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Bernardo Kucinski „K. oder Die verschwundene Tochter“

Veröffentlicht am
„Alles in diesem Buch ist erfunden, doch fast alles ist geschehen.“

Sprach- und fassungslos ist man nach dieser Lektüre, deren Geschichte exemplarisch für so viele andere Schicksalsfälle in ganz Lateinamerika steht. Ein Vater begibt sich auf die Suche nach seiner verschwundenen Tochter. Das Brasilien zu Zeiten der Militärdiktatur (1964-1985) ist Rahmen der Handlung und Ausgangspunkt dieser zugleich.

K. vermisst seine Tochter, die seit elf Tagen nicht in der Universität erschienen ist, bei der sie als Dozentin arbeitet. Von Freundinnen erhält er erste zaghafte Hinweise und es beginnt eine aussichtslose Suche. K. muss erfahren, dass seine Tochter ein Doppelleben geführt hat. Auf der Oberfläche war sie erfolgreiche Wissenschaftlerin an der Chemischen Fakultät an der Universität. Hinter dem Schein war sie jedoch aktive Widerstandskämpferin gegen die beherrschende Diktatur in Brasilien. Mit ihrem Gefährten war sie sogar verheiratet – auch das vorm Vater verheimlicht. Wie groß seine Verzweiflung ist, kann man als Leser nur erahnen. Wir folgen ihm durch die verschiedenen Phasen der Suche und erfahren Schreckliches:

Unantastbarkeit – ein Widersinn

„Der Vater, der seine verschwundene Tochter sucht, fürchtet sich vor nichts. Wenn er zunächst Vorsicht walten lässt, geschieht das nicht aus Furcht, sondern weil er wie ein Blinder, verstört, sich erst einmal in dem unerwarteten Labyrinth der gegebenen Situation zu orientieren versucht. Am Anfang besteht ja noch Hoffnung, man denkt nicht an das Undenkbare, wer weiß, vielleicht kann man ja unauffällig die Ausnahme erwirken. So verfahren die Instanzen, die über eine tausendjährige Erfahrung im Umgang mit den Despoten verfügen, ohne großes Gehabe, ohne anzuklagen. Allein aus diesem Grund geht der Vater, der nach seiner verschwundenen Tochter sucht, am Anfang vorsichtig vor. Dann, nachdem viele Tage ohne Antwort ins Land gegangen sind, erhebt der Vater seine Stimme; seine Beklemmung verbietet jedes Flüstern, er spricht unverhohlen seine Freunde, die Freunde seiner Freunde und sogar Unbekannte an; so sondiert er das Terrain – immer noch wie ein Blinder mit seinem Stock -, versucht, die hohe, gleichgültige Mauer des Schweigens zu überwinden, die ihn daran hindert, die Wahrheit zu erfahren. Er stößt auf die Mauer, ohne auf die Tochter zu stoßen. Bald wird er es satt haben, um Aufmerksamkeit zu betteln. Als die Tage ohne jede Nachricht zu Wochen werden, beginnt der Vater, der nach seiner verschwundenen Tochter sucht, zu schreien, hemmungslos, er wird zum Störfaktor, belästigt andere mit seinem Unglück und seinem unerfüllbaren  Forderungen nach Gerechtigkeit. Er fühlt sich unantastbar. Er wendet sich an die Presse, marschiert unerschrocken mit hochgehaltenen Plakaten herum und bietet der Diktatur die Stirn, verhöhnt die Polizei. Als die Wochen zu Monaten werden, übermannt ihn die Müdigkeit und sein Eifer ist gebremst, doch er gibt nicht auf. Der Vater, der seine verschwundene Tochter sucht, gibt niemals auf. Jegliche Hoffnung hat ihn verlassen, aber gibt nicht auf. Jetzt möchte er wissen, wie es passiert ist. Wo? Wann genau? Es muss es wissen, um seine eigne Schuld ermessen zu können. Aber sie hüllen sich in Schweigen. Einige Jahre später wird das Leben wieder normal weitergehen, so wie es bei den meisten Menschen stets der Fall gewesen ist. Alte werden sterben, Kinder geboren werden. Der Vater, der seine verschwundene Tochter gesucht hat, wird nicht weitersuchen, bezwungen von der Erschöpfung und der Gleichgültigkeit. Er hält nicht mehr die Stange mit der Fotografie hoch. Er ist keine Ikone mehr. Er ist gar nichts mehr. Er ist der nutzlose Stamm einen vertrockneten Baumes.“

