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Meir Shalev "Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger"

Veröffentlicht am

Seit langem hat mich kein Buch mehr so berührt. Ich habe gleichermaßen gelacht und geweint und Meir Shalev schenkt mir mit diesem Roman eine literarische, eine dritte Großmutter: Großmutter Tonja. Es ist ein Buch über die Familie des israelischen Erfolgsautors, eine Geschichte über das Israel der frühen Jahre, über das Leben einer ganzen Generation, vor allem aber eine liebevolle Widmung an seine russische Großmutter und ihren amerikanischen Staubsauger „Sweeper“.

Zu dieser Geschichte gibt es natürlich, wie in jeder Familie, verschiedene Versionen: „Die Sache war so“ war die Eingangsformel für jede Geschichte, die sie erzählte. Sie sprach diese Worte unweigerlich in ihrem starken russischen Akzent, mit dem R, bei dem die Zungenspitze nur so am Gaumen ratterte. Auch ihre Kinder – meine Mutter und deren Geschwister – sagten „die Sache war so“ mit demselben Akzent und demselben R, wenn sie eine Geschichte begannen und nicht nur sie. Bis heute benutzen wir diese Eröffnung und diesen Akzent, um zu sagen: Das ist die Wahrheit. Was ich gleich erzähle, entspricht den Tatschen.“

Großmutter Tonia &
Großvater Aaron

Der Staubsauger war ein Geschenk ihres in den USA lebenden Schwagers. Hintergrund: Großmutter Tonia war von einem Putzwahn besessen, den man nicht besser beschreiben kann als dieser kleine Dialog zwischen Meir und einer damaligen Freundin:

„Sie hat einen Sauberkeitsfimmel“, sagte ich.
„Macht nichts“, erwiderte sie „meine Mutter auch.“
Ich lächelte höflich. „Abigail“ sagte ich, „glaub mir, du verstehst nicht, worum es geht, um welche Dimension und welches Niveau von Sauberkeit.“
„Meine Mutter kratzt die Fugen zwischen den Küchenkacheln mit Zahnstochern aus, und zwar eigenhändig, weil sie der Putzfrau nicht traut“, gab sie zurück.
„Abigail“, sagte ich, „du kommst der Sache näher, aber du und deine Mutter liegen immer noch weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Meine Großmutter wäscht die Wände ab, und auf jede Türklinke und jeden Fenstergriff legt sie einen kleinen Lappen, damit man nicht mit schmutzigen Fingern dranfasst.“
„Meine Mutter“, konterte Abigail, „desinfiziert die Dusche nach jeder Benutzung.“
Ich prustete los. „Bei euch duscht man in der Dusche? Bei meiner Großmutter ist das verboten. Wir haben einen Schlauch an der Wand des Kuhstalls, und das ist eine vorzügliche Dusche, wenn ich das anfügen darf.“
„Meine Mutter“, sagte sie, „fährt immer noch einen Buick aus den fünfziger Jahren, aber den Staubsauger wechselt sie jedes Jahr, weil das neue Modell womöglich besser saubermacht und noch drei Staubartikel mehr aus dem Teppich saugt.“
„Abigail“, sagte ich, „aus Liebe und aus Rücksicht auf dich hatte ich das Thema Staubsauger nicht anschneiden wollen, aber da du selbst damit angefangen hast, sollst du wissen, dass auch meine Großmutter eine Staubsauger besitzt.“
„Ah ja?“, fragte Abigail verwundert, was bedeuten sollte: Na und? Viele Leute haben ein Staubsauger. Dafür braucht man keinen Sauberkeitsfimmel.
„Sie hat einen Staubsauger, benutzt ihn aber nicht“, erklärte ich.
„Weil er nicht richtig funktioniert?“
„Weit schlimmer. Sie benutzt ihn nicht, weil er davon schmutzig wird.“ „Was?!“
„Du hast richtig gehört. Weil er sich mit Staub und Dreck füllt und dann ebenfalls saubergemacht werden muss.“
„Du hast gewonnen“, gestand sie zu.

Seine Freude am Erzählen spürt man auf jeder Seite. Auf einer Lesereise in Russland wurde er sogar vom ansässigen Publikum als russischer Autor, aufgrund seiner wunderbaren Erzählkunst, betitelt.  Seine Beschreibungen der Familienmitglieder, der Landschaften aber auch der damaligen Widrigkeiten der jüdischen Einwanderer aus aller Herren Länder sind so bildhaft dargestellt, dass man wahrhaftig Teil dieser Familie wird und nach Ende der Lektüre eine weitere Version der Geschichte mit „Die Sache war so“ beginnen könnte. Gleich eingangs weist er aber daraufhin, dass er die große Geschichte seiner Familie in einem anderen Buch, nicht heute oder morgen auch nicht in den nächsten Jahren schreiben wird. Aber schon jetzt können wir uns auf dieses Buch freuen, denn es wird ein farbenfrohes Mosaik israelischer Geschichte in Verbindung mit einer ganz besonderen Familienchronik.

Schon sein Roman „Im Haus der Großen Frau“ überzeugte mich vor wenigen Jahren. Aber erst jetzt verspüre ich Neugierde und Lust auf seinen ersten Roman „Ein Russischer Roman“ und die vielen anderen Werke von ihm. Ich lege euch dieses Buch wirklich ans Herz. Es ist für mich die Perle des Jahres 2012!

Für die Zusendung des Rezensionsexemplars möchte ich mich ganz herzlich beim Diogenes Verlag in Zürich bedanken.

