Jessica Durlacher "Der Sohn"

Vor nicht allzu langer Zeit hatte Brigitte mit ihren Empfehlungen zu israelischen Autoren auf glasperlenspiel13 ein Buch von Jessica Durlacher gewonnen. Sie war so nett mir ihre Eindrücke schriftlich zu schicken. Vielen Dank noch einmal an Dich liebe Brigitte für diesen Gastbeitrag.

Die Art und Weise, wie Jessica Durlacher es verstanden hat, die Angst (nicht nur wegen der Überfälle, sondern auch wegen der Absicht des Sohnes, zu den Marines zu gehen) und das Gefühl der Machtlosigkeit, Hilflosigkeit darzustellen, hat mir unglaublich imponiert – es war daher ein ganz eigenes Lesen: Es beginnt langsam, man bekommt viel erklärt, dann geschieht das Schreckliche (oder sollte ich besser sagen: das erste Schreckliche?) und unwillkürlich lese ich schneller, will „es“ hinter mir haben, will, dass „es“ aufhört. Und dann – wieder langsames Lesen, einfinden in die Gedanken- und Gefühlswelt einer zutiefst gedemütigten und verängstigten Frau, die schweigt, aus Scham und weil sie meint, stark sein zu müssen, ihre Lieben schützen zu müssen. Die nächste Schreckenssituation lässt nicht auf sich warten, wieder lese ich schneller, will „es“ hinter mich bringen, will „das“ eigentlich auch gar nicht so genau wissen. Und so geht es fort. Ich bin Frau Durlacher dankbar, dass sie es mir ermöglicht hat, das Buch mit einer Langsamlesephase beenden zu können!

„Der Sohn“: Ein Buch auch über Schuld und Sühne, über das Verhältnis dieser beiden Begriffe zueinander, und ein Buch über Vergebung und Vergeben können (wie schwer das sein kann, weiß Frau Durlacher gut darzustellen). Dass Vergeben nicht nur dem Täter, Verursacher oder wie immer man ihn nennen will, gilt, sondern in erster Linie dem Opfer, ihm hilft, damit einen Abstand zu gewinnen, zu verarbeiten, letztlich Täter (und Tat) die Macht abspenstig macht, die dieser durch die Tat über das Opfer erlangt hat, und dass man genauso sehr, wenn nicht noch mehr, sich selbst vergeben muss, hat die Ich-Erzählerin begriffen. Die große Tragik im Leben des Vaters scheint mir zu sein, dass er das nicht konnte.
Bedrückend die Sprachlosigkeit, die aus der Scham und den Schuldgefühlen resultieren, ebenso bedrückend die Hilflosigkeit angesichts von Tatsachen oder Geschehnissen, auf die man keinen Einfluss hat. Ein Weg aus den Dramen dieser Familie ist zum Ende hin aufgezeigt, vielleicht ist er gangbar, vielleicht werden sich andere Wege, vielleicht nur Pfade finden. Ein ungemein lebendiger Roman, der durch die Striche, mit denen die Charaktere gezeichnet sind, und das letztlich wertungsfreie Erzählen sehr gewinnt. Jessica Durlacher ist ganz bei ihren Protagonisten, sie stellt sie nicht bloß, lässt sie schon gar nicht allein; als Leser darf ich sie mögen oder auch nicht, mir wird nichts aufgedrängt, ich kann den Weg mit ihnen gehen oder ich kann es lassen. Ich bin sehr gerne mitgegangen und ich danke Dir nochmals sehr, sehr herzlich, dass Du mir Gelegenheit gegeben hast, dieses Buch zu lesen. Es wird nicht das letzte Buch sein, das ich von Jessica Durlacher lese.
Ein letztes noch: Die Krimi- oder Thriller-Elemente sind zwar für die Geschichte extrem wichtig, aber für mich waren die Entwicklungen, die Gefühlswelten das, was das Buch für mich so wertvoll werden ließen.

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