Junge, deutschsprachige Literatur: Benedict Wells, Christina Maria Landerl und Albrecht Selge

 

Unter der Überschrift „Qualitätskontrolle 0112“ fanden sich gestern Abend drei junge, deutschsprachige Schriftsteller im Literaturhaus Frankfurt ein. Mit im Gepäck hatten Landerl und Selge ihre ersten Romane, Wells bereits seinen dritten Roman.

 

Verwundert stellte ich fest, dass es noch freie Stühle gab, war ich doch extra früher losgefahren, da ich einen regelrechten Ansturm auf Benedict Wells erwartet hatte. Und wieder überrascht mich Frankfurt. Ist es wirklich eine Buch- bzw. Literaturstadt? Gehört dazu nicht auch das entsprechende Publikum?

Eine Qualitätskontrolle im wahrsten Sinne wurde jedoch nicht durchgeführt, denn es wurden keine bestimmten Anforderungen definiert oder festgelegt. Holger Heimann vom Börsenblatt führte durch den Abend und stellte die einzelnen Schriftsteller und ihre Werke vor. Seine erste Frage an alle drei. „Wie schwer war es den ersten Text an einen Verlag zu bringen?“ Wells versuchte sein Glück ganze vier Jahre lang und wurde sogar vom „Festival der abgelehnten Schriftsteller“ abgelehnt. Hingegen Landerl und Selge mehr Glück hatten und relativ schnell einen Verlag fanden.

e0d91-christinamarialanderl
Christina Maria Landerl

Christina Maria Landerl machte den Anfang mit „Verlass die Stadt“. In ihrem Roman ist die Stadt Wien gemeint, zu der sie selbst ein zwiespältiges Verhältnis hat „Ich liebe Wien, wenn ich nicht dort lebe“ und so kann sie die Stadt nur genießen, wenn sie auch bald wieder fahren kann. Der Bezug zu Ingeborg Bachmann in ihrem Roman kommt nicht von ungefähr. Hat doch der Roman „Malina“ sie früh zum Schreiben gebracht. Eine ausführliche Rezension zum Roman findet ihr bei der Klappentexterin.

 

a2099-albrechtselge
Albrecht Selge

 
Albrecht Selge konnte bei seinem Roman „Wach“ auf seine frühere Tätigkeiten als Verfasser von akustischen Reiseführern zurückgreifen. Er durchwanderte dafür Städte wie London und Berlin. Sein Held August, Angestellter einer modernen Shoppingmall, durchstreift jede Nach aufs Neue Berlin und erlebt durch einen unnatürlichen Wachzustand eine regelrechte Wahrnehmungsverschiebung. Eine Kurzvorstellung des Romans steht bei CULTurMAG zur Verfügung.

e00ca-benedictwells
Benedict Wells

Wirkten Landerl und Selge doch etwas steif auf mich, so war es einfach erfrischend einen Benedict Wells zu hören und zu erleben: Zunächst unterbrach er die Veranstaltung, um sich kurz zu entschuldigen (einmalig – so was hab ich noch nie erlebt). Danach erklärte er ganz kurz, wie er auf das Thema seines neuen Romans „Fast genial“ gekommen ist. Nach zwei erfolgreichen Romanen hat er halt überlegt, was er als nächstes thematisieren könnte und durch einen Zufall ist er auf einen Artikel über die Samenbank genialer Männer aus den 80er Jahren gestoßen. Dieser Artikel wurde für ihn zum Ideengeber, hat aber mit Betroffenen selbst nicht gesprochen. Als Heimann mit seiner Fragerunde fortfahren wollte, warnte Wells ihn doch bitte nichts vom Ende zu verraten. Heimann versuchte es und scheiterte mit der Aussage „Francis Hoffnung wird ja am Ende enttäuscht…“ Daraufhin unterbrach ihn Wells sofort und meinte „Hoffnung ist doch der Kern des Buches!!!“ Allgemeines Gelächter – einfach köstlich. Wells größte Hoffnung bzw. sein größter Traum als Autor bei Diogenes, seinem Lieblingsverlag, zu veröffentlichen ist hingegen wahr geworden. Der Platz auf der Spiegel Bestsellerliste ist ihm dagegen nicht geheuer, da das Scheinwerferlicht zu „grell“ sein. Da zieht er es vor sich lieber nach Barcelona (seiner zweiten Wahlheimat) zurückzuziehen und für immer auf einen Platz 1 auf besagter Liste zu verzichten. Ein Special zum Roman gibt es auf der Diogenes Seite.

Fazit: Der neue „Wells“ wird gekauft. Selge hat mich wenig und Landerl leider gar nicht überzeugt.

