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Helmut Braun „Ich bin nicht Ranek“

Veröffentlicht am

Annäherung an Edgar Hilsenrath

Ich hatte das Glück Edgar Hilsenrath vor einigen Jahren in Frankfurt bei einer Lesung live zu erleben. Natürlich fiel auch mir zuerst seine Baskenmütze auf, die er die ganze Zeit aufbehielt. Er breitete sein Leben vor uns aus und man spürte förmlich, dass auf der Bühne einer der wichtigsten deutschsprachigen Schriftsteller sitzt. Jahrzehntelang verkannt, verschmäht und von den deutschen Verlagen missachtet, ist er immer auf seinem Weg weiter gegangen in der festen Überzeugung, dass sein Werk auch in Deutschland Erfolg haben wird.

Das Interessante an der ersten Biografie zu Edgar Hilsenrath ist, dass neben dem aufgezeichneten Lebensweg des Schriftstellers eben auch die Rezeptionsgeschichte seiner Bücher dargestellt wird. Der Verfasser Helmut Braun kennt den jüdischen Schriftsteller sein über 30 Jahren: „Während dieser Zeit haben wir lange Gespräche geführt; er berichtete aus seinem Leben, über die Nazizeit, die Deportation, das Getto, Palästina, New York, über die Entstehung seiner Bücher, seiner Vorlieben und Abneigungen, seine Sicht der Dinge. Ich habe notiert, Tonaufnahmen gemacht, die schriftlich oder auf Audiokassette vorliegenden Gespräche anderer Gesprächspartner mit dem Autor ausgewertet. Damit ist das Bild, welches Edgar Hilsenrath von sich zeichnet, in die Biografie eingeflossen, allerdings gefiltert durch meine Wahrnehmung.“

Hilsenrath wird am 2. April 1926 in Leipzig geboren, verbringt jedoch den Großteil seiner Kindheit in Halle an der Saale. „Edgar ist von Geburt an Jude. Er bekannte sich zeitlebens zum Volk der Juden, ist mit Geschichte, Tradition und Kultur seines Volkes bestens vertraut. Die jüdische Religion aber spielt in seinem Leben keine wesentliche Rolle.“ Als 1933 die Anfeindungen gegenüber den Juden immer aggressiver werden, siedelt die Familie zu Verwandten in die Bukowina über. Zu dem kleinen Städtchen Siret, indem seine Großeltern wohnten, fühlt er sich bis heute hingezogen und bezeichnet dies sogar als seine Heimat. Hier beginnt er auch zu schreiben, erste Geschichten und Gedichte entstehen. Schon bald reist der Vater nach Paris, um Ausreisevisa für die USA zu beschaffen; er scheitert denn er kann seine Familie vor der Deportation 1941 nicht retten. Diese gelangt nach einer endlosen Fahrt quer durchs Land in die ukrainische Stadt Mogilev-Podolsk – nach Beschuss durch Kampfeinheiten nur noch eine Ruinenstadt. Die Hälfte der Stadt wird als Getto benutzt aber die Familie von Hilsenrath hat Glück, durch gute Kontakte kommen sie in der ehemaligen jüdischen Schule unter und können so überleben. 1944 die ersehnte Befreiung – die Familie kehrt zurück nach Siret. Dort hält es Edgar jedoch nicht lange aus. Er will weg: nach Palästina. Im gelobten Land verfestigt sich sein Traum: Schriftsteller will er werden und beginnt mit Notizen für seinen ersten Roman „Nacht“. Noch muss er scheitern.

Nachdem er seinen Vater wiedergefunden hat, will er wie der Rest der Familie zurück nach Europa, nach Frankreich. Dort angekommen, verfolgt er weiter sein schriftstellerisches Ziel aber der Vater verbietet ihm die brotlose Kunst und so macht er eine Lehre als Küschner. Mit der Lektüre von Erich Maria Remarque scheint seine bisherige Schreibblockade überwunden und es sprudelt nur so aus ihm heraus. Den Durchbruch will er in den USA wagen und so siedelt er über und wird 1957 amerikanischer Staatsbürger. Dort feiert er in den 60er Jahren mit seinem Debüt „Nacht“ die ersten Erfolge als Schriftsteller bei Doubleday & Company in New York, mit der wichtigste Verlag zur damaligen Zeit. Seinen zweiten Roman „Der Nazi & der Friseur“ will er in Deutschland schreiben. Geht zunächst nach München später nach Berlin, wo er auch bleiben wird.

