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Autoren der Shortlist 2013 zu Gast im Frankfurter Literaturhaus

Veröffentlicht am

„Ein Leben ohne Bücher ist möglich aber nicht lebenswert“

Loriot

Gestern Abend stellten sich fünf der sechs Kandidaten der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2013 dem Publikum. Bereits zum sechsten Mal in Folge veranstaltete das Literaturhaus Frankfurt und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels diesen Abend und gaben somit dem Publikum die Möglichkeit die Autoren und ihre Bücher noch vor der Preisverleihung (in 14 Tagen, am 7. Oktober) kennenzulernen. Der Nominierungsprozess wurde in diesem Jahr von einem besonderen Projekt begleitet: „5 lesen 20“. Fünf Bücherbloggerinnen lasen vorab die komplette Longliste und präsentierten die entsprechenden Rezensionen auf ihren Blogs. Ich habe die hier vorgestellten Werke mit den Beiträgen verlinkt.

Mit dabei waren also Clemens Meyer, Reinhard Jirgl, Monika Zeiner, Marion Poschmann, Mirko Bonné. Terezia Mora war leider verhindert.

Begrüßt wurden die interessierten Zuhörer durch Prof. Dr. Felix Semmelroth (Kulturdezernent der Stadt Frankfurt), der mit Loriots Zitat den Abend an die Nominierten übergab.

Alf Mentzer im Gespräch
mit Reinhard Jirgl 

Reinhard Jirgl und sein Roman „Nichts von Euch auf Erden“ wurde von Alf Mentzer (hr2-kultur) kurz vorgestellt und eingeführt. Er sei ein durchaus schwieriger Schriftsteller, das sei aber nicht auf seine Person bezogen, sondern vielmehr auf seine Bücher und Romane, die eine eigentümliche Orthografie und eine ungeheuerliche Sprachgewalt aufweisen. War es bei den letzten Veröffentlichungen vor allem ein Blick in die Vergangenheit, wagt Jirgl mit seinem neuem Roman nun einen Schritt in die Zukunft – genauer ins 25. Jahrhundert. „Ein Buch über die uralte Frage von Emigration und Heimkehr erzählt in unvergesslichen Bildern von Gier und Gewalt, Unterdrückung und Krieg, Leben und Tod.“ (Quelle: Hanser). Leider sprechen mich Science Fiction Romane überhaupt nicht an. Begrifflichkeiten wir Zukunftsvisionen, Genprogramme, alphanummerische Codes und Terraforming haben mich eher abgeschreckt als aufhorchen lassen. Die Jury sah das aber ganz anders: „… und das in einer Sprache, die alle Register zieht und an alle Grenzen hinter sich lässt. Jirgls virtuose Dystopie bietet nur einen einzigen Fluchtpunkt: die Bücher, die als letzte Überlebende Kunde geben von einer Spezies, die an ihrer eigenen Hybris zugrunde gegangen ist.“

Monika Zeiner und Gerwig Epkes

Monika Zeiner und „Die Ordnung der Sterne über Como“ war an diesem Abend mein eindeutiger Favorit. Ihr Roman über Freundschaft, Liebe, Musik und Künstler hat mich sofort in den Bann gezogen. Auch ein etwas abwesender und wenig überzeugender Moderator Gerwig Epkes (SWR2) konnte dem Buch nichts anhaben. Die Liebe steht als zentrales Thema im Mittelpunkt des Romans und wird aus verschiedenen Perspektiven betrachtet. Zum einem als reine Idee, die nur durch das Gedankenspiel im Kopf existiert und damit auch haltbarer ist, da sie nicht realisiert wird. Die Liebe als Leiden, die bis zur Romantik noch als Krankheit behandelt wurde. Und hier finden sich auch Parallelen zu Monika Zeiner, die schon über die Liebesmelancholie im Mittelalter promovierte. Und schlussendlich Liebe als Konfliktpotential in der klassischen Dreiecksgeschichte, die in „Ordnung der Sterne über Como“, will man der Jury glauben, auf hohem literarischen Niveau umgesetzt wurde. Der Sprung auf die Shortlist ist auf jeden Fall ein großer Erfolg für das Debüt der Berliner Schriftstellerin.

Alf Mentzer diskutiert
mit Clemens Meyer

Gefreut habe ich mich auf Clemens Meyer und seinen Roman „Im Stein“. Zunächst weil er Wahlleipziger ist und im Auftreten immer ein wenig aus der Reihe tanzt. So auch an diesem Abend. Zunächst entschuldigte er sich für seine Stimme, er sei angeschlagen. Danach versuchte er dem Publikum zu erklären, dass sein Roman weder ein Roman über das Rotlichtviertel, noch eine Milieustudie sei, wie in vielen Kritiken behauptet, vielmehr sei das Rotlichtviertel der Grundsockel des Romans, von dem er aus alle Probleme der Gesellschaft abhandeln könne. Die Jury: „ein vielstimmiger Chor … über den „rand“ der Gesellschaft nimmt uns mit auf eine Reise in die Nacht, von 1989 bis in die jüngere Vergangenheit auch als Abbild des Kapitalismus im Wandel.“ Aufgrund seiner Kommentare und Ausführungen gab es immer wieder leises Gelächter und „Getuschel“ im Saal. Meyer daraufhin sichtlich erregt: „Bitte unterlassen sie dieses Getuschel. Wir reden über ernste Themen; über Literatur. Sonst lesen sie das Buch selbst und ich sage gar nichts mehr.“ Mit seiner Aussage: „Warum soll ein Schriftsteller immer so viel über seine Bücher sprechen; es ist doch gerade erst fertig geworden…“ machte er seinem Gesprächspartner Alf Mentzer das Leben nicht besonders leicht.

