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Christa Wolf politisiert den Lesekreis

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Der Literaturkreis tagte endlich mal wieder und im Fokus stand dieses Mal eine ganz besondere Schriftstellerin: Christa Wolf. Zwei ihrer Bücher wurden vorgestellt und diskutiert: der Roman „Kassandra“ und ihr letztes autobiografisches Werk „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“

Letzteres habe ich nicht gelesen, sondern gehört. Ein einmaliges Erlebnis! Ihr wird oft monotones, leises und unspektakuläres Vorlesen vorgeworfen. Dieser Ansicht kann ich mich nicht anschließen. Wie schon bei „Ein Tag im Jahr“ hatte ich das Gefühl, das Gehörte viel intensiver aufnehmen zu können. Ihre für mich besondere Art des Vorlesens – wohl überlegte kurze Pausen gepaart mit authentischem Erzählfluss – bewegt und das Gehörte setzt sich fest. Selbst heute – knapp ein halbes Jahr später – habe ich noch immer verschiedene Satzfetzen im Gedächtnis. Viel zu schnell gingen jedoch die knapp acht Stunden vorbei und beim Hören dachte ich schon mit etwas Furcht an diesen Beitrag. Würde es doch schwer werden die Atmosphäre des Gehörten einzufangen.

„Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ ist vor allem ein Rückblick, ein Blick auf Erlebtes, auf einschneidende Ereignisse, auf Menschen und Wegbegleiter und ein tiefer Blick auf das eigene ICH. Sie quält sich mit Fragen und Selbstzweifeln, versucht zu rekapitulieren, um vergangene Handlungen besser zu verstehen und nach all den Jahren auch zu akzeptieren. Sie ist dabei sehr mutig, denn nicht jeder Schriftsteller oder Künstler geht mit sich und seiner Vergangenheit so radikal zu Gericht. Ausgangspunkt ist ihr mehrmonatiger Aufenthalt in L.A. Anfang der neunziger Jahre. Mit einem Stipendium des Getty Centers will Christa Wolf ihr aktuelles Forschungsprojekt vorantreiben. Während dieser Zeit lernt sie viele interessante Menschen und die Stadt der Engel L.A. kennen. Besonders anregend fand ich ihre Ausführungen zu den deutschen Exilierten vor und während des 2. Weltkrieges. Thomas Mann und Bertolt Brecht hätte ich ja noch zusammen bekommen aber die Fülle und Vielschichtigkeit der damaligen Kolonie ist enorm (mehr zu diesem Thema auch hier).

In vielen Kritiken wird ihr langatmige Detailverliebtheit vorgeworfen, zuweilen sogar Langweilige. Wahrscheinlich hätte ich beim Lesen einige Textstellen als anstrengend befunden, aber sie zu hören, war ein Genuss. Beeindruckend fand ich auch dieses Mal wieder ihren enormen Sprachschatz. Wie sie mit der Sprache jongliert, ohne dabei gekünstelt zu wirken. Spätestens nach der Lektüre eines ihrer Werke wird einem schmerzlich bewusst, wie groß der Unterschied zwischen aktiven und passiven Sprachgebrauch ist.

Von ihren Romanen sind wir relativ schnell weggekommen, um uns mit der Frage zu beschäftigen, warum ist sie geblieben. Und plötzlich waren wir mittendrin in der Diskussion um das richtige Gesellschaftsmodell. Begriffe wie Kapitalismus und Sozialismus, Individuum und Gemeinschaft, Freiheit und Diktatur flogen uns um die Ohren und es war spannend zu sehen, in welche Richtung sich unser Gespräch entwickelte. Und ist das nicht der eigentliche Erfolg eines Schriftsteller, wenn er den Leser zum Nachdenken anregt, zur Diskussion und zum Hinterfragen? Bei Christa Wolf gelingt es wohl mit jedem ihrer Bücher. Ich freue mich zumindest auf die nächste Lektüre. Es wird wohl „Kindheitsmuster“ sein. Erst vor kurzem habe ich eine wunderschöne Ausgabe dieses Romans geschenkt bekommen.

Zu „Kassandra“ habe ich mich jetzt nicht geäußert, da ich den Roman nicht selber gelesen habe. Aber vielleicht könnt ihr ja Leseerfahrungen im Kommentarfeld oder sogar einen Link zu euren Rezensionen hinterlassen.

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  1. Pingback: Sarah Kaminsky "Adolfo Kaminsky Ein Fälscherleben" | glasperlenspiel13

  2. Liebe L.,

    ja Kassandra steht auch auf der Liste, werde mich aber erstmal „Kindheitsmuster“ widmen. Was hat Dich denn bei Kassandra besonders fasziniert? Habe noch immer sehr viel Respekt – allein der Titel! Schon komisch, dass ich zunächst all ihre autobiografischen Werke lese, ehe ich mich ihren Romanen nähere. Vielleicht hilft mir dieser Hintergrund beim Verständnis der Texte.

    Beneiden könnte ich Dich allerdings auch, da Du schon alles gelesen hast und Dich nun anderen Büchern widmen kannst. Was liest Du denn momentan?

    Liebe Grüße zurück

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  3. Liebe V. Dein Beitrag hat mich sehr gefreut. Aber Kassandra ist ein absolutes Muss! Ein bisschen beneide ich Dich, dass fast alles noch vor Dir liegt, aber eigentlich kann man fast alle ihrer Bücher gut mehrmals lesen. Bin gespannt auf Deine Kindheitsmuster-Kritik! Liebe Grüße, l.

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  4. Liebe B.,

    schön von Dir zu hören. Ich weiß, dass Du sie noch einmal live mit eben diesem Buch erlebt hast. Ich hatte dieses Glück nie, hab die vielfältigen Gelegenheiten immer an mir vorbeiziehen lassen – wie schade. Ja, lesen muss ich sie auch noch- hab sie bis jetzt nur gehört.

    In Zukunft wird hier wieder mehr erscheinen und ich freu mich, dass mir meine LeserInnen treu geblieben sind.

    Liebe Grüße
    Die Bücherliebhaberin

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  5. Hallo Bücherliebhaberin,

    schön, dass du wieder schreibst und dann noch Christa Wolf – ja, hab es ähnlich stark empfunden, wiewohl in gelesener Form- hat etwas länger gedauert, aber es hat sich gelohnt. Neben der großen Schriftstellerin ist sie eben auch ein integerer Mensch gewesen, wie es nur noch wenige gibt.

    Euch ein gutes Wochenende!
    B.

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