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Michael Bulgakow: Der Meister und Margarita

Veröffentlicht am

Mit diesem Beitrag werde ich gleich zwei Anliegen meinerseits gerecht. Zum einen stelle ich eines meiner Lieblingsbücher vor, das auch unter den Bücherperlen (rechte Menüleiste) aufgeführt ist, zum anderen behandle ich damit auch das letzte Buch meines Literaturkreises. Nun gibt es aber ein kleines Problem: die Komplexität des Romans lässt einen (nein mich!) schier verzweifeln. Wie diesen Klassiker auf wenige Absätze komprimieren? Erfährt das Buch dadurch die Wertschätzung, die es verdient? Nehmen wir mal an ich wüsste nichts von der Rezeptionsgeschichte, würde nicht die unendliche Fülle an Sekundärliteratur erahnen und hätte von Bulgakow noch nie etwas gehört. Dann würde ich ganz laienhaft meinen Lesern schreiben: Dieses Buch ist FANTASTISCH und muss gelesen werden! Damit kann ich mich aber nicht zufrieden geben und wage hiermit allen Zweifeln und der Unsicherheit zum Trotz einen Annäherungsversuch.

Zunächst rein inhaltlich: Der Teufel in Gestalt eines ausländischen Künstlers und „Professor für schwarze Magie“ Voland ist mit seinen vier Gehilfen (Korowjew, Asasello, Kater Behemoth und Gella die Hexe) gerade eben im Moskau der 30er Jahre angekommen und stiftet dort in den intellektuellen Künstlerkreisen der Hauptstadt Unheilvolles. Ein zentraler Punkt ist das Haus Sadowaja 302b mit der Wohnung 50. In dieser lassen sich die fünf, nachdem sie die vorherigen Bewohner entweder getötet oder vertrieben haben, nieder und treiben von dort aus ihr Unwesen. Ein schönes Beispiel von vielen ist die Vorstellung Volands im Varieté. Mit verschiedenen Tricks halten sie der elitären, russischen Schicht den Spiegel vors Gesicht. So lässt Korowjew plötzlich Zehnrubelscheine von der Kuppel des Varietés regnen. Allgemeine Begeisterung beim Publikum entsteht und die Raffgier überkommt sowohl das männliche als auch das weibliche Geschlecht. Groß ist das Entsetzen wenige Tage danach als die Scheine plötzlich wie vom Erdboden verschwinden und ein Chaos in der Stadt stiften.

"Der Meister und Margarita"  von Rainer Kresse

„Der Meister und Margarita“
von Rainer Kresse

Ein weiterer Hauptstrang erzählt eben vom sogenannten Meister und seiner Geliebten Margarita. Durch einen Zufall gewinnt dieser eine große Summe an Geld, die er in eine neue Wohnung, besser gesagt Kellerwohnung, investiert. Sein neues Leben beginnt er zugleich mit einem ehrgeizigen Romanprojekt zu Pontius Pilatus, der vor allem durch den Umstand bekannt wurde, dass er Jesus von Nazaret zum Tod am Kreuz verurteilte. In dieser Zeit größten Schaffens tritt auch die Liebe seines Lebens: Margarita, eine verheiratete, reiche Russin. Sein Leben ändert sich jedoch abrupt als er keinen Verlag für seinen Roman findet und Kritiker einen Auszug aus seinem Roman in einer Zeitung regelrecht auseinandernehmen. So landet er, dem Wahnsinn nahe und seiner Geliebten entrissen in der Psychiatrie. Die Pontius Pilatus-Geschichte des Meisters bildet den dritten Handlungsstrang im Roman und der Leser findet diese in drei Kapiteln (dem Verhör, der Kreuzigung und der Ermordung Jeschua Ha-Nocris durch Pontius Pilatus) wieder. Ich muss leider gestehen, dass gerade dieser Teil von mir in seiner Tragweite sicher nicht wirklich erkannt und eingeordnet werden kann, weil mir dazu einfach der Zugang fehlt. Als nicht religiöse Leserin spüre ich da erhebliche Defizite und kann daher diesen Part nur auf der Oberfläche wahrnehmen.

Ich habe den Roman nun schon zum zweiten Mal gelesen und für mich bleibt „Der Meister und Margarita“ eine ganz besondere Satire auf höchstem Niveau. Es macht einfach Freude sich auf den „Spuk“ einzulassen und dem russischen Autor in die fantastische Welt zu folgen. Bulgakow zeichnet fabelhaft die Missstände des Russlands der 20er & 30er Jahre in sprachlich überspitzter Form: zum einen ist es das repressive Stalin-System, zum anderen der immer weiter ausufernde Bürokratismus und die damit verbundene Korruption und Manipulation innerhalb der sowjetischen Gesellschaft.