Sandra Kegel und Marion Poschmann

Marion Poschmann „Sonnenposition“ wurde von einer sichtlich nervösen Sandra Kegel (F.A.Z.) vorgestellt. Für Poschmann war zu Beginn des Schreibprozesses zunächst der Schauplatz klar und sie reizte der Widerspruch, eine Psychiatrie in einem alten Schloss anzusiedeln. Erst später kamen die einzelnen Figuren hinzu. Sie wurde oft gefragt, ob sie selbst bei psychiatrischen Sitzungen hospitiert hat; sie hat sich die Fälle aber selbst ausgedacht und umfangreich zur Psychiatrie in der DDR recherchiert. Auch hier ein kurzer Auszug der Jury: „Aus einer aufklärerischen Intention ins Dunkel blickend folgt der Roman nicht allein seinem (Alfred Janich, Psychiater in der Heil- und Pflegeanstalt) Trauerprozess um einen toten Freund, sondern malt ein historisches Stillleben diese Landes, in dem sich Gegenwart und Vergangenheit, Ost und West, das Schöne und das Hässliche, Realismus und Poesie bedingen und verwandeln.“

Gerwig Epkes zusammen mit Mirko Bonné

Mirko Bonné tat mir am Ende einfach nur leid. Die Fragen von Gerwig Epkes zu seinem Roman „Nie mehr Nacht“ waren nicht nur einfallslos, sondern teilweise auch völlig unangebracht. Da ich leider etwas eher gehen musste, konnte ich diesem Teil des Veranstaltung nicht bis zum Ende folgen. Lasse dafür aber gern eine begeisterte Stimme einer Bloggerin sprechen: „Mirko Bonné hat mit “Nie mehr Nacht” einen wunderbar poetischen und tief melancholischen Roman geschrieben, der eine Vielzahl an Themenkomplexe umkreist, die mich auch nach dem Ende des Romans lange nicht loslassen wollten. “Nie mehr Nacht” ist ein Roman über Einsamkeit, Trauer und Schuldgefühle und über den Wunsch, noch einmal neu anfangen zu dürfen.“ (Quelle: buzzaldrins).

Das Börsenblatt schreibt heute von einem großem Abend der Literatur in Frankfurt. Leider haben die Moderatoren, mit Ausnahme von Alf Mentzer, nicht viel dazu beigetragen.

Gibt es für euch schon einen Favoriten? Ich habe bis jetzt keines der Bücher gelesen, würde spontan aber auf Zeiner oder Bonné tippen. Könnte mir aber auch vorstellen, dass Meyer gewinnt. Was denkt ihr?

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  1. Liebe caterina,

    ja natürlich sollten wir uns trauen! Vor allem die Gespräche mit den Autoren beleben ja so einen Abend, der nicht besonders kurz war. Umso ärgerlicher wenn man von routinierten Redakteuren so etwas geboten bekommt.
    Unterhaltsam allemal!!! Besonders werden mir Jirgl und Meyer im Gedächtnis bleiben :). Kehlmann würde mich auch reizen, hab bis jetzt so viel Gute und auch Schlechtes gehört. Ich warte mal auf deine Besprechung.

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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  2. Lieber Bücherliebhaberin,
    es freut mich, dass auch du dich getraut hast, Kritik zu üben. Ich habe lange überlegt, ob ich meinen Artikel besser neutral formulieren sollte, habe mich dann aber für die aufrichtige und vollständige Version entschieden. V.a. Herr Epkes hat mich geärgert, wie du weißt, ich hoffe, die Veranstalter ziehen ihre Konsequenz daraus. Es gäbe sicher genügend engagierte, interessierte und kompetente Literaturredakteure, die diese Aufgabe liebend gerne übernehmen würden.
    Ansonsten war es aber ein sehr gelungener Abend, aufschlussreich und mitunter unterhaltsam. Ein klaren Favoriten habe ich aber nach wie vor nicht. Ich habe ja erst drei der sechs Romane gelesen, von diesen sagt mir am meisten Bonné zu, auch wenn ich ihn nicht unbedingt für preiswürdig halte. Möglicherweise könnte mir Zeiner und Mora noch gefallen, aber das werde ich erst nach der Preisverleihung herausfinden, denn bis dahin bin ich erst mal mit Kehlmann beschäftigt (bisher: überraschend gut).

    Sei lieb gegrüßt,
    caterina

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