Neben dieser Entwicklung mach sich K. vor allem aber auch Vorwürfe, dass er nicht eher die Zeichen erkannt hat und dass er nicht mitbekommen hat, dass seine Tochter im Untergrund aktiv war. Als gebürtiger jüdischer Pole war er doch selbst politisch aktiv, weiß also wie so ein Leben aussieht. Seit er aber mit seiner Familie nach Brasilien gegangen ist, beschäftigt er sich ausschließlich mit der jiddischen Sprache. Was hat es ihm gebracht? Nichts! Er hat dadurch den Blick für das Wesentliche verloren, hat das Leben seiner Tochter ignoriert; sich selbst verleugnet – hat er doch eine ähnliche Geschichte zu erzählen!

Kucinski nähert sich dem Geschehen aus verschiedenen Perspektiven. Wir bekommen nicht nur ein Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt von K., sondern erfahren auch wie Beteiligte das Geschehene erleben. So berichtet ein Verräter bzw. ein Überläufer oder die Geliebte eines hohes Offiziers, der jahrelang für die Folter an Gefangenen verantwortlich war. Ein weiteres Zeugnis erhalten wir von einer Putzfrau, die in einer der Foltereinrichtungen gearbeitet hat. Es entfaltete sich vor dem Leser ein mannigfaltiges Stimmenspektrum.

Kucinski selbst war Anfang der 60er Jahre Opfer der Militärdiktatur geworden. Durch seine journalistischen Tätigkeiten wurde er verhaftet. So sah er sich gezwungen nach seiner Entlassung das Land zu verlassen. Das Exil verbrachte er mit seiner Frau in London. Er setzt sich heute für die Familienangehörigen der „Desaparecidos“ ein, denn auch seine Schwester Ana Rosa Kusinski Silva wurde 1974 festgenommen und wird seither vermisst. Die Suche seines Vaters nach der Schwester hat Kucinski in diesem Roman festgehalten und verarbeitet.

„K. oder Die verschwundene Tochter“ ist ein schmales Buch mit einer gewaltigen Geschichte, die an den Nerven zerrt und sich unwiederbringlich im Gedächtnis festsetzt. Kucinski findet Worte für Gefühle und Gedanken, die doch so unbeschreiblich angesichts der Verzweiflung sind. Er ist aber auch Sprachrohr für all die Opfer und deren Angehörigen, die mit den Jahren die schreckliche Gewissheit akzeptieren mussten. In der portugiesischen Sprachwelt hat Bernardo Kucinksi schon so manchen Literaturpreis erhalten und einen beachtlichen Erfolg gefeiert.

Die Art und Weise der Umsetzung erinnert mich sehr an Erich Hackl und seinen literarischen Authentizismus. Auch er widmete sich in einem seiner Bücher den „Desaparecidos“: „Als ob ein Engel„.

Ein interessantes Interview mit Bernado Kucinski (auf Englisch) findet ihr hier.
_____________________
Bernardo Kucinski „K. oder Die verschwundene Tochter“
Original „K.

TRANSIT Buchverlag, Berlin 2013

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  5. Schön, dass ich dir wieder „auf die Sprünge geholfen habe“. Ich wünsche Dir eine angenehme Lektüre.

    Viele Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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    Antwort
  6. Auf der Frankfurter Buchmesse war es mir aufgefallen, ich wollte es mir merken und hatte es dann doch wieder vergessen – bis jetzt. Danke für deine Rezension!

    Zeilentiger

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    Antwort
  7. Liebe L.,

    vielen Dank für deinen Besuch! Kucinski wird auch in Frankfurt zur Buchmesse sein aber leider wird das mit meinem Termin nicht ganz passen. Sehr schade, ich hätte ihn sehr gern gesehen. Wenn ihr einen Bericht zur Lesung veröffentlicht, kannst du von hier verlinken.

    Einen interessanten und erfolgreichen Abend für Euch.
    Liebste Grüße Vera

    Gefällt mir

    Antwort
  8. Liebe V. Danke für Deine gute Besprechung, ich hätte es nicht (besser) ausdrücken können. Wir werden Bernado Kucinski am 02.Oktober bei uns im Buchladen begrüßen können (http://www.sputnik-buchladen.de/veranstaltungen.html)!!! Schade, dass Du da nicht dabei sein wirst. Liebste Grüße, l.

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    Antwort

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