_____________________
 
Meir Shalev „Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger“
Diogenes Verlag 2011
Original: „Ha-davar haja kacha“
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»

  1. Pingback: Meir Shalev: Mein Wildgarten | glasperlenspiel13

  2. Liebe Vera,
    mir hat Shalevs staublastige Großmutter auch SEHR gefallen.
    Darf ich Dich zur Lektüre meiner Rezension dieses originellen Romanes auf mein Buchbesprechungs-Blog einladen?

    Hier folgt der Wink mit dem Link:
    http://leselebenszeichen.wordpress.com/2013/07/31/meine-russische-grosmutter-und-ihr-amerikanischer-staubsauger/

    Staubfreie Grüße
    Ulrike von Leselebenszeichen

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    • buecherliebhaberin

      Liebe Ulrike,

      vielen Dank für deinen Besuch, deine Verlinkung und deine Einladung. Ich war eben auf deinem Blog und dank Dir konnte ich die Geschichte noch einmal Revue passieren lassen. Er ist nun mal ein begnadeter Erzähler. Hast du sein aktuelles Buch „Zwei Bärinnen“ schon gelesen? Wieder sehr fesselnd und unglaublich gut geschrieben. Woher hat dieser Mann seine vielen Lebensweisheiten? Wir wissen ja nun von wem – von seiner Großmutter.

      Es grüßt (staubfrei)
      VERA

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      • Liebe Vera,

        wie schön, daß Du mich so schnell aufgesucht hast :-)
        „Zwei Bärinnen“ habe ich noch nicht gelesen, da meine SÄULE noch zu lesender Bücher mich bald überragt;dabei ich bin nur 160cm hoch bzw. tief ;-)

        Gutenachtgruß
        von Ulrike

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  3. Liebe buechermaniac,

    um den russischen Roman beneide ich Dich. Den hätte ich auch seh gern.

    Liebe Mila,

    unbedingt sollen hier auch ältere und ganz alte Bücher besprochen werden. Erst seitdem ich den Blog führe, lese ich wieder vermehrt Neuerscheinungen – angeregt duch die Blogbeiträge anderer. Daher ist ein Buch aus 2011 relativ neu für mich.

    Liebe Grüße

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  4. Nach einem Jahr ist ein Buch schon „alt“… Das stimmt mich traurig… (Aber schön dass du es hier noch besprochen hast…)

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  5. Leider war das Buch weg, dafür habe ich „Ein Russicher Roman“ gekauft und „Judiths Liebe“ wäre auch noch zu haben gewesen. Ich komme bestimmt noch an das Buch ran.

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  6. Liebe buechermaniac,

    das ist ja erstaunlich: Schon ein Jahr nach Erscheinen findest du dieses Büchlein in deinem Antiquariat. Am besten gleich besorgen. Du wirst es nicht bereuen, denn dieses Buch macht einfach Freude!
    Liebe Grüße in die Schweiz

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  7. Liebe Mila,

    lass dich bitte nicht vom Cover abschrecken! Das scheint auf den ersten Blick nicht ganz gelungen, da es der Zielgruppe nicht entspricht aber es passt so wunderschön zur Geschichte. Wenn Du das Buch gelesen hast, wirst du verstehen warum. Das Zitat musste sein – es hätte auch der Klappentext sein können, denn es fängt das Wesen von Großmutter Tonia wunderbar ein.

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  8. Liebe caterina,

    mit „Großmama packt aus“ würde ich es nicht gern vergleichen, eher schon mit Amos Oz, obwohl der Ton wirklich ein anderer ist. Shalev ist auch wesentlich einfacher zu lesen. Behalte unbedingt beides im Auge ;)

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  9. Du hast eine tolle Passage aus dem Buch zitiert, deshalb werde ich mir dieses Buch doch besorgen und ich weiss auch schon wo – in unserem Antiquariat habe ich es bereits gesichtet :)

    Danke für den Tipp

    LG buchermaniac

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  10. Du hast mich mit dem zitierten Dialog auch von dem Buch überzeugt! Und das, obwohl ich das Cover befremdlich fand und eher nicht dazu gegriffen hätte. LG Mila

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  11. Nein, Meir Shalev war mir bisher kein Begriff, bzw. der Name ist mir schon ein paarmal begegnet, aber wirklich zuordnen konnte ich ihn nicht. Auf die Taschenbuchausgabe dieses Buches bin ich aber in der Verlagsvorschau aufmerksam geworden: Der Titel weckte Assoziationen einerseits zu „Großmama packt aus“, andererseits auch zu Amos Oz' „Eine Geschichte von Liebe von Finsternis“, die natürlich nicht so einen heiteren Ton anschlägt, aber ich meine mich zu erinnern, dass es dort ebenfalls eine Großmutter mit einem Putzfimmel gab, die immer über das staubige, schmutzige Israel gewettert hat.
    Ich behalte Buch und Autor im Augen ;)

    Viele Grüße

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    Antwort
  12. Liebe caterina,

    nein der Ton ist nicht durchweg heiter aber auch nie angestrengt. Die israelische Geschichte läuft im Hintergrund. Im Vordergrund steht immer die Familie, die natürlich auch ein Teil der Landeschronik ist. Er beschreibt einfach sehr genau, wie die Generation damals gelebt hat, welchen Schwierigkeiten sie ausgesetzt war und was ihn nachhaltig geprägt hat. Aber gerade die vielen Anekdoten aus dieser Zeit sind doch sehr amüsant bzw. Shalev gelingt es diese heiter darzustellen.
    Ich bin mir sicher, dass Dir das Buch gefallen wird. Hattest Du schon von ihm was gelesen?

    Liebe Grüße

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  13. Oh, das klingt nach einem wunderbaren Lesevergnüngen, der zitierte Dialog ist einfach herrlich. Zieht sich durch den gesamten Roman dieser leichte, heitere Ton? Auch dort, wo zum Beispiel die jüdische/israelische Geschichte thematisiert wird?

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