Advertisements

9 Comments

  1. Was für ein spannender Abend, liebe Bücherliebhaberin! Da wäre ich gern mit dabei gewesen! Deine Entscheidung ist eine gute, eine sehr gute sogar, und ich bin gespannt, wie dir der Roman gefällt!

    Herzlichst,
    Klappentexterin

    PS. Danke auch für den Link zu meiner Landerl-Rezension!

    Gefällt mir

  2. Huch, das habe ich wohl missverstanden, und deine Rezension hatte ich damals bestimmt auch gelesen… Ja, ha, das Gedächtnis weist immer mehr Lücken auf ;)
    Hört sich jedenfalls (auch jetzt, ein halbes Jahr später, noch) sehr gut an, was du über Becks Roadtrip geschrieben hast, und ich kann's kaum erwarten, das Buch irgendwann in den Händen zu halten!
    Gruß

    Gefällt mir

  3. Liebe Bücherliebhaberin,
    ein schöner Abend war's und ich stimme deinem Resümee uneingeschränkt zu. Benedict Wells war herrlich erfrischend und natürlich – nach der etwas verkopften, spröden und monoton lesenden Frau Landerl und dem nicht uninteressanten, aber doch ein wenig blassen Albrecht Selge. Ich habe Lust bekommen auf eine Wells'sche Lektüre, werde mich aber nicht gleich an „Fast genial“ wagen, sondern an seinen so vielerorts gelobten Debütroman. Irgendwann. In der Zwischenzeit warte ich auf deine Meinung dazu. Angesichts der schönen Widmung im Buch wirst du das Lesen sicher nicht mehr allzu lange aufschieben :)
    Liebe Grüße,
    caterina

    Gefällt mir

  4. Ich kenne Benedict Wells auch erst seit einem halben Jahr. Mir geht es da wir dir: Ich habe auf vielen Blogs von „Becks letzten Sommer“ gelesen und mir dann später den Roman spontan gekauft. Du wirst es auf jeden Fall nicht bereuen!
    Die besten Grüße

    Gefällt mir

  5. Liebe nantik,
    über den neuen Roman von Wells habe ich auch schon sehr unterschiedliche Meinungen gehört aber ich denke, dass er mir gefallen wird. Ich werde mit der Lektüre aber sicher noch 1-2 Jahre warten. Dann ist der ganze Hype vorbei, das Buch lässt sich entspannter lesen und Benedict verdient dann auch noch ein paar Euros ;)
    Am Ende soll ihm wohl ein Agent geholfen haben, obwohl auch dieser meinte: „Diogenes – vergiß es“ Jedenfalls rief dann doch noch eines Abends der verstorbene Daniel Kehl an, um ihm mitzuteilen, dass er den Roman bringen wird.
    Ehrlich gesagt bin ich nur wegen Wells zu dieser Veranstaltung gegangen. Normalerweise gehe ich auch nur zu Schriftstellern, die ich kenne oder aber der Autor hat eine spannende Vita & ein interessantes Thema zu bieten, dann reizt mich auch Neues.

    Gefällt mir

  6. Benedicht Wells und auch seine Lesungen sind ja momentan wirklich in aller Munde. Ich denke, demnächst werde ich wohl auch einmal eines seiner Bücher lesen müssen. Er macht auf jeden Fall einen sympathischen Eindruck!
    Liebe Grüße, muselmu :)

    Gefällt mir

  7. Oh, dann bin ich mal gespannt, wie dir „Fast genial“ gefallen wird. Ich persönlich fand den Roman sehr gut – vor allem das Ende hat mich zappeln lassen (ist ja immer gut, wenn am Schluss die lesenden Emotionen etwas überkochen). Allerdings kenne ich auch ein paar andere Leser, denen der Roman so gar nicht gefallen hat. Aber ich habe eh ein Faible für Benedict Wells. Mich würde mal interessieren, ob Wells verraten hat, wie er dann doch noch bei Diogenes gelandet ist, obwohl es zuerst ja nur lauter Absagen hagelte.

    Ich finde es übrigens toll, dass du zu so einer Veranstaltung gehst, ohne die aktuellen Bücher der Schriftsteller zu kennen. Da kannst du dich dann insprieren und noch verlocken lassen. Ich bin da voreingenommen und besuche nur Lesungen von Schriftstellern, die ich kenne und bereits als für mich gut eingestuft habe. Dadurch ist mir bestimmt schon die ein oder andere literarische Entdeckung durch die Finger geglitten … :-(

    Gefällt mir

Und was sagst du dazu ...?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s