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Elias Canetti „Die gerettete Zunge“ Die Geschichte einer Jugend

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1c03e-eliascanetti_diegerettezungeSeit längerem hatte ich mir vorgenommen mich Elias Canetti weiter zu nähern. Mit „Der Blendung“ hatte er mich vor zwei Jahren überzeugt und nun wollte ich seine dreibändige Autobiografie im Rahmen des hiesigen Literaturkreises in Angriff nehmen. Den ersten Teil „Die gerettete Zunge“ habe ich nun erfolgreich gemeistert und ich möchte meine Eindrücke sehr gern mit euch teilen.

Elias Canetti wurde 1905 in Rutschuk (Bulgarien) als Sohn einer Spaniolen-Familie (sephardisch-jüdischen Familie) geboren. Schon mit sechs Jahren erlebte er den ersten prägenden geografischen Wechsel als seine Eltern beschlossen sich vom dominanten Großvater zu lösen und nach Großbritannien zu ziehen.

Seine starke Bindung zum Vater, der schon früh verstarb, und die Dominanz der Mutter prägten seine ersten Lebensjahre und somit auch den ersten Teil seiner Autobiografie. Zu Hause wurde Spanisch und Bulgarisch gesprochen, die deutsche Sprache, die Sprache seiner Eltern, die sich in Wien kennen und lieben gelernt haben, erlernte er erst mit circa acht Jahren unter unwahrscheinlichen Druck der Mutter. „So zwang sie mich in kürzester Zeit zu einer Leistung, die über die Kräfte jedes Kindes ging, und daß es ihr gelang, hat die tiefere Natur meines Deutsch bestimmt, es war eine spät und unter wahrhaftigen Schmerzen eingepflanzte Muttersprache.“ Hingegen er die Liebe zur englischen Sprache vor allem dem Vater zu verdanken hatte. Nach dessen Tod 1912 siedelte die Mutter mit den drei Söhnen nach Wien um. Doch schon vier Jahre später ging es weiter Richtung Schweiz, die Mutter die meiste Zeit dort zur Kur aufgrund von gesundheitlichen Problemen, die beiden jüngeren Brüder wurden im Internat untergebracht. Canetti selbst wohnte ebenfalls in einem Art Internat mit der Besonderheit, dass er ausschließlich von Frauen und Mädchen umgeben war. Der erste Teil endet 1921 mit dem Umzug nach Deutschland, genauer nach Frankfurt am Main, der von seiner Mutter vorangetrieben wurde. Und wieder die Mutter! Selten habe ich so eine starke Bindung zwischen Mutter und Sohn erlebt, die sich in Liebe aber auch in Abneigung äußerte. Elias war auf jeden männlichen Begleiter an der Seite seiner Mutter eifersüchtig und achtete strengstens darauf, dass es zu keinem körperlichen Kontakt kam. Die Mutter wiederum opferte ihr noch sehr junges Leben für die drei Kinder. Sie behandelte ihren ältesten Sohn Elias schon sehr früh als Gleichgesinnten und weckte in ihm das Interesse für Literatur und Theater. Besonders blieben ihm die gemeinsamen Leseabende mit der Mutter in Erinnerung. Wie viel Respekt und Hochachtung er dieser entgegen brachte, äußert sich an vielen Stellen im Buch. Exemplarisch dafür ein Auszug:

Eine zweite Wohltat, die mir meine Mutter während dieser gemeinsamer Züricher Jahre erwies, hatte noch größere Bedeutung: sie erließ mir die Berechnung. Ich bekam nie zu hören, daß man etwas aus praktischen Gründen tue. Es wurde nichts betrieben, was nützlich für einen werden konnte. Alle Dinge, die ich anfassen mochte, waren gleichberechtigt. Ich bewegte mich auf hundert Wegen zugleich, ohne hören zu müssen, daß dieser oder jener bequemer, ergiebiger, einträglicher zu befahren sei. Es kam auf die Dinge selber an und nicht auf ihren Nutzen. Genau und gründlich musste man sein und eine Meinung ohne Schwindeleien vertreten können, aber diese Gründlichkeit galt der Sache selbst und nicht irgendeinen Nutzen, den sie für einen haben könnte.

Schlichtweg eine wunderschöne Liebeserklärung, eine Huldigung an die mütterliche Liebe, die ihm besondere Freiheiten gewährte. Besonders angetan bin ich aber von seiner Sprache, die Komplexes auf den Punkt bringt und für den Leser anschaulich macht. Wie genau er seine Gefühle und Gedanken in Worte fassen kann, ohne dabei ins Abstrakte abzurutschen oder in einen philosophischen Plauderton zu verfallen.

Seine Beschreibungen sind insgesamt sehr bildhaft, detailverliebt aber auch interessant und einnehmend. Die ersten sechs Lebensjahre Canettis in Bulgarien erinnern mich ein bisschen an die farbige bunte Welt der Rada Biller in „Melonenschale“. Erstaunlich wie klar und deutlich er mit 74 Jahren dies alles aufs Papier bringt. Beeindruckt war ich auch von dem starken Einfluss der Schule, den Lehrern. Wie lebhaft er die einzelnen Facetten der Charakter noch schildern und beurteilen kann – nach all den Jahren.

Fazit: Eine vielschichtige Autobiografie eines Schriftstellers mit Eindrücken aus einem vergangenen Jahrhundert, einem Bekenntnis zur Literatur und Schriftstellerei und ausgeprägter Menschenkenntnis. Lesenswert für all jene, die sich einfühlen können und nicht vor einer sehr beschreibenden Darstellung des Lebens zurückschrecken.

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Elias Canetti „Die gerettete Zunge“
Carl Hanser Verlag 1977
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  1. Pingback: Sarah Kaminsky "Adolfo Kaminsky Ein Fälscherleben" | glasperlenspiel13

  2. Liebe buechermaniac,

    schön dass du weiterhin vorbeischaust. Ist gerade etwas ruhiger bei mir ;). Das Leben erfährt manchmal unerwartete Wendungen.
    Zu diesem Buch habe ich aber auch ganz andere Meinungen gehört. Bleibt am Ende alles eine Frage des Geschmacks. Mir hat es sehr gut gefallen – kann es dir also nur empfehlen.

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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    Antwort
  3. Ausser „Die Stimmen von Marrakesch“ habe ich nie etwas von Canetti gelesen. Wird wohl Zeit, mich auch wieder einmal um ein Buch dieses Schriftstellers zu bemühen.

    Vielen Dank für deine schöne Besprechung.

    Liebe Grüsse
    buechermaniac

    Gefällt mir

    Antwort

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