ein gelungener Einstieg in eine verrückte, einzigartige Welt.

„Verdammter Süden. Das andere Amerika“ versammelt 17 Geschichten aus ganz Lateinamerika. Geschrieben von Journalisten, Kritikern, Dozenten und Autoren aus Argentinien, Kolumbien, Mexiko und Chile. Auf der Suche nach etwas Besonderen im Alltäglichen haben sie gute und anspruchsvolle Literatur geschaffen. Reportagen mitten aus dem Leben – für uns oft sonderbar und zuweilen grotesk.

„Dort, wo sich Wirklichkeit und ihr Erleben durch einen Überschuss an verstörender Skurrilität auszeichnen, braucht man Geschichten nicht zu erfinden – es reicht, sie zu entdecken.“

Die Schreibenden nennen sich cronistas und sind davon überzeugt, dass „ihre crónicas Welt und Wirklichkeit reichhaltiger, dichter und treffender erschließen, als die überlieferten fiktionalen Genres dies könnten.“ Ein immenser Anspruch, dem sie aber auf jeden Fall gerecht werden. Mit ihren crónicas schreiben sie gleichfalls gegen gängige Klischees an, brechen diese auf und lassen eine andere Perspektive auf ihr Lateinamerika zu.

Ich sprach weiter oben von neu geschaffener Literatur, die Herausgeber des Buches Carmen Pinilla und Frank Wegner, sehen das differenzierter: „Literatur erfindet, während crónicas entdecken“. Aber gerade da muss ich widersprechen bzw. verdeutlichen, dass ich beides nicht kategorisch trennen will, da ich in „Verdammter Süden. Das andere Amerika.“ viel mehr fließende Übergänge wahr nehme. So ist doch jede Geschichte, die wir erleben und dann niederschreiben immer auch ein stückweit Fiktion. Denn die Wahrheit bleibt immer subjektiv und jeder hat seine eigene Wahrheit. Obwohl alle Geschichten auf Fakten basieren, ist eben auch ein schriftstellerisches Talent von Nöten, um aus reinen Informationen einen literarischen Text entstehen zu lassen. Und diese Anthologie ist für mich eine gelungene Mischung aus beiden.

Im Buchtrailer wurden ja bereits einige der Geschichten kurz angerissen. Besonders beeindruckt hat mich jedoch Eine. Geschrieben von Andrés Felipe Solano und 2007 in Kolumbien veröffentlicht. In seiner crónica „Sechs Monate auf Mindestlohn“ begibt sich der Schriftsteller freiwillig in eine für ihn bis dahin unbekannte Situation. Er will sechs Monate im kolumbischen Medellín für den Mindestlohn arbeiten. Die Erfahrungen, die er dabei macht, sind erschreckend aber für viele Menschen Realität.

„Seit fünfeinhalb Monaten lebe und arbeite ich in Medellín. Es ist Freitagnachmittag, und ich sitze auf der hintersten Toilette, im zweien Geschoss der Fabrik. Wenn ich die Ohren spitze, kann ich den Betrieb der Fabrik ganz genau hören. Ich schließe die Augen, und es erschienen mir die Schneider im fünften Geschoss, die Sticker und die drucket im vierten, die fünfzig Nähmaschinen, Geräusche, die mir jetzt so vertraut sind wie das Tastenklicken eines Computers. […] Ich hocke hier oft auf der Schüssel, aber aus anderen Gründen. Hier habe ich mir Notizen darüber gemacht, was es verdammt noch einmal heißt, mit Mindestlohn leben zu müssen. Jedes Mal, wenn ich etwas in dieses schwarze Heftchen schreibe, habe ich den Eindruck, dass die Antwort sich entfernt wie ein Handelsschiff, das Kurs nach Osten hält.

Vielleicht habe ich ja das gesucht, als ich nach Medellín kam, um mit Mindestlohn zu leben, vielleicht ging es ja wirklich darum, mit geschlossenen Augen zu tanzen und zu singen: Das Leben ist eine Achterbahn, es geht hinauf, es geht hinab, wie die Wellen des Meeres, die hinaufgehen und hinabgehen, und das Entscheidende ist doch, sich einfach immer weiter treiben zu lassen.“

„Verdammter Süden. Das andere Amerika“ ist pures Lesevergnügen, das aber nicht nur unterhält, sondern zugleich auch politisiert. Stehen doch die einfachen Menschen im Vordergrund. Mit ihren crónicas beziehen die Autoren Stellung und geben dem Leser damit ein neuen Blick – auf das andere Amerika.

Für alle Interessierten ein Blick ins Inhaltsverzeichnis

Josefina Licitra: Silvana rennt / Alberto Salcedo Ramos: Der letzte Totenwächter / Martin Caparrós: Ein Nichts zwischen zwei Wellen / Andrés Felipe Salano: Sechs Monate auf Mindestlohn / Fabrizio Mejia Madrid: Das Theater der Gewalt / Alma Guillermoprieto: Die Wrestlerinnnen aus dem Hochland / José Alejandro Castano: Zwei traurige Nilpferde / Juan Pablo Meneses: Amazon Boys / Martin Caparrós: Grenzenlose Möglichkeiten / Guido Bilbao: Das vergiftete Paradies / Juan Pablo Meneses: Im Land der Zwillinge / Leila Guerriero: Die Stimme der Knochen / Héctor Pavón: Südlich von Hollywood / Marcela Turati: Tod in der Wüste / Cristian Valencia: Der kolumbianische Quijote / José Alejandro Castano: Im  Liebesknast / Leila Guerriero: Patagonien

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Suhrkamp Verlag, Berlin 2014

Mehr Beiträge zu lateinamerikanischer Literatur, auch von anderen Literatur- und Bücherblogs, findet Ihr auf meiner extra eingerichteten Seite: Literatur aus Lateinamerika.
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  1. Pingback: Juan Gabriel Vásquez „Das Geräusch der Dinge beim Fallen“ | glasperlenspiel13

  2. Crónicas! Näher an die Menschen und näher an die aktuelle Lebenserfahrungen des Kontinents. Gefällt mir ausgesprochen gut. :-)

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