Irvin D. Yalom "Und Nietzsche weinte"

Nietzsche, das Genie, das zu früh geboren wurde und seiner Zeit weit voraus war, braucht Hilfe. Nicht er selbst sucht sie, sondern seine Ex-Liebschaft Lou Andreas Salomé. Eine junge russische Dame aus gutem Haus, die sich im europäischen, intellektuellen Milieu des ausgehenden 19. Jahrhunderts mit ihren knapp 20 Jahren sicher bewegt und jeglicher Konvention entbehrt. Nach einem Bruch mit Nietzsche fühlt sie sich für dessen Wohl verantwortlich und sucht Dr. Josef Breuer in Wien auf. Jener berühmter Arzt und Ziehvater von Sigmund Freud gelangte mit einer speziellen Redekur bei einer seiner Patientinnen zu Ruhm und Ehre. Diese Therapie soll nun Nietzsche von seinen schweren Anfällen heilen, ohne dass er von der Vermittlung durch Lou Andreas Salomé ahnt, da er die ärztliche Hilfe sonst nicht annehmen würde.

„Ein Arzt der Verzweiflung“ soll er sein und die vielfältigen Beschwerden des Philosophen behandeln. Relativ schnell wird Breuer klar, dass er selbst der Hilfe bedarf: „Ich habe Gott getötet. Ich glaube nicht an das Übernatürliche. Ich ersaufe im Nihilismus. Ich weiß nicht, wozu ich leben soll! Ich weiß nicht wie ich leben soll.“ Eingeschränkt durch Ehefrau, Familie, Pflichten gegenüber den Patienten und der Freiheit beraubt, flüchtet er sich in obsessive Phantasien mit seiner ehemaligen Patientin. Am Ende sind es zwei Leidende, die sich einander aber auch sich selbst helfen müssen.

„Bedenken Sie doch, wieviel Sie gelernt haben Josef! Daß der Lauf der Zeit nicht zu brechen ist, daß der Wille nicht rückwärts wollen kann. Nur den Glücklichen werden solche Erkenntnisse zuteil!“
„Den Glücklichen? Seltsame Bezeichnung! Ich erkenne, daß der Tod näher rückt, daß ich machtlos bin und bedeutungslos, daß das Leben keinen wirklichen Sinn kennt oder Wert – und Sie heißen mich glücklich!“
„Die Tatsache, daß der Wille nicht rückwärts wollen kann, heißt nicht, daß der Wille machtlos ist! Daß Gott – Gott sei Dank! – tot ist, heißt nicht, daß das Dasein eines Sinnes entbehrt! Daß der Tod naht, heißt nicht, daß das Leben ohne Wert ist.“

Fazit: Eine gelungene Mischung aus Philosophie und Psychologie, eine Reise in die Untiefen unserer Seele, unserer Begierden und eine Begegnung mit dem unbewussten Ich. Traumdeutung und Katharsis auf höchstem Niveau, eingebunden in geniale Rededuelle zwischen Nietzsche und seinem Arzt Dr. Breuer. Selbst für mich als Laien, die nicht allzu bewandert ist (weder im philosophischen noch im psychologischen Fach) durchaus nachvollziehbar.

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Irvin D. Yalom „Und Nietzsche weinte“
btb Verlag 2008
Original: „When Nietzsche Wept“
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8 Comments

  1. Ich muss dir ehrlich gestehen, dass mir dieses Buch erstmal reicht. Ich könnte jetzt nicht gleich ein anderes Buch von Yalom lesen. Sie sind ja schon teilweise sehr ähnlich. Mir hat auch der kurze Auftritt von Frau Breuer gefallen. Die Darstellung der Frau ist teilweise haarsträubend aber wir befinden uns ja auch mitten im 19. Jh.!

    Liebe Grüße
    die Bücherliebhaberin

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  2. Den Roman habe ich vor einigen Jahren gelesen. Besonders hat mich beeindruckt, wie es Yalom gelingt, sich den Gefühlszuständen Nietzsches anzunähern. Auch die beiden anderen Figuren Breuer mit seinen Selbstzweifeln und Lou mit ihrer unterschwellig, dominanten Erotik zwischen den beiden Männern sind ihm gut gelungen.

    Danach habe ich noch zwei seiner „Therapieromane“ gelesen, die mir wegen ihres Fallgeschichtenprinzips weniger gefallen haben.

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  3. ich schaue gerne bei dir rein, weil ich deine Auswahl als recht breit empfinde, weil ich dann doch mehr Bücher von deutschsprachigen/englischen AutorenInen lese und doch einiges zu verpassen schein.

    Ja, die Recherchearbeit was sicherlich nicht gering. Ich finde Philosophie auch allgemein verständlich runter zu brechen, das ist nicht einfach. Auf jede Fall war das gewinnbringende Lektüre für mich. Lustigerweise hat mir das Buch damals meiner Therapeutin geliehen. Vielleicht wollte sie mir damit etwas sagen. Haha

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  4. Liebe Kat,

    vielen Dank für deinen Besuch! Ich habe schon von verschiedenen Seiten gehört, dass dieses Buch sein Bestes sein soll. Vor dieser Arbeit habe ich wirklich Respekt. Wie viel Recherche & Phantasie wohl dazu gehört?

    Liebe Grüße nach GB :)

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  5. Liebe Nora,

    vielen Dank für diesen Kommentar, der meinen Beitrag perfekt abrundet. Ja, es hat Freude gemacht aber vor allem war es eine Herausforderung. Yalom behalte ich im Hinterkopf. Er hat ja jede Menge geschrieben.
    Freu mich auf unser nächstes Treffen!!
    Liebste Grüße
    Vera

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  6. Ich liebe das Buch, fand die Mischung wirklich gelungen. Habe daraufhin auch die Schopenhauerkur gelesen (heißt es so?), das vom Stil ähnlich ist. Gleiche Mischung aus Fakt und Fiktion und Philosophie und Psychologie und kann das auch empfehlen. Obwohl es gegen das von dir besprochene Buch ein wenig hinterher ist. Deine Rezension hat mich auf jeden Fall daran erinnert, dass ich es immer mal im Original lesen wollte. Also gleich mal hier in die Vermischung second hand shops gehen und danach stöbern.

    Lieben Gruss aus GB

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  7. Liebste Vera, ich freue mich, dass Du meiner Einladung auf die psychologisch-philosophische Fährte gefolgt bist und Freude hattest! Die Sicht auf den Menschen auf so unterschiedliche Weise – Psychologie und Philosophie – eng beeinander und doch so gegensätzlich. Welcher Blick auf den Menschen ist eigentlich der Heilsamere? Am Ende heilt der Perspektivwechsel……Liebste Grüße; Nora

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