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Jonathan Franzen „Die Korrekturen“

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Nach Michael Bulgakow und „Meister und Margarita“ entschieden wir im Literaturkreis einen Amerikaner zu lesen und ja ich muss gestehen, dass ich mich ein wenig zierte und eigentlich überhaupt keine Lust darauf hatte aber durch meine Mitstreiterinnen entdeckte ich schon so manche Perle und so hoffte ich auch dieses Mal auf die Erleuchtung.

Als das knapp 800 Seiten starke Buch dann endlich da war, wollte ich schon vor Lektürebeginn kapitulieren, riss mich aber zusammen und begann. Nach nur wenigen Seiten war ich beeindruckt denn Franzens Sprachgewalt offenbarte sich. Inhaltlich gesehen, schaff ich es gar nicht Haupt- und Nebenhandlungen angemessen vorzustellen. Wer sich dafür interessiert, sei an diesen Beitrag verwiesen. Alfred und Enid, seit 50 Jahren verheiratet und mit drei Kindern (Chip, Denise und Gary) „gesegnet“, stehen mit ihrer Familie im Mittelpunkt der Geschichte. Enid möchte ein letztes Mal mit allen gemeinsam Weihnachten feiern und versucht alles, um ihre Kinder für diesen Plan zu begeistern. Das große Scheitern ist vorprogrammiert.

Die einzelnen Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern werden von Franzen nicht nur sehr genau dargestellt, sondern geradezu seziert und auseinandergenommen. Dadurch entsteht eine Analyse des Beziehungsgeflechts, ohne es auf der Metaebene zu benennen: So ist zum Beispiel die Ehe von Alfred und Enid seit Jahrzehnten nur noch durch Sticheleien und Bösartigkeiten gegenüber dem anderen geprägt. Ehe als reine Institution ohne jegliches Gefühl? Es scheint fast so.

„Dekorierst Du schon wieder alles um?
„Es ist mein eignes Geld“ sagte Enid. „Und jetzt geb ich es aus.“
„Und was ist mit dem Geld, das ich verdient habe? Was ist mit der Arbeit, die ich geleistet habe?“
Früher hatte dieses Argument stets gewirkt – es war, sozusagen, die verfassungsmäßige Grundlage für die Rechtfertigung seiner Tyrannei gewesen -, und jetzt zog es nicht mehr. […] Aber der Sessel? Der Sessel war ein Denkmal und ein Symbol und durfte nicht von Alfred getrennt werden. Man konnte ih nur umstellen, und darum landete er im Keller, und Alfred folgte ihm. So kam es, dass im Haus der Lamberts, wie in St. Jude, wie im ganzem Land, das Leben unterirdisch gelebt wurde.

Ihre drei Kinder versuchen sich, jeder auf seine Weise, von dem Modell, was ihnen ihre Eltern vorgelebt haben zu lösen, es zu korrigieren, verfallen aber letztendlich (gerade Gary mit seiner Frau Caroline) in ähnliche Verhaltensmuster.

Die schiere Fülle an Themen ließ die eine oder andere Literaturkreisteilnehmerin fast verzweifeln und es kam schon die Frage auf, ob nicht weniger mehr gewesen wäre. So stellt Franzen in seinem Roman Homosexualität, Börsenspekulationen, Medikamenten- und Drogenmissbrauch, die zwielichtige Rolle der Pharmaindustrie, schwere Krankheiten wie Parkinson und Depressionen dar. Des Weiteren versucht er sich an Mord und sexuellen Themen, Ehe und Familienproblematiken und Arbeitslosigkeit. Die Gegenstimme einer Teilnehmerin meinte aber, dass der rote Faden stimmt und dass eben keine Nebenhandlung einfach so weggelassen werden könne, es füge sich alles wunderbar zusammen.

Mein Fazit: „Die Korrekturen“ von Franzen wird sicher nicht eines meiner Lieblingsbücher aber es zeigt ein sehr genaues Panorama der modernen (amerikanischen) Gesellschaftsstrukturen und die Vielschichtigkeit der Themen, die uns in der heutigen Zeit beschäftigen. Dringend weiter empfehlen kann ich es nicht aber wer sich gern mit englischsprachiger oder amerikanischer Literatur beschäftigt, sollte Franzen gelesen haben.

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Jonathan Franzen „Die Korrekturen“
Original: „The Corrections
Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2002
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  1. Liebe caterina,

    ja zugegeben ein bisschen Freude hat es gemacht :) ! Wer meine Beiträge kennt, der hat sicher schon am Umfang gemerkt, dass ich nicht zu 100% begeistert war. Aber ich wollte diesen Roman auch nicht einfach unterschlagen. Den Foer habe ich immerhin schon hier liegen. Ich muss ihn nur noch zur Hand nehmen. Bin mir aber sehr sicher, dass es meinen Geschmack schon eher treffen wird.

    Allen Interessierten möchte ich an dieser Stelle die sehr schöne und wesentlich umfangreichere Besprechung auf caterinas Blog empfehlen :)

    http://caterinaseneva.wordpress.com/2011/01/16/its-my-wish-that-we-can-all-be-civil-jonathan-franzens-the-corrections/

    Liebe Grüße und auf sehr bald
    Die Bücherliebhaberin

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    Antwort
  2. Lieber Bücherliebhaberin,
    auch wenn du keine „Liebhaberin“ des Buches bist, freue ich mich, dass du deine Aversion gegen alles Amerikanische überwunden und dich an dieses Werk herangetraut hast. Zwar gehört es auch nicht zu meinen „All Time Favorites“, große Literatur ist es in meinen Augen aber allemal. Und ein bisschen Freude scheinst ja auch du bei der Lektüre empfunden zu haben, das beglückt mich. Dann kannst du jetzt ja auch andere amerikanische Autoren entdecken, Foer zum Beispiel. ;)

    Liebe Grüße und auf bald,
    caterina

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