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NUNCA MAIS: Bernardo Kucinski im Club Voltaire

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Bernardo Kucinski

NUNCA MAIS! Unter diesem Motto wird in diesen Wochen Brasilien – 50 Jahre nach dem Militärputsch – gedacht. Im Rahmen dieses Projekts befindet sich Bernardo Kucinski mit „K. oder Die verschwundene Tochter“ (das Buch habe ich bereits letztes Jahr vorgestellt) auf Lesereise durch Deutschland und will anmahnen, zur Diskussion anregen und erinnern. Letzte Woche war er zu Besuch im Frankfurter Club Voltaire und stellte das Buch zur Geschichte seiner Familie vor. Der Schriftsteller, polnisch jüdischer Abstammung, hat mit seinem fragmentarischen Roman für einiges Aufsehen in Brasilien gesorgt.In diesem begibt sich ein Vater auf die Suche nach seiner verschwundenen Tochter. Das Brasilien zu Zeiten der Militärdiktatur (1964-1985) ist Rahmen der Handlung und Ausgangspunkt dieser zugleich. Kucinski selbst war Anfang der 60er Jahre Opfer der Militärdiktatur geworden. Durch seine journalistischen Tätigkeiten wurde er verhaftet. So sah er sich gezwungen nach seiner Entlassung das Land zu verlassen. Das Exil verbrachte er mit seiner Frau in London. Er setzt sich heute für die Familienangehörigen der „Desaparecidos“ ein, denn auch seine Schwester Ana Rosa Kusinski Silva wurde 1974 festgenommen und wird seither vermisst. Die Suche seines Vaters nach der Schwester hat Kucinski in diesem Roman festgehalten und verarbeitet.Ein Erzählband „Você vai voltar pra mim“ (auf Dtsch.: „Du kommst zu mir zurück“), der sich ebenfalls mit der Diktatur beschäftigt, ist jetzt ganz neu auf Portugiesisch erschienen aber noch nicht ins Deutsche übersetzt. Einen kurzen Vorgeschmack ermöglichte Dozentin und Übersetzerin Sarita Brandt, die eine Erzählung ins Deutsche übertragen hat. Sie führte an diesem Abend auch das Gespräch mit Kucinski und las die deutschen Texte.

Bernardo Kucinski & Sarita Brandt im Club Voltaire

Der Wissenschaftler, Professor, Journalist und nach dem Ende der Diktatur enger Berater von Präsident Lula da Silva nahm im zunehmenden Alter Abstand vom Journalismus und näherte sich der Literatur. Eine gewisse Leere sei über ihn gekommen und es haben sich viele Erinnerungen und Geschichten der Vergangenheit an die Oberfläche gedrängt. So entstanden innerhalb von drei Jahren 150 Erzählungen.
Grundlage für das Buch „K. oder Die verschwundene Tochter“ als auch für die neuen Erzählungen seien Fakten und wahre Begebenheiten. Er habe jedoch nie vorgehabt biografisch zu schreiben, noch habe er denunzieren wollen. Seine eigentliche Intention sei die Schaffung von Literatur gewesen; also mit Fiktion das Gewesene bewältigen. Und so verwundert es nicht, dass die Geschichte einer Bekannten, die er ihr widmete und als Grundlage für einer seiner Erzählungen diente, von ihr selbst nicht als solche wiedererkannt wurde.

kucinski 4

Er wird oft gefragt, ob das Buch für ihn eine Art Therapie oder eine Form sei mit der Geschichte abzuschließen. Er habe geglaubt, dass es irgendwann eine Ende gäbe aber das war ein Irrglauben: „Es wird nie eine Ende geben!“
Kucinski verwies in diesem Zusammenhang auch auf die Brasilianische Wahrheitskomission. Seit 2011 soll sie das Geschehene während der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 aufarbeiten und aufklären. Sie dient jedoch nicht der Strafverfolgung, sondern wird lediglich in diesem Jahr einen Bericht präsentieren. Aussagen von Zeugen und Überlebenden werden gesammelt, jedoch sind viele Folterer und Verantwortliche aus dieser Zeit bereits gestorben. Einen sehr interessanten und informativen Beitrag dazu findet ihr hier. In diesen Tagen gibt es auch unzählige Veranstaltungen und Debatten in Brasilien. Etwas resigniert resümierte Kucinski am Ende der Lesung, dass in wenigen Monaten die Fußball-WM beginnt und dann nur noch wenig zu sehen und zu hören sein wird von der dunklen Geschichte Brasiliens.
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