Roberto Bolaño „Lumpenroman“

Nachdem ich „2666“, eines der letzten Werke des chilenischen Schriftstellers Roberto Bolaño vor seinem Tod, geradezu verschlungen hatte, sah ich mich schon als heißblütige Bolaño-Bewunderin und gierte nach mehr. So musste auch gleich der „Lumpenroman“ gekauft werden. Nun bin ich fertig mit der Lektüre und doch etwas ernüchtert. Kurz zum der Inhalt des nicht umfangreichen Romans: Wir lernen ein Geschwisterpaar kennen, das bei einem Autounfall beide Elternteile verliert. Jeder versucht für sich mit der Situation fertig zu werden und mit schlecht bezahlten Jobs halten sich Bianca und ihrer Bruder über Wasser. Die Schule schmeißen sie nach einiger Zeit hin und nach der Arbeit schlagen sie sich die Zeit mit Fernsehen & ausgeliehenen Videos tot. Eines Tages bringt der Bruder zwei „Freunde“ mit nach Hause, die zusammen mit ihm einen Plan aushecken: Sie wollen einen ehemaligen Bodybuilder, einst Mister Universum, ausrauben. Dafür soll sich Bianca ihm jede Nacht hingeben… Ich muss leider gestehen, dass ich zu diesem Buch keinen so rechten Zugang gefunden habe. Ich weiß nicht, ob es am besonderen Schreibstil lag. Auf der einen Seite lässt uns Bianca an ihren Gedanken und Gefühlen teilhaben, vor allem im letzten Teil, als sie sich auf den Plan ihres Bruders einlässt, auf der anderen Seite wirkt sie trotzdem sehr distanziert und nüchtern auf mich. Bolaño lässt viele Stelle offen, macht Anspielungen und überlässt am Ende die Interpretation dem Leser. Der „Lumpenroman“ liest sich zwar leicht und schnell runter aber Bolaño will uns mehr mit auf dem Weg geben: die Verarbeitung von Trauer und Schmerz, das tröge Leben italienischer Jugendlicher, die Dominanz des Fernsehens und die zunehmende Gewalt in unser heutigen Gesellschaft. Einige Kritiker empfehlen dieses Buch als Einstiegslektüre des Chilenen. Das würde ich nicht unterschreiben, dann lieber gleich das opulente Werk „2666“ angehen!

Trotz dieser kleinen Enttäuschung werde mich zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal mit Bolaño beschäftigen. „Die Naziliteratur in Amerika“ und „Chilenisches Nachtstück“ wurden mir schon von vielen verschiedenen Seiten empfohlen.

Für alle, die sich eingehender mit dem „Lumpenroman“ beschäftigen wollen und alle Bolaño-Fans empfehle ich auf jeden Fall diesen Blog: Wilde Leser. Hier findet man alles rund um den Autor, seine Romane und vieles vieles mehr!

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Roberto Bolaño „Lumpenroman“
Original: „Una novelista lumpen“
Carl Hanser Verlag, München 2010
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4 Comments

  1. Den Autor kannte ich noch gar nicht, ohnehin ist mein literarischen Wissen über Lateinamerika quasi nicht vorhanden. Umso interessanter, hier von deiner Beiegsterung für diesen Roman zu lesen. Der gute Roberto ist schon notiert!

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  2. Hallo Fabian,

    ok ich gebe Dir Recht. Der mittlere Teil von „2666“ ist etwas anstregend und man sieht kein Ende der Greultaten. Ich fand aber die vielen verschiedenen Erzählstränge so spannend. Wie sie am Ende doch wieder zueinander finden oder auch nicht??!! Bolaño überlässt es dem Leser, welche Schlussfolgerungen er selbst ziehen möchte.
    Sobald man den Roman jedoch zu Ende gelesen hat, möchte man eigentlich wieder von vorn beginnen, da nun viele Ereignisse aus dem ersten Teil verständlicher sind. Bin nachwievor der Meinung, dass es sich lohnt!
    Liebe Grüße
    Vera

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  3. Ich hab 2666 irgendwann zugeklappt und weggelegt, nachdem ausreichend viele Tage mit der Lektüre über Funde von verstümmelten, vergewaltigten und ermordeten Frauen und Mädchen im Wüstensand beschlossen wurden. Daher war ich gespannt auf deine Kritik zum Lumpenroman. Jetzt werd ich wohl noch mal warten, bis du die nächsten Bolanos gelesen hast, bevor ich dem nächsten Feuilleton-Büchertipp folge. Interessant wäre allerdings noch, was du (und andere?) an 2666 mochten.
    Danke fürs Lesen und Gruß,
    Fabian

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