Moacyr Sciliar "Kafkas Leoparden"

Leoparden im Tempel

„Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie.“

Franz Kafka
Um diese mystischen Zeilen dreht sich alles bei „Kafkas Leoparden“ von Moacyr Sciliar, brasilianischer Autor und Sohn jüdischer Einwanderer aus Bessarabien. In seiner kurzen, unterhaltsamen Geschichte, mit durchaus autobiografischen Zügen, spielt ein kleiner ostjüdischer Junge der Geschichtsschreibung einen Streich. Naivität und Unwissenheit sind seine ständigen Begleiter auf einer abenteuerlichen Reise, die ihn 1916 von Tschernowitzky in Bessarabien direkt nach Prag führt. Er, Benjamin mit Spitznamen Ratinho (Mäuschen), erhält von seinem besten Freund Jossi einen Spezialauftrag. Auftraggeber ist sein heimliches, politisches Idol Leo Trotzki. Da Jossi im Sterben liegt und selbst nicht fahren kann, soll stattdessen Benjamin den Auftrag ausführen. Er muss in Prag mit einem bestimmten Schriftsteller Kontakt aufnehmen und einen Text abholen. Dieser wiederum ergibt zusammen mit einem weiteren Text eine Geheimbotschaft. Auf seinen Weg in die Ferne gibt es jedoch so manchen Fehltritt und zahlreiche Fettnäpfchen; so verliert Benjamin seine kompletten Unterlagen und mit diesen den Text, den er für die Dechiffrierung benötigt. Und das Unheil nimmt seinen Lauf …
Die wenigen Zeilen von Kafkas „Leoparden im Tempel“ wurden in der Literaturwissenschaft auf verschiedenste Art und Weise interpretiert. Dass Sciliar diesem Fragment mit Hilfe von Ratinho einen politischen Sinn, ja sogar die Aura einer geheimen Botschaft gibt, ist neu. Raffiniert fand ich auch den Bezug zur neueren brasilianischen Geschichte. Denn Jahrzehnte später rettet Ratinho mit eben jenen Zeilen seinen Neffen Jaime vor der brasilianischen Geheimpolizei und der damals alltäglichen Folter.

„Gebührend gerahmt begleitet der [letzte] Papierschnipsel Benjamin Kantarovitsch bis an das Ende seines Lebens im Jahr 1980. Er stand noch auf seinem Nachttisch im Krankenhaus, als er dort zum letzten Mal eingeliefert worden war. Und er war noch in seinen Gedanken – und in seinen Delirien -, als er starb. „Der Mann fantasiert schon, er redet nur noch von Leoparden“ erzählten mir die Krankenschwestern. Aber ich wusste, dass es keine Halluzinationen waren, oder jedenfalls nicht nur Halluzinationen.“

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Moacyr Sciliar „Kafkas Leoparden“
Original: „Os leopardos de Kafka“ 
Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2013

 

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