Irène Némirovsky „Die süße Einsamkeit“

In den letzten Jahren entwickelte sich eine bestimmte Serie für mich zum Highlight im literarischen Herbst. Jedes Jahr erscheint im Knaus Verlag postum ein neues Werk von Irène Némirovsky. So auch dieses Jahr. Ich hatte ja schon zur Leipziger Buchmesse davon erfahren und um so gespannter war ich nun auf den neuen Roman „Die süße Einsamkeit“, der zum ersten Mal überhaupt auf Deutsch erschien.

Eine Kindheit ohne Elternliebe, geprägt von Geld, Spielsucht und menschlicher Kälte. Ich könnte es mir gar nicht vorstellen. Die Tochter von Bella und Boris Karol muss aber genau so aufwachsen: mit einer herrsüchtigen Mutter, die ihr Älterwerden verhindern will und einem Vater, der der Spielsucht verfallen ist. Einziger Zufluchtsort ist ihre französische Gouvernante Madame Rose, bei der sie Geborgenheit und Zuneigung erfährt. Die Liebe zu ihrem Vater wird nur selten bis gar nicht erwidert, zu sehr ist er dem immer wichtiger werdenden Geldmarkt und den unersättlichen Wünschen seiner Frau verfallen. Hélènes Gefühle für ihre Mutter sind hingegen von Hass geprägt und werden mit den Jahren immer grausamer. Als sie die Liaison der Mutter zu ihrem Cousin entdeckt, entpuppt sich die Liebe zwischen Mann und Frau für sie zur Farce ja sie verachtet geradezu diese besondere Bindung. Um sich an ihrer verpfuschten Kindheit zu rächen, schmiedet sie schließlich einen Plan. Bella Karol soll und muss leiden und nichts ist dafür geeigneter als eben ihren Liebhaber zu umgarnen. Hélènes beginnt ein Spiel, bei dem es keine Gewinner geben kann.

Im Mittelpunkt des Romans steht eine spannungsgeladene Mutter-Tochter Beziehung, die aus der Sicht von Bella Karol von den vermeintlichen Opfern einer Mutter geprägt ist. Sie sieht in ihrer Tochter ein undankbares, egoistisches Kind, das zugleich der tägliche Beweis ihres eigenen Älterwerdens ist. Trotzdem bleibt sie in ihren Augen das ewige Kind, kleidet sie auch entsprechend und käme nie auf den Gedanken, dass sie eine Konkurrentin werden könnte. Hélène ist jeder Kontakt mit der Mutter zuwider und versucht so weit es geht diesen zu vermeiden. Die eigentliche Mutterrolle in ihrem Leben übernimmt Madame Rose.

Némirovsky gelingt es neben den zwischenmenschlichen Beziehungen auch bildhafte Eindrücke dieser Zeit darzustellen. Wie sogenannte Neureiche in panischer Angst vor der Revolution ihre Diamanten in Kleider einnähen, wie sich die untergehende Monarchie eben diesen Neureichen anbiedert und wie „Eltern im Nachbarzimmer Geld zählten und in Bellas Kleider Juwelen einnähten. Sie hörte ihr gedämpftes Geflüster und das Klicken der Goldstücke“.

„Das Gold floss in Strömen, doch der Lauf dieser Ströme war so launisch, ungestüm und bizarr, dass es selbst jene erschreckte, die von ihnen lebten. Es ging alles zu schnell, zu leicht… Man kaufte Aktien an der Börse, und schon stieg der Wert wie das Fieber von Schwerkranken.“

Ich danke dem Knaus Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. Jetzt heißt es wieder ein Jahr warten bis der nächste Roman erscheint. Möge es doch ewig so weitergehen und das Archiv der Irène Némirovsky unergründlich sein.

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Irène Némirovsky „Die süße Einsamkeit“
Original: „Le vin de solitude“
Albrecht Knaus Verlag, München 2012

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2 Comments

  1. Liebe buechermaniac,

    ich habe doch tatsächlich erst gestern Abend deinen Beitrag gelesen. Hatte mich schon darauf gefreut und mich gefragt, wann du aus dem Urlaub zurück bist. Manchmal fliegt die Zeit nur so dahin.
    Wir lassen uns einfach überraschen, was uns nächstes Jahr präsentiert wird. Schade, dass nicht alle ihre Werke in dieser schönen Ausgabe erscheinen. Aber die Lizenzen sind nun mal auf verschieden Verlage verteilt.

    Liebe Grüße zurück an die lesewelle

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  2. Eine grossartige Rezension über ein grossartiges Buch, liebe Vera. Ich war ja bereits gespannt, wie du den Roman sehen würdest. Ja, ich hoffe auch, dass sich im Némirovsky-Archiv noch viele literarische Perlen finden. Diese Autorin ist schon wie eine Droge. Der Entzug dauert viel zu lange ;)

    Liebe Grüsse
    buechermaniac

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