Das komplette menschliche Wertesystem wird genau unter die Lupe genommen und schonungslos bloßgestellt. Gegensätze, moralische, religiöse und weltliche werden thematisiert und an typischen Charakteren beispielhaft vorgeführt: Gut und Böse, Leben und Tod, Gott und Teufel, Wahrheit und Lüge. Besonders beeindruckend fand ich den Ansatz, dass das Böse in Form des Teufels zugleich auch Gutes schafft, dass man als Leser sogar Sympathien für Voland und seine Kumpanen entwickelt.

Mit gerade mal 27 Jahren begann 1928 Michael Bulgakow sein Meisterwerk und er wird ganze zwölf Jahre an diesem schreiben. Die Literaturzeitschrift „Moskwa“ (Auflage ca. 150.000) veröffentlichte den Roman ab 1966 als Fortsetzung – jedoch von der russischen Zensur erheblich (um ein Achtel) verkürzt.

Ich hoffe dieser Roman findet noch viele weitere Leser(innen). Gerade dieses Jahr erschien eine Neuübersetzung in einer wunderschönen Ausgabe bei der Büchergilde. Ich habe noch eine alte Ausgabe gelesen. Interessant wäre natürlich ein Vergleich, um nachzuvollziehen, warum 3sat diese Übersetzung „als fulminante Jahrhundertübersetzung” bezeichnet.
_____________________
Michael Bulgakow „Meister und Margarita“
Original „Master i Margarita“
SPIEGEL-Verlags Rudolf Augstein, Hamburg 2006/2007
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  3. Liebe(r) Unbekannte(r),

    vielen Dank Deinen Beitrag. Deine Gedanken zu Pilatus find ich spannend. Wir im Lesekreis hatten auch so unsere Probleme dieses Part zu deuten – auf Stalin sind wir aber nicht gekommen. Haben eher versucht den religiösen Aspekt zu sehen, eben weil es unter Stalin ja mehr oder weniger ein Tabu war.
    Aber das ist ja das Schöne an guter Literatur: Die Zugänge sind mannigfaltig. Halt einfach ein genialer Roman!!

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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  4. In wenigen Büchern liegen extrem Tragisches und extrem Komisches so dicht beisammen wie hier. Beim ersten Lesen hab ich (in jungen Jahren) übrigens die Pilatus-Sachen oft überblättert und hab mich vor allem ergötzt an der herrlichen Satire der russisch-sowjetischen Moskauer Verhältnisse. Die wahnsinnige Komik liegt wohl vor allem in der Diskrepanz der oft aus dem „Sowjetsprech“ entlehnten Sprechweise und Argumentationsweise mit der Realität. Sei es bei den Intellektuellen (Besdomny und der Enthauptete Redakteur, die Künstler im Gribodejow), die sich anpasserisch dieser Sprache und Denkweise bedienen, oft nur auf ihren Eigennutz aus sind, es jedenfalls aber vermeiden selber nachzudenken und ehrlich zu sein. Sei es bei den eher simpleren Figuren im Haus in der Sadowaja, die ganz direkt versuchen fremdes Eigentum an sich zu bringen. Ihrem wirklichen Denken sind diese Menschen noch fest in der alten Gesellschaft verwurzelt. Letztlich sind alle unehrlich sich selbst gegenüber. Außer dem Meister und Margarita und ihrer Zofe, aber auch außer den „Bösen“, die zumindest ehrlich sind und irgendwie „gerecht“. Klasse auch die Wut von Margarita, die mit dem Hammer die Fensterscheiben der Peiniger ihres Liebsten zertrümmert.

    Und was den Pilatus betrifft: Seit ein paar Jahren bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass die Pilatusgeschichte sich auf Stalin bezieht. Es geht ja um Macht und die Bereitschaft des Machthabers, menschlich zu sein oder eben nicht. Auf alle Fälle ist als Subtext des ganzen Romans (wie Du ja auch schreibst) die Repression, die Bedrohung jedes Andersdenkenden und Nichtkonformen mit zu lesen. Ich lese das Buch auch als eine machtvolle Auflehnung gegen die geistige Gängelung, die damals sein Leben beherrschte ( und die einem heute auch begegnen kann).
    Ich stimme Dir völlig zu – es ist ein genialer Roman.