Eine große Frage stellt sich Leserschaft und Kritiker immer wieder: Sind seine Texte autobiografisch? Dazu noch einmal Braun: „An dieser Stelle ist eine Warnung an die Leser der Romane, Erzählungen und Satiren Edgar Hilsensraths angebracht. Es ist verführerisch, seine Texte als autobiografisch zu lesen. Zweifelsohne finden sich in „Nacht“, „Der Nazi und der Friseur“, „Fuck America“, „Jossel Wassermanns Heimkehr“ und „Die Abenteuer des Ruben Jablonski“ Lebenslinien des Autors wieder. Er weiß, wovon er schreibt. Das macht seine Bücher authentisch. Aber autobiografisch sind sie nicht. Er ist nicht Ranek, nicht Bronsky oder Jablonski und schon gar nicht ist er Schulz/Finkelstein (seine Romanfiguren). Aber er könnte es sein. Auch das ist ein reizvolles Spiel, auf welches sich der Rezipient einlassen kann.“

Hilsenrath musste sich in den letzten Jahrzehnten immer denselben Vorwurf von seitens der Verlage & Kritiker anhören: eine Verarbeitung des Holocausts sei so nicht möglich. Aber was ist denn so unmöglich? Als bestes Beispiel dient wohl „Der Nazi und der Friseur“. Eine bitterböse Satire über den Holocaust während und nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches. Es bleibt einem regelrecht das Lachen im Halse stecken: SS-Soldat Max Schulz nimmt nach dem Krieg eine jüdische Identität an und wandert nach Israel aus. Neu in diesem Zusammenhang war damals auch die Perspektive aus Sicht des Täters und nicht des Opfers. Ich erinnere mich noch gut an Stephanie Zweig, ebenfalls jüdische Autorin und Verfasserin der Rotschildsaga, die auf einer Lesung zu ihren Büchern sagte eine literarische Verarbeitung des Holocausts überhaupt sei für sie unvorstellbar. Wie poloraisierend seine Romane waren und noch immer sind, erfährt man deutlich bei Adolf Muschg, der 2004 als amtierender Präsident den Lion Feuchtwanger Preis an Edgar Hilsenrath übergab:

„Er berichtete von seinem sehr zwiespältigen Empfindungen bei der Lektüre von Hilsenraths früheren Büchern. Durchaus habe er die Skrupel von Lektoren und Verlagen nachvollziehen können. Durfte einer so wie in dem Gettoroman „Nacht“ von den Opfern der Shoa schreiben? Dufte man von einem so politisch unkorrekten Buch wie „Der Nazi & der Friseur“ fasziniert sein? Fast widerwillig habe er die große Kunst des Erzählers Hilsenrahts anerkannt und eingeräumt, ja er darf es und er muss es und man darf es und man muss es.“

Edgar Hilsenrath Werkausgabe

Eine sehr schöne Gesamtausgabe, die zunächst beim Dietrich Verlag erschien, wird jetzt über den Eule Minerva Verlag vertrieben.

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Helmut Braun „Ich bin nicht Ranek““
Dittrich Verlag, Berlin 2006
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  1. Pingback: Gunnar Decker „Georg Trakl“ | glasperlenspiel13

  2. Liebe Cornelie,

    vielen Dank für deine Anmerkung. Dieser Roman wird natürlich auch in der Biografie thematisiert. Hilsenrath hat dafür sehr lange recherchiert und Reisen in die Türkei und die USA unternommen. Er bekam zwar für „Das Märchen vom letzten Gedanken“ den Alfred Döblin-Preis aber wieder kamen Absagen von den deutschen Verlagen. Nicht die satirische Darstellung war dieses Mal das Problem, sondern die gewählte orientalische Märchenform, die dem ernsten Stoff wohl nicht gerecht wurde. Dazu noch ein Auszug aus dem Buch:

    „Als begnadetem Erzähler kam ihm diese ausgeschmückte, überbordende, mäandernde Art der Darstellung besonders entgegen. Dabei legte er aber besonderen Wert auf faktentreue, atmosphärische genaue Wiedergabe des Lebens der Armenier der Zeit, die er schilderte. So gelang es ihm, Märchen und historischen Roman in bisher einmaliger Weise zu verknüpfen und den Anforderungen beider gerecht zu werden.“

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  3. Nachzutragen ist, daß Edgar Hilsenrath armenischer Ehrenbürger ist, da er den Völkermord der Osmanen an den Armeniern 1915 ebenfalls thematisiert hat: „Das Märchen vom letzten Gedanken“

    Im Gegensatz zu den Stimmen, welche den Holocaust als „einzigartig“ deklarieren, stellt er denHolocaust in die Reihe der Völkermörde des 20. Jahrhunderts und macht keine ethnischen Unterscheidungen geltend: Völkermordopfer sind immer Opfer. Da gibt es keine Hierarchie des Leidens.

    Für diese aufrechte Haltung sind ihm die Armenier dankbar.

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