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Clemens J. Setz "Meine Figuren ahnen, dass es mich gibt"

Veröffentlicht am

Was hatte ich von Setz eigentlich erwartet? Ich gestehe nicht viel aber der Abend mit ihm in Frankfurt wird mir wohl einige Zeit im Gedächtnis bleiben. Lange habe ich nicht mehr so herzlich gelacht – obwohl nicht alle seine Geschichten humorvoll waren. Eigentlich wollte er sein erfolgreiches Buch „Indigo“ vorstellen und aus diesem vorlesen. Letztendlich nahm er aber das Publikum mit seinen tausend kleinen Geschichten gefangen. Eine skurriler als die andere und nicht selten endeten sie mit einer amüsanten Pointe. Mit diesem Beitrag kann ich seiner Erzählfreude gar nicht wirklich gerecht werden aber ich werde zumindest versuchen einen kleinen Einblick zu geben.

Clemens J. Setz

Clemens J. Setz

Mit Regenjacke und Schal nahm er pünktlich vorn auf dem Podium der Frankfurter Sparkasse Platz und ganz kurz blitzte der Gedanke auf: welch komischer Kauz. In seiner Einleitung schilderte er zunächst seine lange Anreise (von Zürich über Colmar nach Deutschland – immer mit Verspätung) und erklärte daraufhin seine ausgesprochen langsame Sprechart: „Eine Kollegin meinte letztens ich klinge wie ein verrutschte Zeitlupe.“ Vielmehr sei es aber der Versuch kein Dialekt (Setz kommt aus Österreich) zu sprechen, damit ihn auch jeder verstehe.

Traurigste Geschichte der Welt

Die Geschichte, die „Indigo“ eigentlich zugrunde liegt, wird im Roman nicht erzählt. Seiner Meinung nach ist sie die traurigste Geschichte der Welt, aber auch eine Geschichte der Hoffnung – schlussendlich eine Liebesgeschichte: In den USA gibt es Einrichtungen für Tiere, genauer gesagt für Menschenaffen, die ihr Leben lang den Versuchen und Tests der Menschheit ausgeliefert waren. Meist psychisch und physisch geschädigt werden sie von den „Anstalten“ aufgekauft, damit sie ein würdevolles Ende erfahren. Diese Affen sind schwer traumatisiert und ertragen die Anwesenheit von Menschen kaum, da sie aus Erfahrung wissen, dass ihnen auf jeden Fall Schmerzen zugefügt werden, egal wie sie sich verhalten. Aber eine Ausnahme gab es. Ein Medizinstudent und ein Schimpanse pflegten ein sehr inniges Vertrauensverhältnis. Der junge Student konnte mit dem „Patienten“ spielen, ihn füttern und ihm mehr oder weniger ein Freund sein. Bis dieser eines Tages mit Kopfhörern das Zimmer des Affen betrat. Dieser sprang sofort auf ihn zu, riss ihm förmlich die Hörer aus den Ohren, sprang drauf herum und zerstörte sie vollkommen; ein verdutzte Medizinstudent blieb zurück. Setz klärte uns auf, dass dieser Affe viele Jahre mit Schläuchen am Kopf verkabelt war und für ihn die Kopfhörer eine Gefahr für seinen Freund darstellten. Er rettete also das Leben seines Freundes, obwohl er so viel Schmerz von den Menschen selbst erlitten hatte. Setz wollte die Geschichte in seinen Roman einfließen lassen, um diesen noch mehr Leuchtkraft zu verleihen. Am Ende entscheidet er sich dagegen, da er sonst das Gefühl hätte, dem Affen die Geschichte zu nehmen. Trotzdem ist er sich sicher, dass „man den Phantomschmerz der fehlenden Geschichte spürt.“

Vogelscheuchenanziehungskraft & Waldkauzmistkasten

Witzig fand ich das Spiel, das er des öfteren mit seiner Freundin veranstaltet. Da er die einzigartige Gabe besitzt relativ schnell die Buchstabenanzahl von Wörtern zu bestimmen, erfindet sie ungewöhnlich und vor allem lange Komposita, um Setz herauszufordern. Dabei entstehen Sonderlinge wie Vogelscheuchen- anziehungskraft oder sein Lieblingswort in Bezug auf die erfindungsreiche wie geniale Kompositabildung im Deutschen: „Waldkauzmistkasten“. Das waren nur zwei von vielen Geschichten, die er an diesem Abend erzählte. Man hätte ihm stundenlang zuhören können. Da ich aber weder die Zeit noch ehrlich gesagt die Muse habe alle aufzuführen hier weitere kurze Livemitschnitte:

  • „Frakturschrift ist für mich Schrift in Reizwäsche“ erklärte er, da Teile des Romans eben in jener Schriftart verfasste.
  • Meine Stirnhöhlen sind entzündet und fühlen sich an „als würden Fledermäusen darin nisten“.
  • Auf die Frage, welche Beziehung er zu seinen Figuren hat, antwortete er: „Meine Figuren ahnen, dass es mich gibt.“
Zum Schluss noch einmal Setz: „Ich glaube an den Mehrwert der mündlichen Rede während einer Lesung, daher erzähle ich Ihnen eine allerletzte Geschichte.“ Diese handelt von der geografischen Lage der österreichischen Stadt Graz: „Wie sie wissen, sieht Österreich aus wie ein Krokodilskopf, der nach Westen gerichtet ist. Stellen Sie sich nun vor, dass das Krokodil grinst. Graz befindet sich genau dort, wo das Grinsen aufhört.“
Clemens J. Setz: Signatur

Clemens J. Setz: Signatur

Mein ganz persönlicher Mehrwert der Lesung ist eine Widmung von ihm mit einem Pinguin! Spannend fand ich auch die Seite, die der Suhrkamp Verlag anlässlich der Veröffentlichung erstellte. Auf dieser erfährt der interessierte Leser die Herstellung des Buches. In ein paar Jahrzehnten wird das bald keiner mehr wissen.