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  5. Liebe caterina,

    vielen Dank für deinen Beitrag. Ich lese normalerweise kaum ein Buch ein zweites Mal aber bei diesem habe ich eine Ausnahme gemacht und ich könnte mir sogar vorstellen es in zehn Jahren ein drittes Mal zu lesen. Im Gegensatz zu Dir war ich schon nach dem ersten Kapitel gefangen genommen. Die Pontius-Pilatus-Geschichte hingegen hatte ich beim erstmaligen Lesen einfach überblättert – ein Thema, was mich nicht wirklich interessiert hat. Erst beim zweiten Mal habe ich genauer hingeschaut und trotzdem keinen Zugang gefunden, vielleicht beim dritten Mal ;).

    Ich werde mich demnächst weiteren Büchern von ihm zuwenden: „Hundeherz“ und „Die weiße Garde“. Bin gespannt, ob mich diese genauso begeistern.

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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  6. Liebe Connie,

    ich habe gelesen, dass das Haus Sadowaja 302b mit der Wohnung 50 zur richtigen Touristenattraktion geworden ist, da Bulgakow einige Jahre selbst in diesem gelebt hat.

    Ich könnte mir gut vorstellen, dass vor allem die russische Mentalität in ihrer Ganzheit nicht ganz von mir wahr genommen wurde. Vielleicht schaut auch mal ein deutschsprachiger Russe hier vorbei, der uns aufklärt ;)

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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  7. Liebe Bücherliebhaberin,
    ich habe den Roman vor einigen Monaten auch gelesen – ein Freund hat ihn mir geschenkt. Ich muss zugeben, dass mir der Zugang zunächst schwerfiel, zu unkonzentriert habe ich gelesen und zu oft bin ich rausgeflogen. Dann auf einmal, da war ich gerade bei der Hälfte angekommen, bin ich auf die Inszenierung im Schauspiel Frankfurt aufmerksam geworden – und diese hat mich schlichtweg umgehauen. Voller neuer Begeisterung und neuem Elan habe ich mich an die zweite Hälfte des Werks gemacht – und siehe da: Diesmal habe ich reingefunden. Zu einer Rezension habe ich mich dann aber doch nicht durchringen können, mir ist gerade am Anfang zu viel entgangen und der Pontius-Pilatus-Teil hat sich mir wie dir nicht wirklich erschlossen. Umso mehr beeindruckt mich deine Besprechung, die wunderbar in Worte fasst, was ich nicht in Worte fassen konnte.

    Dennoch: ein verrücktes, aufregendes und berauschendes Stück Literatur, das ungeheuren Spaß macht, wenn man sich drauf einlässt. Irgendwann in meinem Leben werde ich es hoffentlich noch mal zur Hand nehmen und es von Anfang an einfach nur genießen, ungeachtet der Fragezeichen, die sich bisweilen vor meinem Auge auftun.

    Herzlich,
    caterina

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  8. hier nochmal ein korrigierter Link:

    Naja, ich habe nicht gleich ein Beispiel parat, aber ich erinnere mich, daß ich M+M in Moskau gelesen habe und sehr oft meine Freunde fragte, wer da wohl gemeint sei, was hinter welcher Anspielung oder hinter einem Vergleich steckt
    auch etliche Zitate sind uns sicherlich unbekannt.
    Aber ein konkretes Beispiel hab ich eben gerade nicht, sondern eher die Erinnerung, daß ich beim Lesen dieses Buches ein Gespür für die vielen Vielschichtigkeiten bekam und daß wir immer nur ein wenig an der Oberfläche kratzen

    ich bin auch mal auf den Spuren von M+M gewandelt, es gibt ja einige benannte Orte, und ich habe Bulgakovs Geburtshaus in Kiew und das Haus in Moskau, in dem er lebte, aufgesucht.

    Interessant ist auch, daß das Moskauer Haus von russischen Nazis (oder russischen orthodoxen Eiferern) immer wieder angegriffen wird, weil angeblich dort Hexerei stattfinde, es ein Platz des Teufels sei

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  9. Liebe Connie,

    vielen Dank für den Link! Da hat sich am Anfang nur ein H zu viel eingeschlichen. Daher bitte vorher entsprechend ändern, wenn ihr den Film sehen wollt. Hab mir gerade den ersten Teil angeschaut und find diesen ziemlich gelungen.

    Ich gebe dir natürlich Recht, dass für Nicht-Russen wie mir einiges im Verborgenen bleibt. Hast du dafür vielleicht ein Beispiel?

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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    Antwort
  10. Dieses Buch ist in seiner Vielschichtigkeit sicherlich für Nicht-Russen nicht vollständig zu begreifen. Aber trotzdem verlockend.

    Es gab eine großartige Verfilmung im russischen TV, und auch bei youtube gibt es den Film zu sehen,

    hhttp://www.youtube.com/watch?v=1t6W9hkXV6g&feature=share&list=PL5FC17780B1956232

    Gruss, und viel Lesefreude

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