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Mit „Über Bord“ an Bord der Miss Noll

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Ein neues Buch von Ingrid Noll bedeutet gleichzeitig eine sich anschließende Lesetour durch Deutschland und so kam ich – nun schon zum dritten Mal – in den Genuss einer gut aufgelegten Ingrid Noll. Vor zwei Tagen stellte sie ihren letzten Roman „Über Bord“ in der Romanfabrik in Frankfurt vor. Warum sie gerade ein Kreuzfahrtschiff für ihren neuesten Krimi gewählt hatte, lässt sich leicht beantworten. Da sie schon mehrere Kreuzfahrten hinter sich hat, immer auf Einladung und um ihr neuestes Buch vorzustellen, kann die Grand Dame des Krimis aus einem reichen Erfahrungsschatz schöpfen.

Büchertisch Ingrid Noll

Büchertisch Ingrid Noll

Doch bevor es zur Lektüre kommt, erzählt sie noch kurz von den drei Aufträgen, die mit „Über Bord“ zusammenhängen. Als sie das letzte Mal in ihrem Wohnort Mörlenbach in der Nähe von Weinheim am Rhein eine Lesung hielt, beschwerten sich die Einwohner, dass ihr Städtchen nie in einem ihrer Roman eine Rolle spielt. Da galt es Abhilfe zu schaffen. Der zweite Auftrag kam aus der Buchstadt Leipzig. Bei einem Essen im Auerbachskeller während der Leipziger Buchmesse wurde sie auf eine typische sächsische Nachspeise aufmerksam gemacht: Quarkkeulchen (Anmerkung: wirklich sehr lecker!!). Man bat sie doch ein wenig Werbung für diesen Gaumenschmaus zu machen. Und so kommt es, dass ihr Roman zunächst in Mörlenbach angesiedelt ist und die Einwohner dort gern Quarkkeulchen essen.

Ingrid Noll in der Romanfabrik Frankfurt

Ingrid Noll in der Romanfabrik Frankfurt

Der dritte Auftrag hat mit dem Zeichner Toni Ungerer zu tun, der ihr ein Bild schenkte auf dem sie an einer Schreibmaschine sitzt und im Hintergrund der Gevatter Tod zu sehen ist. Dieser spielt nicht etwa auf das Genre ihrer Romane an sondern vielmehr auf die Tatsache, dass ihr nicht mehr so viel Zeit bleibt und dass sie „hin machen soll“.

Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist ein Drei-Generationenhaushalt in Mörlenbach. Großmutter, Tochter und Enkelin wohnen in einer runtergekommenen Villa und die bereits geschiedene Tochter Ellen muss sich so langsam fragen, ob das schon alles war. Abenteuer und Spannung verspricht daher ein unbekannter Halbbruder, der unvermittelt in dem Leben der drei Damen auftaucht und Ellen und dessen Tochter Amalia auf eine Kreuzfahrt einlädt. Wie der Titel schon verrät, geht so manches über Bord. Nolls Lieblingswaffe ist nach eigener Aussage die günstige Gelegenheit und die ergibt sich für Ellen zu später Stunde im Gemach ihrer Konkurrentin Ortrun. Die Schriftstellerin selbst hat an Bord verschiedener Kreuzfahrtschiffe recherchiert zu welcher Tages- und Uhrzeit die meisten „Unfälle“ passieren: spät am Abend und ganz früh am Morgen, möglichst bei schlechtem Wetter. Und so können wir es dann auch in ihrem Roman nachlesen.

Nach dem Gehörtem war ich ein wenig enttäuscht. Die Handlung plätscherte mäßig vor sich hin und der Mord scheint nicht in Verbindung zur eigentlichen Geschichte zu stehen. Ihre letzte Lesung zu „Ehrenwort“ hatte mich mehr überzeugt. Trotzdem war es ein vergnüglicher Abend, weil man gern mit ihr zusammen lacht.

Eine letzte Anekdote zum Schluss: Während Ingrid Noll in einer Sparkasse in einer Schlange steht, nähert sich ein ihr unbekannter Mann und fragt sie, ob sie die Schriftstellerin sei, die die Krimis schreibe. Er würde sich wünschen, dass der nächste Roman eben in jener Sparkasse spielt – mit Raubüberfall und Geiselnahme. Und vor allem, dass auch er eine Rolle bekommt. Nach weiteren ausladenden Ausführungen meinte er nur abschließend: „Ach machen sie mit mir was sie wollen, nur machen sie mich dünner.“

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  1. Bei mir steht „Der Hahn ist tot“. So viel ich weiss, war das ihr erster Roman, der bei Diogenes veröffentlicht wurde.

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  2. Mit der Lektüre von Ingrid Noll habe ich sehr lange gewartet, da auch für mich Krimis eine eher abschreckende Wirkung haben. Was in deinem Regal steht, müsste Ladylike sein. Und das solltest du lesen!
    Ich lese sie so gern, weil es eben kein typischer Krimi schreibt. Angefangen von den originellen Figuren bis zu den Taten, die meist so ganz nebenbei passieren und für die man als Leser oft auch Verständnis zeigt. Ich glaube „Über Bord“ ist nicht ganz so gut, wie ihre letzten Bücher. Aber ich will hier keine Behauptung aufstellen. Habs ja noch nicht gelesen.
    Liebe Grüße

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  3. Die arme Frau Noll nimmt einiges sehr gelassen und hat einen ausgeprägten Hang zur Selbstironie ;) Das ist ja das Angenehme bei ihr, dass sie über sich selbst lachen kann und nicht wie eine Diva daher kommt. Ja, du musst sie erleben! Sie ist köstlich und für ihr hohes Alters außergewöhnlich erfrischend.
    Liebe Grüße

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  4. Ich habe noch nie ein Buch von Ingrid Noll gelesen, aber das liegt ganz bestimmt nicht an der Autorin, sondern daran, dass ich nicht gerade der grosse Krimifan bin. Es steht jedoch ein Roman von ihr in meinem Regal, da er in einer Jubiläumskassette des Diogenes Verlages enthalten war. Also irgendwann, werde ich mir den Krimi auch einmal vornehmen. Auf einer Kreuzfahrt war ich auch noch nie, vielleicht sollte man das Buch dann doch nicht unbedingt vor solch einer Reise lesen? ;)

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  5. Was für ein Bildgeschenk von Tomi Ungerer!
    Die arme Frau Noll. Jedenfalls scheint sie vor Leben nur so zu sprühen, Respekt. Ich muss sie unbedingt mal selbst erleben. LG mila

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