Das Buch kann ich noch nicht empfehlen, empfehlen kann ich aber Clemens J. Setz selbst. Wenn er bei euch in der Nähe liest, unbedingt hingehen und zuhören!

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  1. Liebe caterina,

    da bist du in einen ganz besonderen Genuss gekommen! Zwei Schriftsteller bei der Karaoke – herrlich. Koreanischer Schnaps? Damit habe ich eindeutig keine Erfahrung. Das musst du mir noch einmal genauer erzählen ;)

    Liebe Grüße

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  2. Auch ich bin dafür, dass wir nach weiteren Setz-Lesungen Ausschau halten. Ein wahrhaftes Ereignis – auch wenn man das Buch bereits kennt oder aber gar nicht vorhat, es zu lesen.

    Die Thome-Lesung war ebenfalls sehr schön, dazu schreiben werde ich allerdings nichts. Bei mir gibt es ja keine Lesungsberichte, allenfalls lasse ich mal ein paar Sätze in die entsprechenden Buchrezensionen einfließen, aber Thomes Bücher habe ich ja bereits besprochen, das soll genügen.

    Auch bei ihm war der Saal recht voll (ein bisschen voller sogar als bei Clemens Setz), die Lesung war aber eine klassische: Thome hat viel gelesen, ein bisschen was zum Werk und zu dessen Entstehung gesagt und hinterher jede Menge Fragen beantwortet, die im Übrigen wieder ziemlich witzig ausfielen (diese Sparkassenlesungen scheinen die Zuschauer zu beflügeln).

    Der Abend war aber vor allem deshalb großartig, weil er hinterher auf sehr überraschende Weise ausgeartete. Wir sind im Anschluss an die Lesung (und einem gepflegten Abendessen) in einer koreanischen Karaokebar im Bahnhofsviertel gelandet, wo über die Maßen Bier, Schnaps und zweifelhaftes Liedgut konsumiert wurden. Es war noch ein Autor von uns dabei, und die beiden haben sich regelrecht um das Mikrophon gerissen, so sehr waren sie in ihrem Element.

    Eine überaus vergnügliche Nacht, nur der Morgen danach war etwas unschön. Der koreanische Schnaps war eindeutig zu viel ;).

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  3. Liebe caterina,

    das hast du mal wieder gut auf den Punkt gebracht. Demnächst schreibst du für mich ;) Ja, davon könnte es einfach mehr geben. Wir halten uns auf dem Laufenden, wenn Herr Setz in unserer Näher verweilt. Ihn darf man nie wieder verpassen.
    Wie war Thome? Lese ich bei dir dazu etwas?
    Liebe Grüße

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  4. Liebe buechermaniac,

    nun komm ich endlich dazu Dir zu antworten. Ich bin mir gar nicht sicher, ob er auch in Zürich gelesen hat. Er hat aber definitiv mehr erzählt als gelesen und der Pinguin hat mich wirklich umgehauen.

    Immer wieder eine Lesung wert ;)
    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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  5. Hach, ein wundervoller Abend, ich bin noch immer ganz hin und weg, dabei ist schon fast eine Woche vergangen.
    Ich hatte Clemens Setz ja bereits auf der Shortlist-Lesung gemeinsam mit Stephan Thome, Ulf E. Ziegler und Ursula Krechel gesehen, und schon damals hatte er mich begeistert. Diesmal hat er sich selbst überboten. Ich kann wohl ruhiges Gewissens behaupten: Das war die beste 'Lesung' (wenn man sie denn so nennen kann), die ich je besucht habe. Ein wahres Fest.
    Setz' Einfallsreichtum ist schlichtweg beeindruckend, ganz zu schweigen von seinem Witz und seiner fast schon beunruhigenden Intelligenz. Ein irrsinnig geistreicher, kluger, belesener und lustiger Mensch.
    Und genau so war auch sein Buch „Die Frequenzen“, das ich ja erst kürzlich gelesen habe. Ich kann es kaum erwarten, „Indigo“ und „Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes“ zu lesen.

    Danke für diesen wunderbaren Bericht und dafür, dass du mir den Abend noch einmal so detailliert ins Gedächtnis gerufen hast.

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  6. Liebe Vera

    Das habe ich ja dann wohl verpasst, wenn er von Zürich angereist kam. Herzlichen Dank für diesen interessanten Einblick in die Lesung oder eher Erzählung?

    Ich finde es toll, wenn sich Schriftsteller Zeit nehmen, noch irgendetwas spezielles zur Signatur hinzuzufügen. Der Pinguin ist goldig.

    Liebe Grüsse
    buechermaniac

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