Jean-Michel Guenassia „Eine Liebe in Prag“

7cb26-jean-micheguenassiaeine-liebe-in-prag

Verliebt in „Eine Liebe in Prag“. Ich muss gestehen, dass ich zu Beginn der Lektüre etwas zu kämpfen hatte. Ich kam nicht in den richtigen Lesefluss aber plötzlich (man spürt es meistens kaum) hat mich Jean-Michel Guenassia mit seiner Geschichte gefangen.

Josef Kaplan ist tschechischer Jude und verliert mit dem frühen Tod der Mutter das „Licht seiner Kindheit“. Seinem Vater, einem angesehenen Arzt im Prag des frühen 20. Jahrhunderts macht er als Medizinstudent erheblichen Ärger, als er sich der sozialistischen Studentenbewegung zuwendet. Josef ist zudem ein begnadeter Tänzer und erobert mit seinem perfekt inszenierten Tango die Prager Damen. Für Carlos Gardel, dem berühmten, argentinischen Tangosänger, hegt er eine einzigartige Bewunderung. In den 30er Jahren geht Josef nach Paris, um dort seine Studien voranzutreiben aber gewiss auch um dem Amüsement zu frönen. Ein lukratives Angebot führt ihn weiter an ein bekanntes Institut in Algerien.

In dem nordafrikanischen Land lernt er auch die Frau seines Lebens kennen: Christine. Die Französin, zunächst mit einem anderen Mann liiert, wird er nach dem Zweiten Weltkrieg und vielen Enttäuschungen später fragen, ob sie mit ihm nach Europa zurückkehren möchte. Josef hat den Krieg und die Judenverfolgung nur überlebt, weil ihn der Direktor seines Instituts als Schutzmaßnahme ins algerische Hinterland geschickt hat. Dort sollte er unter schwersten Bedingungen Feldforschungen betreiben. Seine Erkenntnisse sind sehr hilfreich aber das Leben in der Einöde eine wirkliche Herausforderung. In diesem Romanabschnitt kommt es auch zum formellen Bruch. Der allwissende Erzähler rückt in den Hintergrund und die Tagebuchaufzeichnungen von Josef erzählen von einer Welt jenseits der Zivilisation.

Nach Kriegsende und seiner Rückkehr gehen Josef und Christine gemeinsam nach Europa. Die Reise gleicht einer abenteuerlichen Odyssee an deren Ende aber das ersehnte Ziel steht: Prag. Sie lassen sich nieder und beginnen ein neues Leben, bekommen Kinder und schließen Freundschaften. Josef ergreift alsbald eine politische Karriere und merkt nicht wie er die erlangte Freiheit, deren Bedeutung er einst in Algerien begriffen hat, immer mehr untergräbt – ein schleichender, folgenreicher Prozess. Erst rückblickend erschließt sich ihm die Erkenntnis.

„Man kann Geschichte auf zweierlei Weise schreiben: während des Geschehens, im Augenblick, da es stattfindet, oder sehr viel später mit ausgeruhtem Kopf und zeitlichen Abstand, wenn die Leidenschaften abgekühlt sind. Die beiden Standpunkte sind dann derart verschieden, dass man sich fragt, wie die Dinge geschehen konnten, es schwer fällt die Akteure zu verstehen, ihre Motive, ihre Sorglosigkeit. Alle Tschechen, die die Ereignisse vom Februar 1948 miterlebt haben, haben sich diese Frage gestellt, haben sich nach den Gründen ihrer Entscheidung gefragt. Die meisten fanden nur eine einzige Antwort: Damals waren wir aufrichtig überzeugt, Recht zu haben, und wir wussten nicht, was passieren würde. Nachträglich ist es leicht hellsichtig zu sein, man hat Zugang zu Zeugnissen, zu den Archiven erhalten, und man kennt den Ausgang des Matches.“

