Irène Némirovsky „Das Mißverständnis“

Yves, Mittdreißiger aus Paris, und Denise, eine junge, verheiratete Frau, lernen sich an der französischen Küste kennen und lieben. Obwohl Yves „die glückliche Kindheit eines kleinen Jungen aus reichem Haus gehabt“ hat und er die Welt von Denise sehr genau kennt, gehört er dieser aus finanziellen Gründen längst nicht mehr an. Seit seiner Zeit beim Militär und seinem Einsatz während des Ersten Weltkrieges kann er sich auch zu keiner großen Gefühlsregung mehr animieren. Zu einschneidend waren die Erlebnisse:

„Wieder andere waren nach ihrer Rückkehr einfach nur müde. Sie hatten zunächst geglaubt, daß die Müdigkeit ein vorübergehender Zustand wäre und die Erinnerung an jene dunklen Stunden sich in dem Maß abschwächte, in dem das Leben wieder ruhig, normal und friedlich verliefe, daß sie eines Tages aufwachen würden und kräftig, fröhlich und jung wären wie zuvor. Doch die Zeit verging, und „es“ blieb und fraß an ihnen wie ein langsam wirkendes Gift. „Es“ war ein sonderbarer Blick in die Ferne, ein Blick, der alle menschlichen Schrecken gesehen hatte, alles Elend, alle Ängste, „es“ war die Verachtung des Lebens und das heftigste Verlangen, „es“ war Trägheit und eine bittere Feindseligkeit gegenüber allen anderen Menschen, weil sie nicht gelitten hatten, weil sie das alles nicht gesehen hatten…“

Denise hingegen ist sehr ichbezogen und manchmal erscheint sie mir wie ein trotziges Kind. Sie hat in ihrem Leben immer alles bekommen und und lebt in einer Illusion der Worte, will sogar belogen werden, um ihre Scheinwelt, eine Welt voller Müßiggang und Luxus, aufrecht zu erhalten. Ihre Mutter, Madame Franchevielle, bringt es auf den Punkt:

„Du hast den ganzen Tag keine andere Sorge gehabt als die, ein Kleid auswählen zu müssen, das ihm gefällt, und er ist mit tausend Dingen beschäftigt gewesen, ist müde, gereizt, nervös … Er hat den ganzen Tag seine liebe Mühe damit gehabt, sein tägliches Brot zu verdienen … Weißt du überhaupt, was das bedeutet, verwöhntes Kind, das du bist? Und du wunderst dich über eure Unstimmigkeiten! Egoistin … „

Unterschiedliche Vorstellungen wie eine Beziehung aussehen kann/muss und der grundverschiedene Alltag von Denise und Yves prallen bei jedem Treffen aufeinander. Und so wird nicht nur die Auffassung bzw. das Verständnis von Liebe der beiden Liebenden, sondern auch die Liebe selbst zum Missverständnis. Beispielhaft ist folgender Monolog zwischen Yves und Denise:

„Sagen Sie es … Sagen Sie es mir …“
Am Ende gab er ihr zur Antwort:
„Ich kann es nicht sagen, Denise, meine kleine Denise; geben Sie mir Ruhe, Erholung, Zärtlichkeit … Ich möchte Ihre Hände auf meiner Stirn fühlen, auf meinem Herzen, ich brauche Ihre liebe Stimme, die neben mir lacht … aber ich kann es nicht, ich kann keine Liebesworte sagen … In all den Jahren habe ich es nicht fertig gebracht … Zwingen Sie m ich nicht dazu, Ihnen hübsche Lügen aufzutischen … Das will ich nicht … Ich bin so müde … Schenken Sie mir Ruhe, Frieden … Das ist es, was ich brauche …“
„Aber was ich brauche, ich“, sagte sie störrisch, „sind diese Worte .. ich möchte hören, daß ich die Schönste bin und die Liebste und die Einzige. Ich brauch die Worte, auch wenn ich weiß, daß es Lügen sind … Ich brauche sie…“
„Ich kann Ihnen nicht geben, was Sie von mir verlangen. Es ist nicht meine Schuld, Denise. Vielleicht habe ich genausowenig Gefühl wie Geld, ich weiß es nicht … Aber ich gebe Ihnen alles, was ich geben kann…“
„Das ist nicht viel … Und ich leide“, sagte sie leise.“

Ein Liebesroman über eine Liebe, die scheitern muss.“Das Mißverständnis“ aber auf einen reinen Liebesroman zu reduzieren, wäre falsch. Es ist ein weiterer Roman von Irène Némirovsky, der zwischen beiden Weltkriegen zu verorten ist. In einer Zeit, die geprägt ist von Verschwendertum, Unsicherheit aber auch an den Nachwehen des Ersten Weltkrieges zu leiden hat. Das französische Bürgertum erfährt Anfang des 20. Jahrhunderts einen Wandel, ja sogar den Zusammenbruch einer alten Welt (siehe auch Familie Hardelot). Die russische Schriftstellerin zeichnet mit markanten Charakteren ein detailgetreues Bild dieser Gesellschaftsschicht und schafft es immer wieder mit ihrem Œuvre die 20er und 30er Jahre, eine Zeit voller Umstürze, abzubilden. Zwischenmenschliche Beziehungen werden von ihr nicht nur dargestellt, sondern auch erlebbar gemacht. In ihrer leicht verständlichen Schreibe thematisiert sie die Auswirkungen des ersten Weltkrieges auf die menschliche Seele und kritisiert ganz bewusst auch den ausschweifenden Lebensstil des Großbürgertum. Mit „Das Mißverständnis“ feierte die erst 23-jährige Némirovsky ihr Debüt im Frankreich der 30er Jahre. 

_____________________
Irène Némirovsky „Das Mißverständnis“
Original: „Le malentendu“
Albrecht Knaus Verlag, München 2013

Mehr zu Irène Némirovsky:

Irène Némirovsky
Irène Némirovsky: Familie Hardelot
Irène Némirovsky: Die süße Einsamkeit

Advertisements

2 Comments

Und was sagst du dazu ...?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s