Josef muss in den Jahren der sozialistischen Führung zwei schwere Verluste verkraften. Zum einen verschwindet sein Jugendfreund Pavel als wichtige, kommunistische Funktionäre zunächst verleumdet und später verhaftet werden. Jahrzehntelang ist nicht klar, ob Pavel zum Schweigen gebracht wurde oder untergetaucht ist. Der zweite Schlag trifft ihn noch jedoch viel stärker: seine Frau Christine setzt sich mit Sohn Martin nach Frankreich ab. Kein Abschiedsbrief, keine Erklärung, kein Wiedersehen. Die Zeit danach ist für Josef und seine Tochter Helena eine Qual. Und doch muss das Leben weitergehen, Josef arrangiert sich. Er zieht mit Tereza, der Frau seines Freundes Pavel, und ihrem Sohn Ludvik zusammen und sucht sich eine Stelle als Direktor in einem Sanatorium in der Provinz, um fernab von Geheimdienst, Spitzelei und Politik zu leben.

„Er wollte seine Meinung nicht mehr verhehlen und behaupten, sie lebten in einer perfekten Demokratie, alle Probleme seien auf dem besten Wege gelöst zu werden, während die Situation doch nie schlimmer war. ER konnte den klebrigen Optimismus dieses sozialistischen Katechismus nicht mehr ertragen, der sie in einer kollektiven Gruft begrub. Unerträglich auch der obligate Glaube an eine strahlende Zukunft, das Verbot, den geringsten Zweifel zu äußern, wollte man nicht als Verlierer gelten, und die Pflicht, sich für die Erfolge eines Regimes zu begeistern, wenn man nur deren Niederlagen sah.“

Bis ein geheimnisvoller und zugleich berühmter Guerillakämpfer sein Patient wird. Entsetzt muss er mit ansehen wie er seinen letzten Halt, Tochter Helena, an ihn verliert. Das Leben scheint sich auf grausame Weise zu wiederholen. Die Liebe zu Ramon wird für Helena zur Lehrprobe ihres Lebens und sie muss eines Tages eine schwere Entscheidung treffen, die sie ihr Leben lang nicht mehr loslässt.

Guenassias verständliche Sprache führt mich als Leserin sehr nah an das Leben der Protagonisten heran und man verspürt eine große Sympathie für Josef und seine Familie. Auch das Algier der Vorkriegszeit und das Prag der Tschechoslowakei lässt Guenassia mit viel Liebe fürs Detail vor meinem inneren Auge entstehen. „Eine Liebe in Prag“ ist zugleich anspruchsvolle Unterhaltung, moderne Geschichtsschreibung und das Hinterfragen verschiedener Lebensmodelle. Der Roman beschäftigt sich aber vor allem mit der uns allen bekannten Frage „Was wäre gewesen wenn … ??“ Ich leide geradezu mit Helena, als sie am Ende des Romans erfährt, wie ihr Leben hätte anders verlaufen können. Bestürzt lese ich mit ihr die Unterlagen der Geheimpolizei, die nach der Wende zugänglich sind, und erfahre die Gnadenlosigkeit des Schicksals.

„Eine Liebe in Prag“ umfasst ein ganzes Leben: Josef wird im Jahre 2010 Hundert Jahre alt. Vor dem Tod hat er ebenso wenig Angst, wie er Angst vor dem Leben hatte. Er hat sein Fluch überwunden. Nur bei einer Feststellung muss ich dann doch widersprechen.

„Ich werde nicht die unendlich lange Liste der Ergebnisse des Jahrhunderts aufzählen. Doch müsste ich nur eines von ihnen herausgreifen, dann wäre es der Fall der Mauer. Weil an diesem Tag die schlimmste Diktatur aller Zeiten zusammenbrach, die größte Lüge der Menschheitsgeschichte. Heute ist das Leben zwar hart, aber wenigstens ist es das Leben freier Männer und Frauen.“

Und das sagt er als Jude! Unglaublich!

Trotzdem eine klare Leseempfehlung von meiner Seite. Schon mit „Der Club der Optimisten“ (seinem ersten Buch auf Deutsch) soll Jean-Michel Guenassia einen epochalen Roman vorgelegt haben. Dieser wird wohl bald in meinem Bücherregal zu finden sein.

Original: „La vie rêvée d‘ Ernesto G.“
Insel Verlag, Berlin 2014
Advertisements

Und was sagst du dazu ...?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s